DIE ZEIT: Frau Giffey, war es ein Schock, als Sie vergangene Woche im Nationalen Bildungsbericht lesen mussten, wie viele Erzieher in unseren Kitas fehlen?

Franziska Giffey: Ich weiß, es sind sehr viele. Man kann sich davon kirre machen lassen oder fragen: Was müssen wir jetzt tun?

ZEIT: Das haben sich Ihre Vorgänger auch schon gefragt. Aber getan hat sich wenig. Bis zum Jahr 2025 fehlen nun mehr als 300.000 Fachkräfte, bisher ging man von 100.000 aus. Stehen wir kurz vorm Kollaps unseres Kita-Systems?

Giffey: Nein, aber wir müssen die Ärmel hochkrempeln. Jedes Jahr beenden rund 30.000 junge Erzieherinnen und Erzieher ihre Ausbildung. Ich will, dass es künftig mehr werden. Und wir haben zu viele, die die Ausbildung abbrechen, am Ende nicht in diesem Beruf anfangen oder aus dem Beruf wieder rausgehen.

ZEIT: Und was machen Sie dagegen?

Giffey: Wir bringen das Gute-Kita-Gesetz auf den Weg, für mehr Qualität und weniger Gebühren. Darin sind neun verschiedene Instrumente zur Qualitätsverbesserung enthalten. Die Länder sollen bei der Verbesserung der Kitas unterstützt werden – von der Gebührenbefreiung über die Verbesserung des Betreuungsschlüssels bis zur Sprachförderung. Für all das brauchen wir Personal. Deshalb starten wir parallel eine Fachkräfteoffensive des Bundes und planen im Haushalt 2019 Geld dafür ein.

ZEIT: Wie viel?

Giffey: Das verhandeln wir derzeit. Ich versuche, für Ausbildung, Umschulung und Gesundheitsförderung von Erziehern so viel Geld wie möglich herauszuholen. Für die Qualitätsentwicklung in den Kitas haben wir bereits einen Verhandlungserfolg erzielt. In den nächsten vier Jahren bis 2022 können wir 5500 Millionen Euro investieren. Das sind 2000 Millionen mehr als im Koalitionsvertrag vereinbart. Da haben wir noch mal ordentlich draufgelegt. Das ist richtig gut! Und wir haben das Ziel, dass es auch langfristig weitergeht.

ZEIT: Nach Berechnungen der Bertelsmann-Stiftung reicht das nicht. Dort heißt es, der Bund müsste 15 Milliarden in die frühkindliche Bildung stecken ...

Giffey: ... mit denen hab ich schon gesprochen!

ZEIT: Und?

Giffey: Die sind davon ausgegangen, was es kostet, wenn alle Kitas in ganz Deutschland gebührenfrei werden und man zugleich die Qualität auf das höchste Level erhöht. Und dass der Bund all das zahlt. Aber so geht’s ja nicht. Der Bund finanziert jetzt mit einer großen Summe mit, das ist ein großer Schritt nach vorn. Aber Kitas bleiben auch Sache der Länder und Kommunen.

ZEIT: Bei der Forderung nach gebührenfreien Kitas sind Sie innerhalb der ersten hundert Tage als Ministerin ziemlich zurückgerudert.

Giffey: Nein. Mir ging es von Anfang an um den ersten Schritt, den Einstieg in die Gebührenfreiheit. Viel wichtiger sind mir die Qualität und soziale Staffelung der Elternbeiträge. Jemand, der 5000 Euro im Monat verdient, muss nicht sofort alles kostenlos kriegen. Aber Eltern mit geringen Einkommen, die müssen wir unterstützen. Und da haben wir eine große soziale Schieflage, die sogar Mütter oder Väter davon abhält, arbeiten zu gehen. Ich will, dass jedes Bundesland selbst entscheidet, wo der Bedarf vor Ort am größten ist und welche Maßnahmen die Richtigen sind. Beispielsweise wird Mecklenburg-Vorpommern ab 2020 alle Plätze kostenfrei anbieten.