DIE ZEIT: Frau Welch, Sie haben sich Ihren Fuß gebrochen, als Sie vor drei Jahren beim Coachella-Festival von der Bühne sprangen, und Ihr übermäßiger Alkoholkonsum füllte lange die britischen Zeitungen. Nun melden Sie sich nach längerer Auszeit zurück. Wie geht es Ihnen?

Florence Welch: Oh Gott, Sie sind ja wie meine Mutter! Jedes Mal, wenn ich mit ihr spreche, beginnt das mit: "Bist du okay?" Um es kurz zu machen: Ja! Ja! Ja! Es geht mir gut! Wirklich!

ZEIT: Wenn man Ihren Songtexten lauscht, könnte man daran zweifeln ...

Welch: Viele Musiker und Autoren, die ich mag, schreiben düstere Texte, aber wenn ich die dann treffe und frage, wie es ihnen geht, bekomme ich immer zu hören, dass es denen super geht. Letztlich ist Kunst ein Ventil für düstere Stimmungen, und wenn man die abgeladen hat, ist alles wieder bestens.

ZEIT: Ihre Freundin, die Schauspielerin und Filmemacherin Greta Gerwig, hat die Musik Ihrer Band Florence + the Machine als finstere Quelle tiefer Schmerzen beschrieben, und in dieser Quelle laden Sie zu einer Party. Kommt das hin?

Welch: Das passt ganz gut. Ich bekämpfe meinen Schmerz eben singend. Und jedes Konzert ist eine Befreiung, wenn ich alles Finstere aus mir rauslassen kann.

ZEIT: Würden wir beide hier sitzen, wenn Ihre Eltern ein glückliches Paar gewesen wären und auch Ihr Liebesleben perfekt gelaufen wäre?

Welch: Sie meinen, wenn ich nie Stoff für einen einzigen Song gehabt hätte? Die Frage in der Kunst ist doch immer vielmehr, was war zuerst da: der Schmerz oder die Musik? Was mich angeht, war die Musik zuerst da. Ich habe bereits als Kind bei jeder Gelegenheit gesungen. Ich sang sogar auf Beerdigungen, fragen Sie mich nicht, warum, es überkam mich eben. Wobei ich Friedhöfe bereits als Teenager besonders inspirierend fand. Die Stimmung dort elektrisierte mich. Ich sang aber auch auf Hochzeiten. Egal. Die Beziehung meiner Eltern damals war ziemlich chaotisch, und zu singen war eben meine Reaktion auf diese unangenehmen Umstände. Singen brachte mir emotionale Stabilität. Außerdem las ich viel. Literatur und Musik boten mir als Teenager Zuflucht in unglücklichen Zeiten.

ZEIT: Eigentlich waren Sie also ein ganz normaler Teenager ...

Welch: Na ja, ich war wirklich besonders düster und wollte einfach von zu Hause weg. Mit vierzehn nutzte ich deshalb die Vorteile, die London so zu bieten hat, und stürzte mich ins Nachtleben. Damals verwandelte ich mich in dieses energetische Wesen, das einen Tornado in sich trug, vermutlich war aber auch meine Trinkerei schuld. Im Londoner Stadtteil Camberwell, wo ich aufgewachsen bin, war viel los: Punkbands spielten in besetzten Häusern, Künstlergruppen dachten sich seltsame Dinge aus, und jeder fand irgendwo eine Bühne, um ein Konzert für ein paar Leute zu geben – es war sehr eindrucksvoll. Musik bedeutete damals noch Identität, ging also weit über das Hören von Platten hinaus, und ich war eines von diesen Kindern, die lustvoll eine ganze Subkultur inhalierten und darin aufgingen. Ich kleidete mich entsprechend und suchte meine Freunde danach aus. Ich war ein Skate-Punk und hatte meine Wände komplett mit Postern von Kurt Cobain, Billy Joe Armstrong von Green Day und Courtney Love tapeziert. Vor allem Courtney stand für einen lustvollen und gefährlichen Feminismus. Was ich da erlebte, hat dann mein erstes Album geprägt. Letztlich mache ich das alles ja bis heute.

ZEIT: Sie waren vierzehn, als Sie in der Londoner Party-Szene abtauchten. Hat das Ihre Eltern denn nicht irritiert?

Welch: Meine Mutter und mein Stiefvater hatten eine Patchworkfamilie konstruiert, in der sie sechs Teenager in Schach halten mussten. Das hat nicht ganz nach Plan geklappt. Irgendwann hieß es nur noch: "Macht doch alle, was ihr wollt!" Und genau das habe ich dann getan. Die beiden waren allerdings auch gestresste Professoren, die den Familienalltag nicht unter einen Hut bekamen.

ZEIT: Ihre Mutter Evelyn S. Welch ist eine bekannte Kunstprofessorin mit dem Schwerpunkt Renaissance. Was haben Sie von ihr gelernt?

Welch: Ihr Einfluss auf mich ist enorm. Ich konnte kaum laufen, als sie mich schon von Museum zu Museum geschleppt hat, und natürlich ist da vieles hängen geblieben und hat meinen Blick auf das Leben und die Welt nachhaltig geprägt. Als Kleinkind habe ich eine Weile in Florenz mit ihr gelebt, und das war eine andere Welt als London, da drehte sich alles um Kirchen! Medici! Kirchen! Und noch mehr Kirchen! Und Dramen! Und Galerien! Natürlich haben diese ganzen Erfahrungen meinen Sinn für Ästhetik, Mode und Stil beeinflusst.

ZEIT: Gab es ein Kunstwerk, das Sie damals besonders beeindruckt hat?

Welch: Ja, ein Bild der heiligen Agatha mit ihren abgeschnittenen Brüsten in einer Ausstellung über Märtyrer verfolgte mich lange. Dafür war ich eigentlich zu jung, und abgeschnittene Brüste waren dann doch etwas drastisch für ein kleines Mädchen. Obwohl meine Mutter mir dazu natürlich viel erläutert hat, aber es geisterte dennoch lange durch meinen Kopf. Andererseits sind die Leidenschaft, das Impulsive, das Blut und die Gewalt der barocken Kunst irgendwie auch enorm attraktiv, und so hat mir dieses Motiv letztlich Türen geöffnet. Exzess zog mich immer an.