Die Provokateurin

Fiona O. brachte ihren Sohn zur Kita. Dann kletterte sie auf einen Räumpanzer und wurde zum Sinnbild des Protests

Während des G20-Gipfels bin ich auf einen Räumpanzer der Polizei geklettert. Seitdem lässt mich der Gipfel nicht mehr los. Ich habe mich viel mit Gewalt und Massendynamik beschäftigt, schaue fast jede Sitzung des Sonderausschusses, lese und höre alles, was ich zu dem Thema finden kann, habe Polizisten oder den Innensenator zu Dialogveranstaltungen getroffen. Vorher war ich nie auf einer Demo, die Tage im Juli aber haben mich politisiert.

Am Morgen des 7. Juli fuhr ich mit dem Fahrrad zum Dammtor, um mir die Proteste anzuschauen. Ich sah die Gewalt. Leute schrien: Haut ab, ihr Bullenschweine! Polizisten jagten Demonstranten, Aktivisten griffen Polizisten an. Waffen und Kampfausrüstungen überall. Ich hielt das nicht aus, am Johannes-Brahms-Platz bei der Laeiszhalle machte ich eine Pause und heulte. Es war mir alles zu viel.

Dann fasste ich eine Entscheidung, um mein Ohnmachtsgefühl zu besiegen: Wenn ihr mir emotional aufs Dach steigt, steige ich euch auch aufs Dach.

Ich fuhr los, bog in die Kaiser-Wilhelm-Straße und sah diesen grünen Räumpanzer der Polizei. Ich stellte mein Fahrrad ab, setzte einen Fuß ins Frontgitter des Panzers und kletterte auf die Motorhaube. Durch die Scheibe sah ich in die Gesichter von zwei Polizisten. Einer schaute verdutzt und kramte seine Kamera hervor, der andere wirkte aggressiv, er haute mit seiner Faust in die flache Hand. Dann machten sie das Martinshorn an, es war absurd laut.

Auf dem Dach angekommen, stellte ich mich hin. Die Sonne schien mir ins Gesicht, über mir ratterte ein Hubschrauber. Ich wollte mich hinknien, mir die Ohren zuhalten, aber ich dachte: Wenn sie mich runterholen, dann schießen sie mir bestimmt mit einem Gummigeschoss ins Knie. Dafür muss ich ihnen das Knie aber auch anbieten, sonst treffen sie noch etwas anderes. Also blieb ich stehen.

Schnell kamen Lautsprecheransagen: Kommen Sie runter! Aber ich blieb. Ein Symbol der Verletzlichkeit in all der Gewalt wollte ich sein. Ich wollte zeigen: Haltet mal inne, ihr Verrückten! Statt eines Gummigeschosses schossen sie mit Pfefferspray. Drei Polizisten sprühten mir direkt ins Gesicht und auf den Körper. Es brannte wie Feuer. Dann holten sie mich vom Wagen. Am Boden drückte mir ein Polizist mit den Fingern in die Augen. Später erfuhr ich, dass diese Einheit schon seit über 30 Stunden im Dienst und völlig übermüdet war.

Manche haben mir empfohlen, den Fall anzuzeigen, für mich kam das aber nicht infrage. Es ist ein typischer G20-Fall: Beide Seiten haben etwas falsch gemacht. Besser als Anzeigen zu erstatten wäre es, wenn jeder, der bei G20 dabei war, seine Rolle mal überdenken würde. Alle haben Verantwortung! Jeder hat zur Gruppendynamik beigetragen. Ich natürlich auch.

Wie die Kämpfe bis heute weitergehen, sieht man auch am Streit, den das Bild von mir auf dem Panzer ausgelöst hat. Die einen haben mich gefeiert, Bento, das Jugendportal von Spiegel Online, bezeichnete mich als "Heldin des Tages". Mich überraschte, wie schnell mit solchen Symbolbildern gespielt wird. Ich finde, man muss da vorsichtig sein, Symbolbilder können schnell zu Feindbildern werden. Auf YouTube verfassten Leute heftige Hasskommentare: Die Schlampe hätte man runterprügeln und durchficken sollen, schrieb einer.

Aber nicht nur Bilder, sondern auch Formulierungen können eine große Wirkung haben. Die Polizei hat jugendliche Straftäter, die ohne politische Motivation gehandelt haben, mit Terroristen gleichgesetzt – das halte ich für falsch. So was verzerrt das Gesamtbild, genau wie wenn man im Gegenzug von Polizeigewalt spricht. Beide Seiten müssen sich aufeinander zubewegen, nur dann ist eine echte Aufarbeitung möglich.

Manche haben danach behauptet, meine Aktion sei Kunst gewesen. Ich habe darüber erst gelacht, dann sagte mir jemand: Die beste Kunst ist die, die spontan aus einem rauskommt. Spontan war meine Aktion auf jeden Fall. Ob Kunst oder nicht: Es war einfach mein Versuch, mit der Situation fertigzuwerden.

Die Anwohnerin

Urte Spiekermann feierte das Abitur ihres Sohnes, als die Randale begann

In den Wochen nach dem G20-Gipfel bin ich jedes Mal in Tränen ausgebrochen, wenn mich jemand auf diese schlimmen Tage angesprochen hat. Und auch ein Jahr später sitzt es noch tief, ich fühle mich noch immer traumatisiert. Meine ganze Familie hat das sehr belastet. Deshalb sind mir auch bei der Sitzung des Sonderausschusses der Bürgerschaft neulich in der Johanniskirche wieder die Tränen in die Augen gestiegen. Ich war dort, um den Abgeordneten zu erzählen, was wir Bewohner des Schanzenviertels vor einem Jahr mitmachen mussten.

Meine Familie lebt schon über 20 Jahre im Schanzenviertel, wir haben hier schon einiges erlebt, so etwas wie den G20-Gipfel aber noch nicht. Die Krawalle hatten mit Politik nichts mehr zu tun, das war nur Vandalismus. Mittendrin hat mein Sohn sein Abitur gefeiert. Den Verwandten, die zur Feier gekommen sind, mussten wir nachts Geleitschutz geben, die sind kaum aus dem Viertel rausgekommen. Aber das war nur die eine Seite. Auf der anderen war das nicht akzeptable Verhalten der Polizisten. Der dauerhafte Hubschrauberlärm war Terror. Und die Polizisten sind wirklich sehr rüde aufgetreten, uns Anwohner aber haben sie einfach allein gelassen. Wir haben mehrfach bei der Polizei angerufen und um Hilfe gebeten. Die haben einfach nicht reagiert. Wir haben dann selbst mit unseren Nachbarn Feuer gelöscht und Plünderungen verhindert.

Urte Spiekermann, 55, lebt im Schanzenviertel