Ein Treffen im Schanzenviertel. Eigentlich hätte das Gespräch in einem anderen Lokal stattfinden sollen. Doch als der Wirt mitbekam, dass es um G20 gehen sollte, sagte er, man solle sich ein neues Lokal suchen – er habe keine Lust auf Ärger mit den Leuten von der Roten Flora. So trifft man sich im Separee eines Cafés: Es ist eng und kuschelig an dem Tisch, den sich vier Hamburger Politiker teilen. Doch im Interview selbst wird es wenig kuschelig zugehen.

DIE ZEIT: Sie alle haben Hunderte Akten zu G20 gelesen und unzählige Stunden im Sonderausschuss gesessen, nun steht die parlamentarische Aufarbeitung kurz vor dem Abschluss. Was war für Sie der Schlüsselmoment?

Christiane Schneider, Linke: Die öffentliche Anhörung. Als Bürger in der Kulturkirche in Altona ihre Meinung sagen durften. Da wurde deutlich, wie tief nach G20 die Gräben in der Stadt sind.

Antje Möller, Grüne: Das stimmt!

ZEIT: Damals, Ende Mai, kamen 300 Bürger. Manche ließen Dampf ab und kritisierten, dass sie als Anwohner der Schanze von der Polizei alleingelassen wurden, andere erzählten unter Tränen von Erlebnissen, die sie bis heute beschäftigen.

Schneider: Da sah man, dass die Gräben vor allem zwischen Senat und Anwohnern verlaufen. Die Kritik war heftig. Bezeichnend war für mich die Antwort des Senats. Er zeigte zwar Betroffenheit, ging aber nicht ansatzweise auf Beschwerden ein. Schnell war wieder business as usual.

ZEIT: Und Ihr Schlüsselmoment, Herr Gladiator?

Dennis Gladiator, CDU: Für mich waren das viele Momente der Selbstdarstellung des Innensenators. Dem ging es mehr um sein Image als um Aufklärung. Die Einsätze der Polizei haben wir stundenlang analysiert. Ging es um politische Verantwortung und den fahrlässigen Umgang mit Linksextremismus, wurde der Senat sehr schmallippig.

Milan Pein, SPD: Da muss ich widersprechen. Nach meiner Wahrnehmung ging es dem Senat und den Behörden von Anfang an um eine kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Handeln. Es wurde nicht gemauert, es wurde Aufklärung betrieben.

Möller: Ich finde, inzwischen nimmt der Senat die Sache ernst und gesteht auch Fehler ein.

ZEIT: Gehen wir an den Anfang der Aufarbeitung. Das Land blickte nach Hamburg, die mediale Aufmerksamkeit war riesig. Da begann die Sitzung des Innenausschusses mit einem Frage-Boykott der Opposition – Sie haben sich enthalten, Herr Gladiator und Frau Schneider. War das rückblickend richtig?

Gladiator: Wir haben das gemacht, weil der Senat endlos Vorträge verlesen hat, sodass kaum noch Zeit für Fragen blieb. Uns wurde stundenlang vorgetragen, was G20 ist und wie es um die politische Weltlage bestellt war. So ein Ausschuss ist doch nicht eine Bühne des Senats! Deshalb wollten wir ein Signal setzen. Wie groß unser Ärger war, sieht man daran, dass CDU und Linke sich zusammentaten, was nicht oft vorkommt.

Pein: Ich empfand das damals ...

Schneider: Pardon, Sie haben ja bei dem Boykott nicht mitgemacht. Darf ich erst etwas sagen?

Pein: Nur zu.

Schneider: Ich muss Herrn Gladiator recht geben! In dieser Auftaktsitzung zeichnete sich erstmals ab, was wir seitdem ständig erlebt haben und was die Aufarbeitung bis heute behindert: lange, lange Vorträge des Senats, ein Spiel auf Zeit. Diese Überwältigungsstrategie der Exekutive gegenüber dem Parlament zieht sich bis heute durch. Den Boykott würde ich aber nicht wiederholen – um nicht den anderen die Bühne zu überlassen.

ZEIT: Sie hatten das Gefühl, es mit beleidigten Leberwürsten zu tun zu haben, Herr Pein?

Pein: Ich empfand den Boykott als groben politischen Fehler. Es hat sich dann ja auch als Eigentor erwiesen. Es gab wenig Verständnis dafür.

Möller: Wir Grüne erlauben uns bei der G20-Aufklärung auch manchmal den Blick mit den Augen der Opposition. Aber selbst dann hätten wir den Boykott nicht unterstützt. Wir brauchten zwingend die schnelle Darstellung durch den Senat.

ZEIT: Was ist eigentlich das Ziel des Ausschusses?

Pein: Wir wollten erstens eine gemeinsame Faktenlage schaffen. Zweitens wollten wir herausfinden, was zu tun ist, damit sich so etwas nicht wiederholt. Und das dritte Ziel, für mich das wichtigste, lautet: Vertrauen wiederherstellen. Ich finde, wir sind ein gutes Stück vorangekommen.

Schneider: Schon das erste Ziel – eine gemeinsame Faktenlage zu schaffen – haben wir verfehlt. Wir haben eine Erzählung, die der Senat vorträgt. Und wir haben eine Erzählung, die es in der Stadt gibt und die wir Linken in den Ausschuss zu bringen versuchen. Beides zusammen ist unvereinbar.

ZEIT: Woran liegt es, dass sich diese Erzählungen unvereinbar gegenüberstehen?

Schneider: Mein Eindruck ist: Es gibt keine Fehlerkultur bei der Polizei. Uns werden glatte Berichte geliefert, die abweichen von den Erfahrungen vieler Menschen, mich eingeschlossen. Wenn ich das kritisch hinterfrage, kommt nichts von Senat und Polizei. Gar nichts.

Möller: Das sehe ich nicht so, es gab eine Verbesserung. Wir hatten uns gemeinsam darüber beschwert, dass die Polizei in den ersten Akten viel zu viel geschwärzt hatte. Da wurde nachgebessert. Inzwischen haben wir die fünfte Aktenlieferung. Mit dem Material kann man gut arbeiten.

Gladiator: Ich muss sagen, auch ich erlebe die Polizei im Ausschuss selbstkritischer als Frau Schneider. Die Polizei hat eingeräumt: Ihr Konzept, um die Menschen in der ganzen Stadt zu schützen, ist nicht aufgegangen. Diese Selbstkritik vermisse ich beim Senat, der ja nun mal die Gesamtverantwortung getragen hat.