Fragt man den Bundestrainer, ist Hunger eine gute Sache. Der spricht immer davon, dass seine Spieler "hungrig" seien. Wenn er die Einstellung seiner Truppe lobt, sagt er, "der Hunger ist vorhanden". Hunger, so scheint es, ist Voraussetzung für Erfolg. Entsprechend hieß es in der Bild nach dem vergeigten WM-Auftakt gegen Mexiko, die deutsche Mannschaft habe "satt" gewirkt.

Die Logik scheint klar: Um etwas zu erreichen, braucht man erst mal Mangel. Und weil wir in einer Leistungsgesellschaft leben, muss man immer hungrig sein.

Hier kommen wir zum Intervallfasten. Wenn es jemals einen Trend gab, der in diese Kolumne gehört, dann dieser. Bücher werden darüber geschrieben, Zeitungsartikel verfasst – Intervallfasten macht wirklich jeder. Zum Beispiel mein Freund M., ein hagerer, attraktiver Spanier. Er isst morgens nichts und nimmt erst mittags etwas zu sich, nie Zucker (schlimmer als Kokain), und fühlt sich nach eigener Aussage nicht nur leichter, sondern auch fitter. Natürlich bin ich davon überzeugt, dass alle seine beruflichen und menschlichen Erfolge mit diesem ständigen Mangel zu tun haben. M. hat nicht nur in Maastricht und an der London School of Economics studiert, er spricht auch fließend Deutsch, Französisch, Spanisch und Englisch, außerdem lernt er heimlich Koreanisch. Sein Vater fastet übrigens auch – und der arbeitet bei der EU oder so ähnlich. Da ist also ein Muster zu erkennen. Wenn M. jemals ein Baby bekommt, wird es wahrscheinlich darauf verzichten, zu häufig gestillt zu werden. Weil es fokussiert bleiben will.

Beim Intervallfasten verzichtet man nicht komplett auf Nahrung, sondern nur für eine bestimmte Zeit. So kann man etwa an fünf Tagen in der Woche etwas essen und an zweien nicht. Das nennt sich im Fasten-Sprech 5:2. Am beliebtesten scheint aber die 16:8-Methode. Sie unterteilt den Tag in eine 16-stündige Periode, in der man nicht, und eine 8-stündige Phase, in der man etwas essen darf. Wahrscheinlich ist 16:8 so beliebt, weil man Teile der Fastenperiode einfach verschlafen kann. Man isst also normal zu Abend, geht ins Bett, verzichtet morgens aufs Frühstück und isst wieder zu Mittag.

Rein körperlich soll das Fasten den Zucker- und Fettstoffwechsel verbessern und Entzündungen im Körper lindern. Das soll nicht nur mehr Energie geben, sondern auch das Risiko für Krankheiten wie Diabetes vermindern (alles nachzulesen in den Büchern zum Thema). Und zumindest bei (Labor-)Mäusen hat das Fasten auch eine lebensverlängernde Wirkung. Eine entscheidende Rolle scheint dabei der Prozess der Autophagie zu spielen, der durch das Kaloriendefizit angeregt wird. Das ist ein körperlicher Selbstreinigungsprozess, bei dem Zellen eigene alte oder beschädigte Bestandteile abbauen und weiterverwerten. Während man beim Fasten also auf Nahrung verzichtet, frisst sich der Körper in gewisser Weise selbst auf. Das ist so cool, wie es gruselig ist.

Nach ein paar Wochen Fasten kann ich sagen: Ich fühle mich fitter, Sport fällt leichter, ich schlafe besser. Außerdem habe ich abgenommen. Seit ich Student bin, gehe ich ins Fitnessstudio, um meine Muskeln zu stählen. Mit mäßigem Erfolg. Jetzt merke ich, dass sie nur hinter Fett versteckt waren. Und weil ich als moderner Mann empfänglich bin für falsche Schönheitsideale, freut mich das sehr. Bald kann auch ich die Unterhosen von Cristiano Ronaldo tragen (konnte ich auch vorher, aber Sie wissen, wie ich es meine).

Schlecht ist, dass man ein wenig unflexibel wird. Und Leute, die kompliziert mit Essen sind, nerven brutal: Beim Sonntagsfrühstück trinkt man nur noch schwarzen Kaffee, und zu einem späten Abendessen kann man sich auch nicht mehr verabreden. Vor allem aber leidet man selbst. Neulich war ich mit einer Kollegin zum Mittagessen verabredet. Weil sie aber viele wichtige Dinge zu tun hatte und sich unser Date immer weiter nach hinten schob, wurden aus 16 Stunden Fasten schnell 20. Sagen wir mal so: Die letzte Stunde war kein Spaß.

Alles in allem ist das Fasten als Erfahrung sehr zu empfehlen. Es bleibt aber das Problem, dass Essen halt nicht nur Nahrung ist, sondern auch irgendwie Kultur. Ich hau mir den Schweinebraten mit Knödeln und die drei Weißwürste mit Weißbier zum Frühstück ja nicht rein, weil ich es so geil finde, mir totes Tier in den Rachen zu stopfen. Sondern weil das eben die Dinge sind, die ich schon immer mit meinen Freunden gemacht habe. Und irgendwie auch weiter machen will. Für dieses Problem habe ich noch keine Lösung gefunden. Gemeinsam Hunger haben scheint mir jedenfalls kein passender Ersatz zu sein. Außerdem haben meine Freunde gesagt, dass ich sie mal könne, als ich es ihnen vorschlug.