DIE ZEIT: Herr Waigel, Herr Regling, Herr Stark, an diesem Donnerstag wird in Brüssel über die Zukunft des Euro verhandelt. Sie waren dabei, als er eingeführt wurde. Es heißt, das war der Preis, den Deutschland für die Einheit zahlen musste.

Theo Waigel: Das ist falsch, auch wenn es oft behauptet wird, vor allem in Frankreich. Ich habe den Eindruck, dass damit die etwas unglückliche Rolle des französischen Staatschefs François Mitterand bei der Wiedervereinigung verklärt werden soll. Mitterand war damals wie auch die britische Regierungschefin Margaret Thatcher beim russischen Präsidenten Michail Gorbatschow in Moskau. Gorbatschow hat mir später erzählt, dass die beiden die Wiedervereinigung aufhalten wollten. Er ist darauf nicht eingegangen, und auch George Bush hat uns uneingeschränkt unterstützt. Um nicht mit leeren Händen dazustehen, wurde danach behauptet, man habe den Deutschen die Zustimmung zum Euro abgetrotzt.

Theo Waigel: "Manchmal muss man als Politiker etwas riskieren. Das gilt auch heute noch." © Thomas Dashuber für DIE ZEIT

ZEIT: Die Bundesbank wehrte sich lange gegen die gemeinsame Währung. Sie argumentierte, dass die Länder Europas dafür noch nicht bereit seien. Wie sind Sie damit umgegangen?

Klaus Regling: Ich weiß noch, wie Jürgen Stark und ich deswegen von Bonn nach Frankfurt zur Bundesbank gefahren sind, um mit Hans Tietmeyer, dem Präsidenten, und Otmar Issing, seinem Chefvolkswirt, zu sprechen. Wir haben gefragt: Wenn ihr immer sagt, dass eine Währungsunion ohne politische Union nicht geht, was meint ihr denn? Eine gemeinsame Armee, damit wir Euroland verteidigen können? Eine gemeinsame Außenpolitik? Diese Dinge mögen ja wünschenswert sein, aber brauchen wir sie wirklich für die Währungsunion?

ZEIT: Und wie lautete die Antwort?

Jürgen Stark: "Ich sage: Wir verstoßen gegen den Vertrag von Maastricht." © Thomas Dashuber für DIE ZEIT

Regling: Es ging ihnen um Regeln für die Haushaltspolitik der Mitgliedsstaaten.

Jürgen Stark: Wir überlegten, wie man die Euro-Länder dazu bringen kann, ihre Staatshaushalte dauerhaft in Ordnung zu halten. Der Vertrag von Maastricht – das Gründungsdokument der Währungsunion – regelt lediglich, dass das Haushaltsdefizit von Staaten, die den Euro einführen, nicht höher als drei Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung sein darf. Mit meinen Mitarbeitern habe ich dann beraten, wie man die Vorschriften konkreter und strikter fassen kann. Das war die Geburtsstunde des Stabilitätspakts – und zeitlich die letzte Chance, in dieser Hinsicht noch etwas zu erreichen.

ZEIT: Der Pakt legt fest, dass das Staatsdefizit die Drei-Prozent-Marke auch nach dem Beitritt zur Währungsunion nicht übersteigen darf.

Waigel: Die Sache war aber umstritten. Ich wollte das Konzept im Rahmen einer Haushaltsrede im Bundestag vorstellen. Wir hatten den Bundeskanzler davon nicht unterrichtet, aber irgendwie hat er es doch erfahren. Und morgens um halb acht Uhr, eineinhalb Stunden vor der Rede, rief Helmut Kohl mich an und fragte: Was willst du da sagen? Ich erklärte es ihm, und er sagte: Das gibt Ärger. Dann haben wir Satz für Satz der Rede miteinander besprochen, und ich habe gesagt, das ist alles notwendig und richtig. Kohl hat es akzeptiert, aber gesagt: Du musst mit den Franzosen darüber reden.

ZEIT: Und das haben Sie getan?

Waigel: Ich habe es versucht. Bei einem Treffen der europäischen Finanzminister in Dublin habe ich stundenlang auf meinen französischen Kollegen Jean Arthuis eingeredet. Er hat nicht groß widersprochen. Als ich ihn aber dann gegen ein Uhr nachts fragte, ob er zustimmen könne, war seine Antwort: Nein. Da habe ich gesagt: Weshalb haben wir hier dann die ganze Zeit zusammengesessen? Er erwiderte ganz offen: Heute Abend gibt mein Staatspräsident – das war damals Jacques Chirac – zu dem Thema eine Pressekonferenz. Ich weiß nicht, welche Position er einnehmen wird.

Klaus Regling: "Ich wüsste nicht, wie man Europa zusammenhalten sollte, wenn es 28 Währungen gäbe." © Thomas Dashuber für DIE ZEIT

ZEIT: Was hat Chirac gesagt?

Waigel: Er hat erklärt, dass er diesem Werk deutscher Technokraten nicht zustimmt. Daraufhin war ich einigermaßen wütend, bin zum Bundeskanzler. Meine Botschaft: Das wird jetzt bereinigt, oder ich halte morgen in München als CSU-Vorsitzender eine Rede und attackiere den französischen Staatspräsidenten. Daraufhin hat Kohl – die Staatschefs haben am Tag nach den Finanzministern getagt – geschaut, wo er Chirac erwischt, hat ihn in eine Ecke gedrängt und ziemlich intensiv mit ihm geredet. Im Abstand von drei, vier Metern stand Wim Kok, der damals niederländischer Premierminister war, und rief immer wieder: Helmut, gib nicht nach, Helmut, gib nicht nach! Am Schluss hat Chirac zugestimmt.

ZEIT: Die Erfindung des Euro scheint ein Dauerstreit zwischen Deutschland und Frankreich gewesen zu sein.

Regling: Da stoßen eben unterschiedliche Weltanschauungen, Philosophien, Traditionen aufeinander. Das haben wir bis heute. Aber das ist ja nicht unbedingt Streit. Zwar war es eine harte Auseinandersetzung, aber in einem vernünftigen Klima. Am Ende hat man sich immer verständigt.

ZEIT: Wenn das nicht der Fall gewesen wäre: Gäbe es dann den Euro heute nicht?

Waigel: Es war bis zuletzt ein Prozess mit einem offenen Ausgang. Auch für Kohl, wie ich von ihm weiß. Es gab Überlegungen, dass wir nicht zugestimmt hätten, wenn sich wichtige andere Länder nicht qualifiziert hätten.