In den letzten Jahren wurde Fritz Bauer zu einer viel beachteten medialen Größe. Dokumentar- und Spielfilme, Biografien, Ehrungen in Form von Denkmalen, Erinnerungstafeln, Straßen- und Platzbenennungen haben ein recht eindimensionales Bauer-Bild geschaffen, das der kritischen Erörterung bedarf. Die Konjunktur Fritz Bauers legt die Annahme nahe, dass in unserem einst von ungeschoren gebliebenen Tätern so zahlreich bevölkerten Land das Verlangen nach Vergangenheitshelden groß ist.

Das mediale Bauer-Bild beschränkte sich meist auf den eifrigen und unerbittlichen "Nazi-Jäger", der in einer ihm feindlich gesinnten Umwelt standhaft und unentwegt sein Ziel verfolgte, NS-Verbrecher vor Gericht zu bringen. Als Beispiele dienen gewöhnlich die Suche nach Adolf Eichmann und Josef Mengele sowie der große Frankfurter Auschwitz-Prozess.

Aus Anlass des 50. Todestags des radikalen Reformers und Aufklärers sei der Versuch unternommen, das recht einseitige Bauer-Bild um eine Darstellung des Juristen zu ergänzen, die der komplexen Persönlichkeit angemessen ist. Eine Zugangsmöglichkeit ist das Studium seiner zahlreichen Publikationen, die uns Aufschluss über seine Arbeit und seine Hauptanliegen geben. Vorab seien jedoch Sekundärquellen herangezogen, Nachrufe und Trauerreden, die in den Tagen nach Bauers frühem Tod im Sommer 1968 veröffentlicht worden sind. Aus bester Kenntnis von Werk und Leben Bauers haben Freunde und Kollegen wichtige Facetten hinzugefügt, die angesichts der vereinnahmenden Heroisierung und Ikonisierung Bauers in unseren Tagen unbedingt Beachtung finden sollten.

Die Zeitgenossen porträtierten Bauer in ihren Nachrufen als politischen Akteur, der streitbar für die Wahrung der Grund- und Freiheitsrechte des Menschen eingetreten sei. Die Wahrung der Menschenwürde durch Humanisierung unserer Gesellschaft sei Bauers vorrangiges Anliegen gewesen. Bei aller Verehrung und Ehrerbietung, die dem unerwartet Verstorbenen entgegengebracht wurden, verkannten einige der Schreiber und Redner nicht, dass Bauer im Verlauf seiner rund 20 Amtsjahre in der Bundesrepublik zu einem einsamen, skeptischen, pessimistischen und resignierten Menschen geworden war: Der Aufklärer und Radikalreformer sei seiner Zeit weit voraus gewesen. Die bundesdeutsche Wirklichkeit habe dem progressiven Rechts- und Kriminalpolitiker schmerzlich hinterhergehinkt. Die Verhältnisse in den ersten beiden Jahrzehnten der Bonner Republik seien nicht so gewesen, dass Bauers radikales Fortschrittsstreben insbesondere auf dem Feld des Strafrechts und des Strafvollzugs Chancen auf Verwirklichung gehabt habe. Von 1949 an, dem Jahr seiner Remigration, habe er nicht nur als Jurist, sondern immer auch als Politiker, aus Humanismus, aus seinem Glauben an den Menschen und seine zu wahrende Würde, den Aufbau eines demokratischen und sozialen Rechtsstaats angestrebt.

Festzuhalten ist, dass dies bereits sein politisches Vorhaben in der Weimarer Republik gewesen war. Hierfür hatte Bauer in der SPD und in der Republikschutzorganisation Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold gekämpft. Dies war sodann auch sein politisches Anliegen nach seiner Rückkehr aus dem 13 lange Jahre währenden Exil, das Bauer trotz aller erfahrenen Hilfe und Solidarität in Dänemark und Schweden als "Elend" erlebte.

In den Nachrufen ist von dem Außenseiter und Einzelgänger Bauer die Rede, der auch als bestallter Jurist gleichwohl ein scharfzüngiger Justizkritiker gewesen sei und als verfolgter Sozialdemokrat und Jude das schlechte Gewissen der deutschen Justiz verkörpert habe. Einer Justiz, die willfährig und beflissen zwölf Jahre lang dem Unrechtsstaat gedient und sich nach 1945 in einem erschreckenden Ausmaß personell in die Bundesrepublik gerettet hatte.

Im Frankfurter Jüdischen Gemeindeblatt erschien aus der Feder von Paul Arnsberg, Jurist, Historiker und Journalist in einem, ein bemerkenswerter Nekrolog. Arnsberg fragte nach dem Judentum Bauers, der kein Mitglied der Gemeinde gewesen war. Religion spielte für den Agnostiker fraglos eine geringe Rolle, obschon die Zehn Gebote samt der Bergpredigt – wie Bauer wiederholt betonte – fundamentale Richtschnur seines Handelns gewesen waren. Halachisch, so Arnsberg, sei er Jude gewesen. Verstand er sich in der Weimarer Republik als verfassungstreuer Patriot, der mit seinen Genossen für die Erhaltung der Demokratie gegen ihre Feinde kämpfte, so begriff er sich nach der Schoah ganz gewiss als Jude in dem historischen Sinn, dass ihm die Zugehörigkeit und die Verbundenheit zum nahezu ermordeten Volk unabdingbares ethisches Gebot waren. Assimilierte, politisch engagierte Juden wie Bauer hoben ihr Jüdischsein freilich nicht hervor. Um in der von Antisemitismus noch zutiefst durchdrungenen bundesdeutschen Öffentlichkeit politisch wirken zu können, sprach er von einem allumfassenden "Wir", dem auch er zugehöre.

Auch sich selbst zählte der von den Nazis Verfolgte, durch Emigration und Flucht der Vernichtung Entronnene, erstaunlicherweise zu denjenigen Deutschen, die Gerichtstag über sich selbst halten müssten. Arnsberg nennt Bauer einen "überzeugten Atheisten" und "guten deutschen Patrioten", der in seinem Kampf für Recht und Gerechtigkeit, in seinem Glauben an das Gute im Menschen einer bestimmten Religion nicht bedurft habe.