Vielleicht ist es wirklich so, und die wohnende Menschheit unterteilt sich in Bären und Vögel. Die einen suchen den Schutz der Höhle, die anderen nach einem Nest mit Licht, Weite, Offenheit. Dann sind da noch jene, die beides sein wollen, sicher und frei, Bär und Vogel. Es gibt von solchen Mischwesen, wenn nicht alles täuscht, derzeit recht viele. Und so konnte es wahrscheinlich nicht ausbleiben, dass das 21. Jahrhundert, diese Epoche des Sowohl-als-auch, irgendwann das Höhlennest erfand.

Hin und wieder sieht man es in den Gärten der besonders Reichen, eine Art schwebendes Indianerzelt aus Flechtwerk, drei Meter hoch, zwei Meter breit. Es hängt an einer dicken Kordel, und wer hineinschlüpft in den Kokon, weiß mühelos noch die größten Gegensätze zu befrieden: Hier ist man draußen und drinnen zugleich, kommt der Welt abhanden und kann sie zugleich durch die Ritzen im Geflecht beobachten. Hier ist man ohne Bodenhaftung und dennoch geborgen, kommt zur Ruhe, bleibt aber, wie in einer Riesenwiege, immer in Bewegung. Rückzug ins Offene heißt das paradoxe Versprechen dieses Designerstücks namens Nestrest, das 10.000 Euro kostet. Ein Statussymbol, das viel verrät über die anschwellende Gartenlust der Deutschen, über ihr Verlangen nach dem Unverstellten und die Ängste, die sie plagen wie Wespen im August.

Der Garten als Sinnbild des guten Lebens kennt natürlich viele Schattierungen: Es gibt die Cottage-Romantik, die Staudenliebe, das Radieschenglück. Meistens wächst in den Gärten der Deutschen, was dort immer wuchs, viel Busch und Blume. Doch unverkennbar ist die Neigung, den eigenen Flecken Erde weniger zu bepflanzen als auszustaffieren. Als herrschte ein machtvoller Horror Vacui, wird das leichte Leben, das der Garten verheißt, von einem Arsenal der Dinge umzingelt und fixiert.

Ein Carport muss her, ein Schuppen fürs Gerät, ein Trampolin für die Kinder, ein Teich für die Mücken, besser noch ein Whirlpool, vielleicht auch eine Außensauna, und natürlich ist es mit ein paar klapprigen Stühlen nicht länger getan. Wer auf sich hält, möbliert seinen Garten wie ein Wohnzimmer und investiert schnell mal den Gegenwert eines Mittelklassewagens: Neben ausgreifenden Sofalandschaften im Lounge-Look gibt es im Handel witterungsbeständige Teppiche, Kronleuchter, Kunstwerke, dazu Küchenschränke, Spültische und auch sonst eigentlich alles, um das Draußen in ein Drinnen zu verwandeln (Außenklos wurden noch nicht gesichtet, Außenduschen schon).

Mehr denn je wird so der Mensch zum eigentlichen Ziel und Zweck des Gartens. Er ist sich selbst sein wichtigstes Gewächs. Besonders anschaulich wurde das vorige Woche in Hamburg, auf der Home & Garden-Messe in Klein Flottbek, auf der gleich mehrere Glashäuser zu bewundern waren, die "reiche Ernte für Leib und Seele" versprechen, wie der Hersteller sagt. In den Prospekten sieht man Vater, Mutter, Kind im Gewächshaus versammelt, so als sei es die Familie, die hier wachsen und gedeihen solle.

Der transparente Pavillon, manufaktumhaft wohlgeformt, dient nicht vornehmlich der Tomaten- oder Gurkenzucht. Es ist der Mensch, der sich hier schutz-, wärme-, pflegebedürftig zeigt. Er ist das exotischste Geschöpf von allen, eigentlich nicht gemacht fürs raue Klima der Gegenwart, für Globalisierungsstürme und Digitalisierungssintflut. Schonung war bislang ein Begriff der Waldwirtschaft. Hier wird er zum Synonym für Garten.

Das erinnert nicht zufällig an die Idyllensehnsucht vieler Adeliger, die sich einst in ihren Gärten ein "Dörfchen" errichten ließen, im Park von Schönbusch oder Nymphenburg, um in den Kulissen der Hirten und Bauern das einfache, fromme Leben bestaunen zu können. Gelegentlich kam es vor, dass die Herrschaft für ein paar Stunden selbst in die Rolle des einfachen Volkes schlüpfte, um des schönen Friedens willen.

In den Gärten von heute heißt Schonung vor allem: Es soll nicht anstrengend sein (schließlich braucht man seine Kraft noch fürs Fitnesscenter). Nichts darf nach Arbeit, alles soll nach Entspannung aussehen, am besten nach Urlaub. Der Strandkorb wird ebenso zum Gartenmöbel wie der Deckchair, gelegentlich überfangen von segelförmigem Sonnenschutz, als sollte auch in Wanne-Eickel oder Garmisch eine Nordseebrise wehen. Lounge-Sessel erinnern an die Ferien im Mittelmeer-Resort. Und für den, der noch mehr Ferne-Flair braucht, gibt es reich beschnitzte Pavillons aus Bambus, erhältlich in den Varianten Grenada, Antigua und Martinique.

Hier ist der Garten kein Ort der Verwurzelung. Nicht Bodennähe sucht der Mensch, vielmehr strebt er davon in ein anderes, fernes Leben. Auch daheim will er fort sein, zumindest einen Feierabend lang.

Nun war der Garten schon immer ein kosmopolitischer Ort. Auch wenn viele es nicht bemerken, wächst hier zusammen, was nicht unbedingt zusammengehört, noch die größte Fremde wird eingemeindet: Schmucklilien aus Afrika, aus China die Azaleen, Pampasgras aus Südamerika. Der Garten wird zur zweiten, vielleicht sogar besseren Schöpfung. Er überwindet Kultur- und Klimagrenzen.

Bereits den romantischen Park durchwehte ein starker Wille, sich vom Gewordenen zu lösen. Berge mussten weichen, große Seen wurden ausgehoben, Baumriesen verrückt. Natur als Natur war nicht genug, erst als künstliches Menschenwerk erschien sie wahrhaft ideal.