Neulich wurde Horst Seehofer, der CSU-Chef und Bundesinnenminister, von zwei älteren sächsischen Bürgern verunsichert. Seehofer war zu einem Ministertermin in Leipzig, mit dem Oberbürgermeister lief er durch die Stadt, da sprachen die Bürger ihn einfach an: "Vielen Dank für Ihre Flüchtlingspolitik", sagten sie. Seehofer schaute verdutzt. Schwieg eine Weile. Dann fragte er: "Ist das jetzt ironisch?"

Aber nein, antworteten die Bürger – es sei ihr voller Ernst. Sei seien auf seiner Seite.

So viel Zuspruch außerhalb Bayerns erlebt Horst Seehofer auch nicht so oft, das sah man ihm an in diesem Moment.

Willkommen im Osten! Wo CSU-Politiker auf bekennende Anhänger ihrer Politik treffen können, obwohl die CSU hier gar nicht zu wählen ist. Hier gibt es viele Leute, die sagen: Wenn sie die CSU doch bloß in ihrem Bundesland wählen dürften – sie würden es tun! Immer wieder ist das zu hören: In Straßenumfragen, auf Bürgerdebatten, sogar auf AfD-Versammlungen. Die Gründe dafür, dass Ostdeutsche gerade in Mitteldeutschland sich immer wieder als CSU-Sympathisanten outen, ähneln sich dabei. Die CDU sei zu liberal geworden mit ihrer Flüchtlingspolitik, zu links, zu grün, zu großstädtisch. Die CSU hingegen verteidige ihre Bayern, wie die Ostdeutschen auch gern einmal verteidigt werden würden. Ja: Manchmal wirkt es tatsächlich so, als sehnte sich der Osten nach den Christsozialen.

Nun waren das bislang Gedankenspiele, so wenig ernstzunehmen wie Schulhofschwärmereien für den Brieffreund in Paris. Jetzt aber hat sich die Lage im Land gedreht: CSU und CDU belauern einander nur noch, Horst Seehofer treibt die Bundeskanzlerin wegen ihrer Flüchtlingspolitik in die Enge, die Regierung könnte scheitern, und CDU und CSU könnten ihre Fraktionsgemeinschaft aufgeben.

Was wäre denn, fragte kürzlich ein Meinungsforschungsinstitut, wenn die CSU auch außerhalb Bayerns anträte? 18 Prozent der Deutschen sagten: Sie würden diese CSU dann vielleicht wählen.

Und wenn diese Frage schon ernstlich erörtert wird, muss auch diese hier gestattet sein: Könnte die CSU nicht gerade im Osten große Erfolge feiern? Wo die Menschen strukturell konservativer denken? Wo das Leben ähnlich ländlich geprägt ist wie in Bayern, mit vielen Dörfern und Kleinstädten, mit Traditionsbewusstsein und Heimatstolz? Wo sich – jedenfalls in Sachsen und Thüringen – die CDU-Landesverbände schon immer eher wie kleine CSUen aufführten. Und wo der Zorn auf Angela Merkel so groß ist wie nirgends sonst in Deutschland.

Mehr noch: Könnte die CSU im Osten nicht sogar hilfreich sein? Könnte sie das Frustpotenzial, das sich bislang in immer höheren AfD-Wahlergebnissen ausdrückte, in einigermaßen konstruktive Bahnen leiten?

Diese Idee, zugegeben, klingt natürlich schräg – weil es ja ebenso viele Felder gibt, auf denen der Osten und die CSU nicht zusammenpassen. Diese ausgewiesene Bayernpartei soll einen Landstrich aufmischen, der irgendwie auch das Gegenteil von Bayern ist – nicht gerade wohlhabend, nicht gerade selbstbewusst. Man könnte das sehr schnell als abwegig abtun.

Man könnte sich aber auch auf das Gedankenspiel einlassen – und zwar aus einem guten Grund, der alle Parteien etwas angeht, nicht nur die CSU. Denn ausgerechnet sie könnte helfen, ein gravierendes politisches Problem zu lösen, das im Osten immer dringlicher wird: die drohende Unregierbarkeit einiger Bundesländer.

Wen im Osten würde die CSU eigentlich ansprechen? Man kann das Raj Kollmorgen fragen, einen der wichtigsten Ostdeutschlandforscher, Soziologe an der Hochschule Zittau-Görlitz und einer Ost-CSU gegenüber grundsätzlich skeptisch eingestellt – aber er findet, es gäbe schon eine Klientel: "Eher die unteren Schichten als die oberen. Eher ältere Menschen, eher die Dörfler und weniger die Leute aus den Großstädten", so Kollmorgen. Könnte man, kurzum, sagen: Attraktiv wäre die CSU für die Klientel, aus der sich bislang die AfD bedient? Ja, glaubt Kollmorgen: Mit etwas Chuzpe könnte man sagen, dass die CSU der AfD Wähler abluchsen könnte. Das wäre, natürlich, politisch interessant. Es gibt CDU-Granden im Osten, die der Meinung sind, dass die CSU in einem Bundesland wie Sachsen oder Thüringen aus dem Stand zweit- oder drittstärkste Kraft werden könnte. Angenommen, sie schwächte damit nicht nur die CDU, sondern eben auch die AfD und die Linke – dann könnte das in Sachsen oder Thüringen Hoffnung entflammen darauf, dass eine leidlich normale Regierungsbildung wieder möglich würde. Eine Regierungsbildung nämlich zwischen CDU und CSU.

Schließlich ist es ja so: Neueren Umfragen zufolge kämen zum Beispiel in Thüringen alle Parteien aus dem mehr oder minder konservativen Lager, also CDU, AfD und FDP, auf gemeinsam 54 Prozent. In Sachsen-Anhalt wären es 58 Prozent. In Sachsen sogar 62 Prozent. Das Paradoxe daran ist nur: Je konservativer die Menschen hier wählen, umso linker werden die Regierungen, die sich nach einer Wahl zusammenfinden. Denn ein Bündnis mit der AfD kommt für die CDU nicht infrage. Und so muss sich die Union mit all denen zusammentun, die alternativ zur Alternative eben zur Verfügung stehen: mit der SPD und den Grünen etwa (so geschehen in Sachsen-Anhalt, die sogenannte Kenia-Koalition regiert dort seit zwei Jahren). In Sachsen wäre nach derzeitiger Rechenlage künftig vielleicht nur ein Vierparteienbündnis möglich, in Thüringen sieht es nicht besser aus. Wäre es da nicht hilfreich, es träte eine zusätzliche politische Kraft auf den Plan, die konservativer ist, aber als potenzieller Regierungspartner für die CDU taugt? Die rechts der CDU steht, aber links der AfD?