Die schwarze Welle, die schon viele europäische Länder erreicht hat, ist nun auch in Rom angekommen, wo sie tiefe Brunnen und ungestüme Bäche vorfand. Inzwischen ist sie zu einem Hochwasser angeschwollen, und es wiegt schwer, diese Entwicklung nicht vorhergesehen zu haben. An Indizien fehlte es nicht.

Der traditionelle Antifaschismus hat sich geirrt. Zu lange glaubte er, die neofaschistischen Bewegungen seien lediglich ein Rückfall in die Vergangenheit, nicht mehr als der folkloristische Überrest der Duce-Ära. Tatsächlich aber hat sich die radikale Rechte durchgesetzt. Für viele Italiener, besonders für Jugendliche, stellt der Faschismus nun eine legitime politische Möglichkeit dar.

Die Faschisten des dritten Jahrtausends haben eine ständige Präsenz in der Presse, in den Talkshows und im Internet erobert. Sie haben eine intellektuelle Kultur etabliert, die Traditionen des 20. Jahrhunderts mit neuen Motiven mischt: Die Neofaschisten lesen nicht nur die Romane von Ernst Jünger, sondern auch die Essays von Byung-Chul Han über die digitale Welt; sie mischen die Gedanken von Giovanni Gentile mit denen von Antonio Gramsci, sie greifen zuweilen auf den Kulturphilosophen Julius Evola zurück oder befassen sich eingehend mit Hitlers Mein Kampf, der in italienischen Buchhandlungen jetzt leicht zu finden ist. Dann wieder lassen sie sich von dem französischen Philosophen Alain de Benoist und der Nouvelle Droite inspirieren, während sie Psychoanalyse und Dekonstruktion verabscheuen. Ihr Hauptfeind ist Jacques Derrida, der französisch-algerische Jude, dessen Denken – wie ein Ideologe der neofaschistischen Gruppe CasaPound schrieb – "den Begriff der Identität infrage gestellt hat".

Der Kardinalmythos des heutigen Faschismus aber ist der vom "großen Austausch". Er geht zurück auf Renaud Camus’ Buch Le Grand Remplacement, das 2011 in Frankreich erschienen ist. Camus behauptet darin, eine heimliche Allianz aus globalem Finanzkapital und linkem Antirassismus verfolge das kriminelle Ziel, die europäische Bevölkerung durch Einwanderung zu beseitigen. Diese Behauptung bildete dann die Grundlage für rechte Aufrufe zum "ethnischen Widerstand" oder für Parolen wie "Italiener zuerst" oder "Jeder zurück in seine Heimat!".

Es ist ein Leichtes, die Anti-System-Ideologie der Rechten mit anderen Motiven in Verbindung zu bringen. Zum Beispiel mit einem korporativen und nationalen Sozialismus (wie bei Mussolinis "Rutenbündeln", den alten fasci), mit einer scharfen Kritik an der Technokratie, mit der Forderung nach strikter Verteidigung staatlicher Grenzen oder dem Versprechen von Ordnung und Sicherheit. Es ist diese ideologische Flexibilität, die in Italien die Oberhand gewonnen und die Lega mit traumhaften Wahlergebnissen belohnt hat.

Doch was verbindet Lega und Fünf-Sterne-Bewegung? Ist die Fünf-Sterne-Bewegung nicht ausgesprochen populistisch? Tatsächlich hatte sich ja von Anfang an das Problem der Selbstpositionierung dieser Bewegung gestellt. Auf die Krise der Parteien und der politischen Repräsentation hatte die Fünf-Sterne-Bewegung mit der These reagiert, das alte Schema von links und rechts sei überholt und existiere nicht mehr. Schon diese Behauptung hätte misstrauisch machen müssen. Gleichwohl haben sich viele Bürger, die sonst die Demokratische Partei gewählt hätten, im rebellischen Auftreten der Fünf-Sterne-Bewegung wiedererkannt. Wütend über ihre eigene Ohnmacht, gaben die neuen politisch Heimatlosen ihre Stimme einer Partei, die am Ende ein reaktionäres Regierungsprogramm unterzeichnet hat. Was für eine Täuschung!

Gewiss sind Populismus und Faschismus nicht identisch, im Gegenteil, die Unterschiede sind groß. Faschismus heißt hierarchischer Apparat, totalitäre Pädagogik, Militarismus, Machismo, Gewaltanwendung. Und doch können Anti-Politik und Populismus die Voraussetzungen dafür schaffen, dass der Faschismus zum vorherrschenden Motiv wird – und genau das ist in Italien geschehen. Die Fünf-Sterne-Bewegung hat mit ihrer Anti-Politik – "weder links noch rechts!" – dem getarnten Faschismus der Lega Tür und Tor geöffnet. Ohnedies ist die Schnittmenge zwischen den beiden Parteien der gelb-grünen Koalition gar nicht so gering. Beide sind souveränistisch, nationalistisch und zutiefst antieuropäisch. "Illegale Immigration" und "Europa" sind für sie die wahren Feinde Italiens; einen Großteil der Schuld an der italienischen Misere aber trage Deutschland.

Es gibt noch mehr Gemeinsamkeiten. Sowohl Lega wie Fünf-Sterne-Bewegung betrachten das atlantische Bündnis mit Argwohn und befürworten eine Annäherung an Putins Russland. Dabei behaupten sie, sie würden nicht nur die Globalisierung bekämpfen, sondern die "Brüsseler Bürokraten" und die anderen "Kasten" gleich mit. Dass Macht heutzutage diffus ausgeübt wird und schwer greifbar ist, das interessiert sie nicht.