Bald ist es so weit. Bald ist sie weg, die Kohle. Im Dezember schließt in Bottrop die letzte Zeche des Ruhrgebiets. Damit geht die lange Geschichte des Steinkohlebergbaus endgültig zu Ende. Die Kohle war das Gold dieser Region. 600.000 Menschen fanden zu Hochzeiten Arbeit in den über 140 Zechen. Fördertürme und Schlote prägten den "Pott". Über 150 Millionen Tonnen Steinkohle wurden jährlich gefördert, zwei Drittel des deutschen Energiebedarfs damit gedeckt. Zuletzt waren es keine vier Millionen Tonnen mehr, nur noch 6.000 Menschen arbeiteten in der Branche. Es ist ein Ende mit langem Vorlauf: Seit vielen Jahrzehnten wurden Zechen geschlossen, die Fördermengen sanken, die staatlichen Subventionen stiegen in die Milliarden.

Und nun? Was kommt nach dem Bergbau? Wie sieht sie aus, die Zukunft des Ruhrgebiets?

Eine überraschende Antwort findet man an der Technischen Hochschule Georg Agricola, im Norden Bochums, unweit des Deutschen Bergbaumuseums. 1816 gegründet, ist sie die älteste aktive Bergschule Deutschlands. Die Agricola war einst Ausbildungsstätte für Steiger. Drei Tage in der Woche ging es ins Bergwerk, zwei Tage in die Schule. Heute werden in dem Gebäude mit den dunkelroten Mauern Maschinenbauer, Elektrotechniker, Geo- und Rohstoffingenieure ausgebildet. Gut 2.400 Studenten gibt es an der Agricola.

Schwallartige Wasserausbrüche, verunreinigtes Trinkwasser, Bergschäden

Dennis Knierim ist einer von ihnen. Er hat seinen Bachelor in Geotechnik gemacht, nun studiert er im berufsbegleitenden Master Nachbergbau. Seit 2013 gibt es diesen Studiengang an der Hochschule, in dem aktuell 73 Studierende eingeschrieben sind. Sie beschäftigen sich mit den Herausforderungen, die nach der Schließung der Zechen auf die Region zukommen werden: schwallartige Wasserausbrüche, Verunreinigungen des Trinkwassers, Bergschäden.

Das Ende der Kohle bedeutet für Knierim nicht das Ende der Karriere. "Für uns wird es jetzt erst richtig spannend", sagt er. Er sitzt in einem Seminarraum im Dachgeschoss. Schon als Kind hat sich der 36-Jährige für das interessiert, was unter der Erde ist, und noch heute unterhält er sich gern mit seinem Großvater über die Arbeit im Schacht, über die Stimmung unter den Kumpeln. Knierims Opa war Steiger. So ganz verstanden habe der 93-Jährige noch nicht, warum sich sein Enkel mit einer Branche beschäftigt, die im Ruhrgebiet eigentlich der Vergangenheit angehört.

Welche Möglichkeiten bietet diese Branche noch? Stellt man die Frage Christian Melchers, Leiter des Forschungszentrums Nachbergbau, lautet die Antwort: einige, es gebe noch viel zu tun.

Tür zu, Licht aus – so einfach ist es nicht

In der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop etwa müsse der Rückzug geordnet werden, wie es in der Fachsprache heißt. Tür zu, Licht aus, so einfach sei das ja nicht. Maschinen, Leuchtmittel und Förderbänder müssten rausgebracht, der Eingang verschlossen werden. Bis 2020 werde es allein dauern, bis das Gelände "standsicher verschlossen" ist. Aber die größere Aufgabe liegt in der Forschung, sie muss klären: Was hat die Stilllegung der Zechen für Folgen für die Erdoberfläche? Was passiert mit dem Grubenwasser? Wie weit darf es ansteigen? Lässt sich mit ihm über Pumpspeicherkraftwerke sogar Energie gewinnen? Und was passiert mit den alten Zechengeländen – sollen Freizeitanlagen oder Logistikstandorte entstehen?

Die Erde unter dem Ruhrgebiet könne noch lange Zeit für Überraschungen sorgen, sagt Knierim. Deshalb habe er auch keine Sorge, dass seine Ausbildung in 20 Jahren nicht mehr gebraucht werde. Auf dem Tisch vor Knierim liegen Grubenbilder, sie zeigen Querschnitte durch die Erde. Schächte und Abbaugebiete sind eingezeichnet. "Man muss gelernt haben, die Bilder lesen zu können. Und richtig reagieren können, wenn mal was passiert." Arbeit in der Branche hat Dennis Knierim bereits gefunden. Für ein Ingenieurbüro prüft er, ob unter Baugrundstücken Schächte liegen, lässt Bohrungen durchführen und Hohlräume auffüllen.