Der Westschweizer Regisseur Fernand Melgar kämpft gegen Drogendealer und dogmatische Linke (ZEIT Nr. 26/18). Er wird dafür angefeindet, aber auch gefeiert. Gerade in Deutschschweizer Medien, die nichts lieber haben als einen Linken, der anderen Linken die Kappe wäscht. Kein Thema ist dabei allerdings die Ursache des Problems: die repressive Drogenpolitik, die in Lausanne immer noch praktiziert wird.

Seit Jahren schon dealen Drogenhändler auf der Straße. Der rot-grünen Mehrheit in Stadtrat und Parlament wird vorgeworfen, untätig und passiv zu sein. Zuweilen fordern viele Leute – selbst von linker Seite – härtere Maßnahmen. Jetzt lässt der zuständige Stadtrat, der Freisinnige Pierre-Antoine Hildbrand, zwanzig zusätzliche Polizisten an sechs Hotspots der Stadt patrouillieren, um die Dealer zu vertreiben. Ein Erfolg für Regisseur Melgar, der Lausanne im Krieg wähnt.

Doch schon Hildbrands sozialdemokratischer Vorgänger Grégoire Junod, der heutige Stadtpräsident von Lausanne, hat den Dealern einst mit polizeilichen Mitteln den Kampf angesagt. Das Katz- und Mausspiel hat die Polizei bisher immer verloren. Im Fokus von allen, Linken, Rechten und Melgar, waren und sind die Dealer: arme Opfer oder Bösewichte, je nach Perspektive. Doch nur dort, wo es Süchtige hat, gibt es auch Dealer. Die Nachfrage schafft das Angebot. Deshalb wäre es wichtig, dass Lausanne endlich seinen Umgang mit den Konsumenten überdenkt – und nicht nur auf die Dealer losgeht.

Ich weiß, als Zürcherin einer anderen Stadt Ratschläge zu erteilen grenzt an politischen Selbstmord. Ich wage es trotzdem. Denn in Sachen Drogenpolitik hat Zürich leidvolle Erfahrungen gemacht und daraus einiges gelernt. Die Stadt war einst in der gleichen Situation wie in Lausanne: hoffnungslos blockiert. Die Rechte forderte mehr Repression, die Linke wollte weniger. Das führte dazu, dass die Süchtigen immer wieder vertrieben wurden, sich bald aber an einem neuen Ort sammelten. In den offenen Drogenszenen am Platzspitz und später am Letten zeigte sich diese politische Überforderung.

Schließlich raufte sich eine Koalition der Vernunft von SP, Grünen und FDP zusammen, um eine Lösung zu finden, die weder ausschließlich auf Repression noch auf Duldung setzte: die berühmte Vier-Säulen-Politik. Die Rechte musste anerkennen, dass eine suchtfreie Gesellschaft illusorisch ist und dass Repression allein nicht genügt. Die Linke – auch unter dem Druck der Bevölkerung im traditionell linken Kreis 5 – merkte, dass die Situation im betroffenen Quartier unhaltbar geworden ist. Und dass manchmal auch Repression notwendig ist.

Die städtische Politik setzte aber gleichzeitig auf Schadensminderung, auf Therapie und Prävention. Die Heroinabgabe sorgte bei Schwerstsüchtigen für eine verbesserte soziale Integration, ließ die Beschaffungskriminalität sinken und verbesserte den Gesundheitszustand der Betroffenen. Die Kontakt- und Anlaufstellen, die in verschiedenen Quartieren eingerichtet wurden, bieten Beratungsdienste und medizinische Betreuung an und einen Ort, wo Süchtige ihre Drogen unter sicheren Bedingungen konsumieren können.

Gleichzeitig hat die Stadt das Umland in die Pflicht genommen und die auswärtigen Drogenabhängigen an ihre Wohngemeinden verwiesen. Diese wurden so dazu gezwungen, selber Angebote zu schaffen.

Zürich hat das Drogenproblem zwar nicht gelöst, aber es stadtverträglich gemacht. Der Kreis 5 hat seine Lebensqualität zurückgewonnen. Und die Junkies sind in die Jahre gekommen, die Kontakt- und Anlaufstellen müssen altersgerecht eingerichtet werden.

Ich besuchte die Kantonsschule in Olten, die neben einer offenen Drogenszene lag. 1995 zog ich, zwei Monate nachdem die offene Drogenszene am Letten geschlossen wurde, in den Kreis 5. Dealer und Drogenkonsumenten waren im Quartier noch sehr präsent. Die Bilder des allgegenwärtigen Elends werde ich nie vergessen. Aber sie scheinen mir heute unendlich weit weg. Drogen sind in der städtischen Politik in der Deutschschweiz kaum ein Thema mehr.

Ganz anders in der Westschweiz. In diesem Herbst eröffnet in Lausanne die erste Drogenabgabestelle der Stadt. Das erste Fixerstübli in der Schweiz wurde 1986 in Bern eröffnet. Basel und Zürich zogen in den frühen neunziger Jahren nach. Mehr als 25 Jahre später ist nun also auch Lausanne so weit. Bisher hatte sich die Bevölkerung stets dagegen gewehrt. Doch das ist erst ein Anfang. Es ist höchste Zeit, dass Lausanne endlich aus der Erfahrung anderer Schweizer Städte lernt.

Wenn die mediale Aufregung verflogen ist und die Polizisten wieder anderswo in der Stadt gebraucht werden, dann werden die Drogendealer wieder auftauchen. Das Problem löst sich weder mit Dealer-Vertreiben noch mit dem Facebook-Pranger von Fernand Melgar. Vielleicht weiß er das gar. In seinen Dokumentarfilmen interessieren ihn Zusammenhänge. Im realen Leben offenbar nicht.