Es war der größte Polizeieinsatz in der Geschichte der Bundesrepublik. Mehr als 31.000 Polizisten sollten beim Treffen der 24 einflussreichsten Staats- und Regierungschefs im Juli 2017 in Hamburg die Sicherheit garantieren. Aber die Situation geriet außer Kontrolle. Vermummte Autonome tobten durch die Straßen, zündeten Kleinwagen an, plünderten Supermärkte, brannten eine Sparkasse ab.

Die Polizei schaute der Gewalt an manchen Orten hilflos zu, an anderen entstanden Bilder von Polizisten, die auf Protestierer einprügelten. Von einem "Fiasko" spricht heute der Polizeipräsident, von einem "verheerenden Vertrauensverlust" der Polizeiführer.

Wie konnte es so weit kommen? Mehr als ein Dutzend Reporter der ZEIT waren beim Gipfel auf der Straße. Nach einem Jahr haben wir unsere Beobachtungen noch einmal zusammengetragen und vertrauliche Einsatzprotokolle, Hunderte Seiten Wortprotokolle mit den Aussagen von Polizeikräften im Sonderausschuss der Bürgerschaft sowie Berichte der linken Szene ausgewertet und mit zahlreichen Zeugen und Verantwortlichen gesprochen. Entstanden ist eine Chronologie der Eskalation.

1. Kapitel: Willkommen in der Hölle

Kurz vor 17 Uhr an einem sonnigen Donnerstagnachmittag denkt Hartmut Dudde, dass das alles klappen könnte. Dudde ist der oberste Einsatzleiter der Polizei für G20. Er gilt als Mann mit harter Linie. Für viele Polizisten ist er ein Vorbild, für viele Linke eine Hassfigur. Nun steht Dudde am Fischmarkt, wo gerade der Auftakt zur Demonstration "Welcome to Hell" stattfindet. Dudde ist überrascht, wie bunt und friedlich die Menge ist. Er steigt ins Auto und fährt zurück nach Winterhude zum Polizeipräsidium.

Normen Großmann steht oberhalb des Fischmarktes. Er ist Leiter der Bundespolizei in Hamburg, beim Gipfel zuständig für die Beweis- und Festnahmeeinheiten. Das sind die harten Jungs für die brenzligen Situationen. Großmann überlegt, ob man die Flutschutzmauer zwischen Hafen und Straße räumen sollte, aber es sind zu viele Menschen dort, zudem wirkt die Menge friedlich. Eine Fehlentscheidung.

Die Demo "Welcome to Hell" gilt der Polizei als gefährlichste des ganzen Wochenendes. Autonome aus ganz Europa wollen auf Einladung der Roten Flora den größten schwarzen Block aller Zeiten bilden. Die Versammlungsbehörde hat Auflagen geprüft, aber am Ende hielt man weder Auflagen noch ein Verbot für juristisch durchsetzbar. Der Verfassungsschutz geht davon aus, dass die Demo friedlich losgehen wird, es dann aber auf der Reeperbahn zu Krawallen kommen könnte: Kleine Gruppen könnten aus dem Zug ausbrechen und Reizpunkte wie die Davidwache angreifen, warnt er. Wenige Stunden zuvor hat die Polizei Streugutkisten mit großen Steinen gefunden: Wurfmaterial.

Gegen 18.30 Uhr treffen sich Joachim Ferk und Andreas Blechschmidt. Ferk, ein großer, bulliger Polizist in Einsatzmontur, leitet die Hamburger Bereitschaftspolizei und den Einsatz am Ort. Blechschmidt, klein und drahtig, Sprecher der Roten Flora, hat die Demo angemeldet. Die beiden kennen sich lange, hatten bei vielen Demos miteinander zu tun. Ferk findet: Heute ist etwas anders als sonst. Blechschmidt und sein Mitorganisator Andreas Beuth wirken nervös. Blechschmidt wird das später bestreiten.

Blechschmidt erklärt Ferk, die Demo wolle sich nun auf dem Fischmarkt aufstellen. Ferk macht seine Spielregeln deutlich: keine Straftaten, dazu zählt in Hamburg auch Vermummung. Man werde die Demo nicht wegen zwei Feuerwerksraketen oder ein paar Vermummten auflösen. Aber wenn es zu viele würden, bleibe keine andere Wahl.

Es ist 19 Uhr, als sich die Demo zu formieren beginnt. Auf der einen Seite ist die Straße von Häusern begrenzt, auf der anderen von der Flutschutzmauer Richtung Elbe, die Normen Großmann nicht hat räumen lassen. Wie in einem Flussbett sammeln sich dazwischen die Menschen. Viele der bunt gekleideten Demonstranten ziehen sich nun schwarze Regenjacken über, teilweise auch Handschuhe. Hartmut Dudde sitzt in der G20-Kommandozentrale im Polizeipräsidium. Ein Raum, der mit seinen Bildschirmen an die Bodenstation einer Weltraummission erinnert. Auf einer großen Leinwand sind Livebilder aus einem Hubschrauber zu sehen, der über dem Fischmarkt kreist. Dudde sieht, wie sich an der Spitze der Demo zwei Blöcke aus schwarz Gekleideten bilden.

Neben dem Polizisten sitzen eine Einsatzjuristin und ein Vertreter der Versammlungsbehörde. Was tun? Es gelten zwei Grundsätze: Die Polizei darf die Demo nicht losziehen lassen, wenn sich Hunderte Teilnehmer vermummen, weil das in Hamburg eine Straftat ist. Sie darf die Demo aber auch nicht komplett auflösen und wegen einiger Straftäter den übrigen Tausenden ihr Recht auf eine Demonstration verweigern. Die Juristin fragt: Könnte man nicht den schwarzen Block von der Demo abtrennen und den Rest laufen lassen?