Es gäbe abgeschiedenere Orte, um einen Streit dieser Güte beizulegen: Als die deutschen Bischöfe am Anfang der Woche zusammenkamen, tagten sie dort, wo Berlin besonders hektisch wirkt. Der Bundestag ist gerade mal 15 Gehminuten entfernt, Touristen suchen, Ministeriumsmitarbeiter hetzen, Rettungswagen rasen im Minutentakt in die Notaufnahme der nahen Charité. Dazwischen liegt das Tagungszentrum der Katholischen Akademie – ein beigefarbener Bau, der zwar große Fenster hat, aber auch schwere Gardinen. Mitten in der nervösen Hauptstadt gelang es den 27 deutschen Bischöfen, sich blickdicht abzuschotten: Bilder von streitenden Kirchenmännern gab es nicht.

In Berlin sollte einer der schärfsten Konflikte unter Deutschlands Bischöfen befriedet werden. Im Streit geht es vordergründig um etwas mehr Ökumene, doch dahinter steht die Machtfrage: Schaffen es die liberalen Bischöfe, ihre Kirche behutsam zu modernisieren, oder setzen sich die Vertreter einer konservativeren Lehre durch? Es ist auch eine Frage des Kirchenbildes: Nähert sich die Kirche den Realitäten in den Gemeinden an oder beharrt sie auf einer besonders strengen Auslegung ihrer Dogmen?

Im konkreten Fall haben sich die Bischöfe darüber zerstritten, ob evangelische Protestanten ihre katholischen Ehepartner in Zukunft zur Kommunion begleiten dürfen. Drei Viertel der deutschen Bischöfe haben vor Monaten dafür gestimmt. Sieben konservative Kritiker um den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki beschwerten sich im Vatikan – und bekamen zunächst recht aus Rom. Der Papst ließ den Mehrheitsvorstoß vor drei Wochen per Brief stoppen: Die Entscheidung sei noch "nicht reif zur Veröffentlichung", schrieb der Vatikan.

Haben die deutschen Bistumschefs noch die Kraft, einen gemeinsamen Ausweg zu finden? Einen, der Liberalen, Moderaten, Konservativen und auch noch Rom passt? Zur Stimmungslage in der Runde drang während der Beratungen nicht viel nach außen. Was über die Atmosphäre zu hören war, klang eher nach diplomatischer Vernunft: Erstaunlich freundlich seien die Gespräche verlaufen. Wir beantworten wichtige Fragen zur Friedenssuche unter den deutschen Bischöfen.

Der Brief des Papstes gilt als Niederlage für die Ökumene-Pioniere um den Chef der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx. Warum wirkte sein Lager zuletzt wieder optimistischer?

Für einen, der gerade eine ordentliche Watschen aus dem Vatikan erhalten hat, schien der Münchner Kardinal erstaunlich gut gelaunt, als er sich am Rande des Treffens in Berlin als einer der wenigen vor der Tür blicken ließ, um für ein paar Mittagsminuten die Sonne zu genießen. Wenn ihn der Vormittag und die Gespräche mit den Kritikern seiner Kommunion-Empfehlung erschöpft hatten, dann sah man es dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz nicht an.

Dabei gilt er bisher als der prominenteste Verlierer des Konflikts: Wie man den Papst-Brief auch inhaltlich bewertet – mit dem überraschenden Ökumene-Stopp hat Franziskus den 66-Jährigen brüskiert. Marx erfuhr wie andere Kollegen aus den Medien von der Papst-Entscheidung. Doch mit etwas Abstand hat sich die Laune im Marx-Lager gebessert: Man ist bemüht, sich nicht mehr als Verlierer zu sehen. Der ultimative Stimmungsaufheller erreichte die Liberalen vor wenigen Tagen aus dem Himmel: Auf dem Rückflug von einer Rede beim Weltkirchenrat in Genf hatte der Papst eine seiner traditionellen Flugzeug-Pressekonferenzen gegeben: Journalisten fragen, Franziskus antwortet spontan. Wie es denn nun weitergehe mit den Deutschen und ihrer Ökumene, fragte ein Reporter. Und es wirkte fast so, als habe der Papst auf diese Frage gewartet. Zwischen den Flugzeugsitzen stehend besänftigte er die Mehrheit der deutschen Bischöfe: Sein Brief an die Deutschen sei gar "keine ökumenische Bremse". Ihren vorsichtigen Ansatz, den evangelischen Partnern nach Gesprächen mit dem Pfarrer eine Teilnahme an der katholischen Kommunion zu ermöglichen, findet Franziskus sogar "restriktiver", als es das Kirchenrecht vorsieht. Das Anliegen der Deutschen scheint ihm grundsätzlich zu gefallen: "Ben fatto – gut gemacht."

Die Papstworte haben beruhigende Wirkung auf die Mehrheit der Bischöfe. Seit dem Flugzeugauftritt könnte man es so sehen: Franziskus steht noch immer auf der Seite der Reformer. Irgendwie.

Warum hat der Papst den Brief dann überhaupt geschrieben?

Es gibt einen Punkt, der die sieben Kritiker und die Mehrheit der Bischöfe eint: Welche Strategie der Papst mit seiner widersprüchlichen Kombination aus kritischem Brief und wohlwollenden Sätzen in der Pressekonferenz verfolgt, weiß keines der beiden Lager. Mal fordert er mehr Ökumene, dann scheint er zu bremsen, um sich weniger später wieder mit denen zu solidarisieren, die er kurz vorher gestoppt hat. "Das wüsste ich auch gerne", sagt der für die Ökumene zuständige Bischof Gerhard Feige über den Grund für den Sinneswandel bei Franziskus.

Dass sich der Papst ungenau äußert, daran haben sich schon viele Kirchenmänner gewöhnt. Auch im sechsten Jahr seines Pontifikats passt der Spitzname "Spontifex" zu ihm. Der 81-Jährige lässt sich regelmäßig zu spontanen, nicht immer schlüssigen Antworten hinreißen, die zum Teil nicht zu den offiziellen Positionen des Vatikans passen.

Gibt es einen Hinweis, welche Lösung sich Franziskus im Konflikt der deutschen Bischöfe wünscht?

Der Brief an die Deutschen enthält einen auffälligen Satz: "Insbesondere erscheint es angebracht, dem Diözesanbischof das Urteil über die Existenz einer 'drängenden schweren Notlage' zu überlassen." Insider sagen, der Satz wirke etwas fremd zwischen den übrigen Formulierungen – wie nachträglich eingefügt. Befürworter wie Gegner wollen daraus lesen, dass eines Franziskus besonders wichtig ist: Die Entscheidung, ob gemischtkonfessionellen Paaren in ihrer "schweren Notlage" geholfen wird und die Eheleute gemeinsam zur Kommunion gehen können, soll beim Ortsbischof liegen – und nicht von der Bischofskonferenz flächendeckend geregelt werden können. Auch auf seiner Steh-Pressekonferenz im Flugzeug aus Genf hatte der Papst betont, dass die jeweiligen Bistumschefs nach dem Kirchenrecht schon jetzt über die Ausnahme bei der Kommunion entscheiden dürften. Eine Stärkung der Bischöfe könnte zudem zu Franziskus’ Wunsch passen, die katholische Kirche zu dezentralisieren: Rom müsse nicht mehr alles kontrollieren, hatte er angedeutet. Die Kirche vor Ort soll mehr entscheiden dürfen. Eine Regelung für alle Bistümer durch die Bischofskonferenz lehnt er dagegen ab. Franziskus fürchtet offenbar: Wenn 27 deutsche Bistumschefs und 39 Weihbischöfe etwas beschließen, hat das Strahlkraft auf andere Regionen – auch solche, in denen die Ökumene kritischer gesehen wird. Der Papst will Innovationen offenbar möglichst nicht an prominenter Stelle festschreiben.

Wie geht es weiter?

Hat man den Bischofs-Satz aus dem Vatikan-Brief im Kopf, dann könnte Franziskus die Richtung vorgegeben haben. Aus seiner Sicht spricht viel für eine Kommunions-Kompromissformel, in der die Deutsche Bischofskonferenz eine abgeschwächte Empfehlung verabschiedet: Am Ende hätte dann jeder einzelne Bischof formal das letzte Wort. Das Treffen der deutschen Bistumschefs in Berlin war wohl eher der Beginn einer Friedenssuche.

Welche Folgen hat der Konflikt für die Atmosphäre unter Deutschlands Spitzenkatholiken?

Über die vergangenen Monate haben sich die beiden Lager ungewöhnlich scharfe Auseinandersetzungen geliefert – mit Attacken weit über den Kommunionsstreit hinaus: Die Ökumene-Ablehnung der Kritiker habe mit unterschiedlichen Kirchenbildern und "auch mit Macht zu tun", sagte etwa Ökumenebischof Gerhard Feige im FAZ-Interview über die Kritiker. Einige wollten "um jeden Preis ein System aufrechterhalten, in dem das Lehramt beziehungsweise die Bischöfe die Regeln aufstellen". Der Gruppe um Woelki wird nachgesagt, sie habe ihre Kontakte zu konservativen Klerikern in Rom genutzt, um die Entscheidung aus Deutschland im Stillen zu hintertreiben. Um diesen Konflikt zu schlichten, braucht es wohl mehr als zwei Sitzungstage in Berlin.