Man kann nicht behaupten, Robert Plomin hätte die Welt nicht vorgewarnt. "The new genetics of intelligence", eine neue Genetik der Intelligenz, kündigte der britische Verhaltensforscher im Januar dieses Jahres an. Diese werde aufklären, was die unterschiedlichen kognitiven Fähigkeiten von Menschen bewirke. Schon bald, warnte er zudem, würden Firmen über das Internet genetische IQ-Tests vermarkten, die erste Vorhersagen für das geistige Potenzial von Schulkindern, Neugeborenen oder sogar Embryonen erlauben – und Eltern würden diese auch kaufen.

Prophetische Gaben benötigte der Experte vom Londoner King’s College nicht. Er selbst hatte die Sache ins Werk gesetzt. Plomin ist eine der führenden Figuren in einem internationalen Konsortium aus 88 Instituten. In dieser Woche geben die Befunde der Forscher erstmals einen Blick auf die genetischen Fundamente der Intelligenz frei – wie auch auf ihre Unterschiede.

Die Wissenschaftler haben die Ergebnisse herkömmlicher IQ-Tests von 270.000 Menschen europäischer Herkunft erfasst. Zugleich durchleuchteten sie deren Genome. Sie unternahmen dabei eine Art Rasterfahndung, die Millionen von winzigen Stellen im Erbgut aufspürt, an denen sich der einzelne Mensch von anderen durch einen Genbaustein unterscheiden kann. Das Ergebnis solcher Untersuchungen ist ein Datensatz, ein Profil, das für jeden Menschen einzigartig ausfällt. Gleicht man danach die Genprofile sehr vieler Versuchspersonen mit ihrem Abschneiden in einem IQ-Test ab, lassen sich jene genetischen Unterschiede herausfiltern, die mit höherer oder niedrigerer Intelligenz einhergehen.

Diese Rasterfahndung in den Erbanlagen – in der Fachsprache genomweite Assoziationsstudie (GWAS) genannt – hat nun einen ersten großen Erfolg bei der Suche nach den genetischen Ursachen intellektueller Begabungen erbracht. Mehr als 200 Regionen im Erbgut mit 1.000 Genen, die Menschen unterschiedlich schlau machen, haben die Wissenschaftler identifizieren können – so verkündeten sie am Montag dieser Woche in der Zeitschrift Nature Genetics. Konkret sind diese Gene am Wachstum von Hirnzellen sowie am Aufbau ihrer Vernetzung beteiligt.

Bis heute ist die Intelligenz ein zentrales Rätsel der Genetik. Zwillingsstudien lassen keinerlei Zweifel zu, dass die unterschiedlichen Denkfähigkeiten von Menschen zu großen Teilen in deren Erbgut wurzeln. Trotz vieler Versuche war es bis ins Jahr 2016 aber nie gelungen, Licht in die Vererbung der Intelligenzunterschiede zu bringen. Diese Suche nach Genen, die das Denkvermögen fördern oder hemmen, ist für Wissenschaftler und Öffentlichkeit ebenso faszinierend wie heikel.

Für beides gibt es Gründe: Die kognitive Leistung zählt zu den stark an die Erbanlagen gebundenen Merkmalen. Zwillings- und Adoptionsstudien haben ergeben, dass mindestens 50 Prozent der in der Bevölkerung vorhandenen Unterschiede erblich bedingt sind. Gleichzeitig ist im Durchschnitt wohl nichts so entscheidend für das persönliche Leben wie der IQ. Statistisch betrachtet, haben Intelligente einen höheren Bildungsgrad und einen besseren sozialen Status, sie verdienen mehr, sind gesünder, leben länger.

Zudem sind sie häufiger künstlerisch begabt und musikalisch talentiert. Und ein ähnlich ausgeprägter IQ ist der wichtigste Faktor bei der Partnerwahl. Robert Plomin formuliert es so: "Das Leben ist ein einziger IQ-Test." Und das Leben ist bekanntlich ziemlich ungerecht.

Hirnforschung - Gene oder Umwelt – was ist wichtiger für die Intelligenz?

Der messbare Einfluss der Erbmoleküle steigt mit dem Alter

Auch wenn es überwiegend die Gene sind, die das Denkvermögen bestimmen – seine Vererbung ist extrem kompliziert. Anders etwa als die simplen, durch ein einziges defektes Gen verursachten Erbkrankheiten folgen Merkmale wie die Körpergröße, die Neigung zu Herzinfarkt und Bluthochdruck sowie eben der IQ nicht den Mendelschen Regeln. Der Grund: Nicht bloß ein, zwei oder zehn Gene steuern hier das Merkmal, sondern sehr viele erbliche Faktoren. Sie alle haben einzeln nur eine winzige Wirkung, im Zusammenspiel aber ist ihr Einfluss gewaltig.

Rund 1.000 von ihnen hat man nun entdeckt. Nach Schätzungen der Forscher sind es aber zwischen 10.000 und 100.000 solcher Schaltelemente im Genom, die unsere Intelligenz steuern. Hinzu kommt, dass der messbare Einfluss der Erbmoleküle mit dem Alter steigt. Finden Zwillingsstudien bei Kindern nur 20 bis 30 Prozent Erblichkeit, steigt dieser Einfluss bei Heranwachsenden auf 50 und im mittleren Erwachsenenalter auf 80 Prozent. Wahrscheinlich liegt das an der sehr langsamen Reifung des menschlichen Denkorgans, während der sich die Erbanlagen immer stärker bemerkbar machen.

Können dann wenigstens die verbleibenden nicht erblichen Einflüsse von Eltern und Schule genutzt werden, um die Denkleistungen zu verbessern? Natürlich, denn erst eine anregende Umwelt lässt die genetischen Anlagen erblühen oder verkümmern. Doch auch hier spielen Erbanlagen wieder eine Rolle, und zwar indirekt. Das familiäre Umfeld und das Verhalten von Eltern unterliegen genauso deutlich der Macht der Gene.

Der isländische Genetiker Kari Stefansson und sein Team haben das mit einem simplen Experiment bewiesen. Sie nutzten die Tatsache, dass Mütter und Väter jeweils nur die Hälfte der Chromosomen an ihr Kind weitergeben. Als die Forscher genetische Profile von jeweils jener Hälfte des Erbguts erstellten, die nicht an das Kind vererbt worden war, erlebten sie eine Überraschung. Die nicht vererbten Gene der Eltern hatten erheblichen Einfluss auf den Bildungserfolg ihrer Kinder ausgeübt. Denn über die Erziehung wirkten sie trotzdem auf die Kinder. Die Eltern gaben Anregungen, sie vermittelten Wissen, sie verhielten sich als Vorbild – genetisch beeinflusst von ebendiesen eigenen Genen, die sie nicht an ihre Sprösslinge weitergegeben hatten. Forscher tauften den Effekt "genetic nurture".

Rechnet man diese "genetische Umwelt" hinzu, dann schrumpft die Einwirkungsmacht der sozialen Umgebung wie etwa der Schule auf wenige Prozent. Angesichts dieser Tatsachen ist es nicht völlig verwunderlich (oder skandalös), dass nach vielen Jahren ähnlichen Unterrichts nicht alle Schüler es bis zum Abitur schaffen.

Welche Folgen haben diese Erkenntnisse der Genforscher? Sind bald treffsichere IQ-Prognosen möglich, bei Neugeborenen oder sogar bei Embryonen in den Fortpflanzungskliniken? Mündet die "neue Genetik der Intelligenz" am Ende in der Auswahl des Nachwuchses per IQ-Gentest?

Die "neue Genetik" stellt die alten Fragen neu

Die Lernforscherin und Psychologin Elsbeth Stern, die an der ETH Zürich lehrt, findet die Ergebnisse "hochinteressant". Sie sieht aber erst einmal "keinen größeren praktischen Einfluss". Dass in absehbarer Zeit die potenzielle Denkfähigkeit eines Menschen und sein Bildungsweg kurz nach der Geburt per Gentest festgestellt werden können, hält sie für wenig wahrscheinlich. Ob ein Kind über eine besondere Intelligenz verfüge, finde man schon heute mit einem herkömmlichen Intelligenztest heraus. Bisher könne ein Gentest ja nur einen geringen Teil der "Intelligenzgene" erfassen. "Da ist jede Beobachtung eines Kindes, etwa wenn es spielt oder eine Aufgabe löst, in der Prognosekraft zuverlässiger."

Tatsächlich geben die Ergebnisse des internationalen Konsortiums nur Aufschluss über einen geringen genetischen Beitrag für die IQ-Unterschiede: Die gefundenen Stellgrößen im Erbgut erklären ungefähr fünf Prozent der sogenannten Varianz – also der statistischen Streuung bei den Ergebnissen von kognitiven Tests. Das entspricht in etwa 3,5 Punkten des IQ-Ergebnisses.

Damit könnte ein genetischer Test bestenfalls einen Hinweis auf eine extreme Veranlagung oder auf das deutliche Defizit eines genetisch Zukurzgekommenen geben. Ob dies reicht, um hochbegabte Kinder schon bei der Einschulung zu identifizieren und sie besonders zu fördern, ist zweifelhaft. "Da muss man vorsichtig sein", sagt der Humangenetiker André Reis. "Im Einzelfall kann ein genetischer IQ-Wert stark vom statistischen Wert abweichen und ist als Vorhersage für das Individuum ungeeignet."

Mit Spannung erwarten die Experten nun eine weitere Studie von Wissenschaftlern um Philipp Koellinger von der Freien Universität Amsterdam. Der Professor für Genoökonomie hat mit seinen Kollegen anhand von 1,1 Millionen Probanden untersucht, welchen Einfluss das Erbgut auf deren Bildungserfolg hatte. Die Details der Ergebnisse stehen noch aus. Aber in den Fachzirkeln ist man sicher, dass die Studie die Erklärungsmacht der Gene auf deutlich über 10 Prozent der IQ-Varianz steigern wird. Das entspräche fünf oder sechs IQ-Punkten.

Schon bald dürfte sich die volle Macht der "neuen Genetik" entfalten. IQ-Vorhersagen sollen nicht mehr nur auf Erbgut-Profilen beruhen, sondern auf komplett entschlüsselten Genomen. Die EU hat zu diesem Zweck die "One Million Genomes"-Initiative gestartet. Eine Million entschlüsselter Genome, so lautet die Hoffnung, würden weitaus treffsicherere IQ-Prognosen erlauben.

Zwangsläufig wird die "neue Genetik" die alten Fragen neu stellen: Was will man über die Anlagen des einzelnen Menschen wissen? Welche Kinder soll man besonders fördern? Was ist Bildungsgerechtigkeit? Es dürfte sinnvoll sein, heute damit anzufangen, sich über die Antworten Gedanken zu machen.

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