Fast ein Jahr ist vergangen, seit Henning Brauer sein Viertel gegen die Flammen verteidigte, und es wirkt, als sei der 40-Jährige seitdem mit jedem Tag wütender geworden. Brauer sitzt in einem Café im Hamburger Schanzenviertel und redet sich in Rage. Er erzählt, wie er und seine Nachbarn beim G20-Gipfel die brennenden Barrikaden vor ihrer Haustür löschten, wie sie dafür von Autonomen mit Steinen und Fäusten attackiert worden seien. Und wie die Polizei sie einfach im Stich gelassen habe. "Die standen da und haben zugeschaut", sagt Brauer. "Völlig surreal, ich kann es bis heute nicht fassen." Über Stunden plünderten Gewalttäter Läden und legten Brandsätze, über Stunden schritt kein Beamter ein.

Verantwortung übernommen, so sieht Brauer das, habe dafür bis heute niemand. "Alle ducken sich weg", sagt er. Und das Vertrauen, dass die Polizei kommt, wenn man sie ruft, egal wie schlimm die Lage ist – dieses Vertrauen sei verschwunden.

Ein Jahr nachdem in Hamburg marodierende Banden scheinbar ohne Gegenwehr des Staates durch die Stadt ziehen konnten, stellt sich die Frage, welche Lehren man aus dem Desaster gezogen hat. In einer immer konfrontativeren Welt scheint es wichtiger denn je, dass die Staatschefs sich treffen, im Gespräch bleiben. Aber wie soll das gelingen, ohne komplette Abschottung? Hamburg ist ein Lehrbeispiel, das zeigt: So gelingt es jedenfalls nicht.

Streit herrscht seit den Tumulten, und die Gräben laufen quer durch die Stadt: zwischen Bürgern und Behörden, aber auch zwischen Konservativen und Linken. Jeder hat seine eigene Sicht auf den Gipfel. Nicht einmal die Aufarbeitung wirkt geglückt. Der eigens eingesetzte Sonderausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft, der aufklären und neues Vertrauen schaffen sollte, enttäuschte fast alle Erwartungen – zur Befriedung trug er nicht bei.

An einem Donnerstag Ende Mai wird das besonders deutlich. Der G20-Sonderausschuss tagt in einer Kirche im Stadtteil Altona zur öffentlichen Anhörung. Bürger sind eingeladen, ihre Eindrücke vom Gipfel zu schildern. Wer sich die Wortbeiträge anhört, hat nicht das Gefühl, dass das Geschehen schon viele Monate zurückliegt. Anwohnerinnen berichten mit stockender Stimme von Szenen der Eskalation, Mütter erzählen schluchzend, welche Traumata die Ausschreitungen bei ihren Kindern hinterlassen hätten. Es ist eine emotionale, aufgeheizte Stimmung.

Auch Henning Brauer ist da. Brauer ist IT-Berater; er war nie in einer Partei und würde sich selbst nicht als überdurchschnittlich politisch bezeichnen, aber hier wirkt er plötzlich wie ein Volkstribun. Breitbeinig stellt er sich vor die Abgeordneten, verschränkt die Arme und ruft SPD-Innensenator Andy Grote zu: "Wenn Sie auch nur einen Funken Anstand im Leibe hätten, dann hätten Sie genau drei Worte zu sagen gehabt, und die lauten: Ich trete zurück." Die Leute im Publikum jubeln. Als wenig später der Innensenator eine Stellungnahme verlesen will, verlässt die Hälfte der Zuschauer den Saal und skandiert: "Grote raus, Grote raus!"

Andy Grote wohnt wenige Gehminuten von Brauer entfernt auf St. Pauli, einer Hochburg von Linksalternativen. Auch vor Grotes Tür wurde beim G20-Gipfel randaliert. Spätestens seit Bürgermeister Olaf Scholz ins Bundesfinanzministerium in Berlin gewechselt ist, steht Grote im Fokus der Kritik. Im Wochenrhythmus muss er sich gerade im Sonderausschuss erklären. Grote wirkt resigniert und erschöpft, wenn er vom Gipfel spricht. "Dass die Aufarbeitung so lange dauern würde, hätte auch ich anfangs nicht erwartet", sagt er. Aber selbstkritisches Hinterfragen sei wichtig. "Im Interesse des sozialen Friedens in unserer Stadt ist jeder in der Pflicht, den eigenen Standpunkt zu überprüfen. Was ist geschehen, und wie bewerten wir das?"

Die Bilder von damals hat niemand in der Stadt vergessen, nur hat jeder einen anderen Blick darauf. Die einen erkennen vor allem Gewalttäter, die die Stadt verwüsten, die anderen vor allem Polizisten, die die Kontrolle verlieren. Und am Ende bleibt wie bei einem Kindergartenstreit die Frage: Wer hat angefangen?

Das begann schon bei der Auftaktdemo der Autonomen am Donnerstag vor dem Gipfel. Trotz massivem Aufgebot konnten die Sicherheitskräfte nicht verhindern, dass die Lage eskalierte. Bilder von Wasserwerfern, Schlagstöcken und Pfefferspray gingen um die Welt. Polizei und Autonome werfen sich seither gegenseitig vor, die Gewalt provoziert zu haben.

Am Freitagmorgen zog dann ein Mob von gut 200 schwarz vermummten Autonomen über die Elbchaussee im Stadtteil Altona. In 19 Minuten richtete diese fast paramilitärisch organisierte Bande einen Schaden von 1,5 Millionen Euro an. Abends schließlich bauten Randalierer das Schanzenviertel zur Festung aus, legten meterhohe Feuer mitten auf der Straße, plünderten Geschäfte. Am Ende musste ein Sondereinsatzkommando mit Maschinenpistolen im Anschlag ins Viertel einmarschieren.

Der ganze Einsatz war eine Blamage für die Polizei. Grote und Polizeipräsident Ralf Meyer entschuldigten sich im Ausschuss mehrmals, Meyer sprach von einem "Fiasko", räumte ein, dass man nicht genug über die linksextreme Szene gewusst habe und von der Professionalität der Randalierer überrascht worden sei. Ansonsten aber herrscht Ratlosigkeit.

Spricht man mit den wichtigsten Akteuren des Gipfels in Politik, Behörden und Polizei, merkt man, wie groß die Sorge darüber ist, dass diese Tage im Juli 2017 Vertrauen dauerhaft zerstört haben könnten. Seminare müsste man anbieten, sagt einer, Workshops, in denen Linke und Polizisten die Rollen tauschen, und auf Demonstrationen müssten Polizeientscheidungen besser kommuniziert werden.

Welche Folgen könnte der Streit haben?

Das alles dürfte richtig sein, konkret aber ist bislang nichts davon, umgesetzt schon gar nicht. Die Aufklärung in Hamburg scheint lahmgelegt von einer rot-grünen Koalition, die im Sonderausschuss nicht ihren eigenen Bürgermeister vorführen will, und einer zerstrittenen Opposition, die in unterschiedliche Richtungen steuert. Während die Linke die angebliche Polizeigewalt aufdecken will, zielt die CDU auf linksextreme Strukturen in der Stadt, die für die Krawalle mitverantwortlich sein sollen. Und jeder will recht behalten.

Zweierlei immerhin wurde entschieden: Erstens haben Polizisten in Hamburg nun eine Kennzeichnungspflicht, um Übergriffe der Beamten besser zuordnen zu können. Zweitens soll die Polizei eine 40-köpfige Sondereinheit für besonders schwere Lagen bekommen, geschult auch für Einsätze auf Häuserdächern.

Aber stellt man so Vertrauen wieder her?

Die verhärteten Fronten in der Stadt bemerkt auch Innensenator Andy Grote. Aber für ihn sind nicht die Behörden schuld. "Kritische Selbstüberprüfung ist nicht überall gleich verbreitet", sagt er. Verantwortlich für Gewalt seien diejenigen, die sie ausübten – also die Randalierer. "Man spürt, dass da einige gerade an der Geschichtsschreibung basteln", sagt Grote. Eine linke Lobby sei am Werk, die versuche, "eine Erzählung von den Ausschreitungen um den G20-Gipfel in Hamburg zu etablieren, die einem linksextremen Weltbild entspricht".

Grote meint Menschen wie Emily Laquer. Die 31-Jährige war während des G20-Gipfels eine Art Vollzeit-Aktivistin und das freundliche Gesicht der Radikalen. Laquer ist Sprecherin einer Gruppe namens Interventionistische Linke und zog für G20 extra von Leipzig nach Hamburg. Heute arbeitet sie in einem kleinen Verlag unweit der Messehallen, dem damaligen Tagungszentrum. Dass auch ein Jahr nach dem Gipfel noch kein Frieden eingekehrt ist, dass immer noch verbittert Debatten geführt werden – Laquer gefällt das. Sie verbucht den Gipfel als Erfolg für sich und als Niederlage für Angela Merkel und Olaf Scholz. "Die allgemeine Stimmung ist inzwischen: Es war ein Fehler, das hier zu machen. Wir haben es geschafft zu zeigen, dass die G20 nur eine Inszenierung ist. Viele haben gerade durch die Szenen beim Gipfel verstanden, dass wir in einer immer autoritärer werdenden Welt leben."

Dass die Gräben in der Stadt so tief sind, liegt wohl auch daran, dass Laquer und ihre Leute sie für ihre Ziele nutzen können. Bei jener hitzigen öffentlichen Anhörung des Sonderausschusses in der Altonaer Kirche kam eine der radikalsten Wortmeldungen von der Aktivistin, die sich aber als "Anwohnerin" vorstellte. Laquer kritisierte die weitreichende Demonstrationsverbotszone in der Innenstadt, die während des Gipfels galt. "Der ganze Gipfeleinsatz", rief sie in die Kirche, "war ein Anschlag auf die Demokratie!" Offenbar sehen das viele so. Seit G20, erzählt Laquer, hätten sich Dutzende Menschen als Neumitglieder bei der Interventionistischen Linken angemeldet.

Welche Folgen könnte der Streit haben? Verlässt man Hamburg, wird klar, dass der Konflikt die Grenzen einer einzelnen Großstadt weit überschreitet.

Wolfgang Schmidt war als Hamburger Staatsrat der Hauptorganisator des Gipfels. Er ist ein treuer Gefährte von Olaf Scholz, der G20 nach Hamburg holte und selbst nicht mehr darüber sprechen will. Dafür redet Schmidt, jetzt Staatssekretär im Bundesfinanzministerium in Berlin. Der Gipfel beschäftigt ihn bis heute. Das Argument, das Treffen habe nichts gebracht, bestreitet er. Das Gegenteil sei der Fall. "Es ist wichtiger denn je, dass es solche Gipfel gibt", sagt Schmidt. Beim G7-Gipfel und bei Finanzministertreffen werde immer wieder auf die Hamburger Sitzungen verwiesen. Die "Sprache von Hamburg" werde oft zitiert, um daran zu erinnern, dass sich die Staaten vor Donald Trumps Strafzöllen noch einig waren, einen freien Welthandel ermöglichen zu wollen. "Wenn die volkswirtschaftlich wichtigsten Staaten der Erde kein Forum haben, in dem sie sich zumindest auf den kleinsten gemeinsamen Nenner verständigen können, haben wir ein echtes Problem."

In Hamburg sind inzwischen nur in einem Punkt fast alle einer Meinung: Der Schutz von Zehntausenden Delegierten, Journalisten und Demonstranten löste einen Polizeieinsatz aus, der am Ende kaum noch zu kontrollieren war und dessen Verkehrschaos und Hubschrauberlärm die Anwohner auch ohne gewalttätige Ausschreitungen an den Rande des Wahnsinns trieben. Viele sehen es heute so: Die Realität habe gezeigt, dass der Gipfel nie in einer Großstadt hätte stattfinden dürfen.

Aber ist es so leicht? Würde das nicht bedeuten, zu kapitulieren?

Auch Befürworter des Gipfelformats wie Wolfgang Schmidt räumen ein, dass die Treffen möglicherweise überdimensioniert sind. Über eine Verkleinerung müsse international verhandelt werden. Besonders weit scheinen diese Beratungen allerdings noch nicht gediehen. Kürzlich besuchte eine Delegation Argentiniens die Hamburger Polizei, der nächste G20-Gipfel findet Ende des Jahres in Buenos Aires statt. Die Gesandten hofften auf Tipps, wie so ein gigantischer Einsatz zu bewerkstelligen ist. Der Hamburger Polizeipräsident hatte den Gästen vor allem eine Botschaft mitzugeben: Stellen Sie sich auf böse Überraschungen ein.