Hier ist sie, die verrückte neue Welt der künstlich intelligenten Besserwisser: Algorithmen bewerten unser soziales Leben; neue Techniken werden in Menschen implantiert und optimieren unsere Leistung; über Blockchains werden Beziehungen geregelt; und Roboter nehmen uns die Arbeit weg. Es ist eine Dystopie, in der die Technik die Oberhand gewinnen wird. Wir sind damit, so gehen die Geschichten oft weiter, auf dem besten Wege in eine neue Form der Sklaverei, die der Selbstversklavung: Maschinen machen sich Menschen Untertan. Die typische "Tragödie der Kultur".

Beim Publikum resonieren derartige Schreckensszenarien gut. Es wäre furchtbar, wenn alles so kommen würde. Aber wird es so kommen?

Genau das wissen wir in den meisten Bereichen der neuen technologischen Entwicklungen bislang nicht. Weil sich viele Veränderungen eher am Horizont abzeichnen, wir manche Technologie maximal im prototypischen Status kennengelernt haben. Weil Menschen nichts mehr lieben als gut erzählte Geschichten. Technologische Zukunft ist immer nur ein anderes Wort für Storytelling und oft leider nur in Form von Dystopien. Davon lebt auch die Science-Fiction.

Dass wir fragen, wie die Entwicklung der Menschheit fortschreiten wird, ist richtig und wichtig. Indem wir über die Zukunft nachdenken, gestalten wir sie schon. Kein Gedanke, der einmal gedacht wurde, verschwindet jemals wieder aus dem Entwurf des Fortschritts, den die Menschheit fortwährend für sich selbst macht und anpasst. Wie wir in zwanzig Jahren leben und arbeiten werden, weiß derzeit niemand genau. Wenn wir uns diese Zukunft jetzt aber vor allem in Angst und Schrecken ausmalen, werden die negativen Gefühle eine Wirkung zeitigen. Die lebenswerte Vorstellung einer komplementären Gemeinschaft aus Mensch und Maschine hingegen wird dazu beitragen, dass wir sie für möglich halten und damit auch möglich machen.

Technologische Entwicklungen sind ambivalenter, als sie von den meisten Kulturpessimisten gezeichnet werden: Neue Beschäftigte in Unternehmen sollen auf der Grundlage von algorithmischen Analysen der Bewerberdaten eingestellt werden? Ja, denn vielleicht ist es ein Fortschritt, nicht von der Willkür eines 53-jährigen männlichen, weißen Personalverantwortlichen mit BWL-Abschluss der Uni Mannheim abhängig zu sein. Ein Kredit wird auf der Grundlage eines "Social Credit Scores" gewährt? Ja, denn vielleicht ist diese Bewertung sogar angemessener und transparenter als die Auskunft der Schufa. Kryptowährungen sollen unser Geld ersetzen? Jawohl, denn vielleicht ist das der Schritt in eine Wirtschaft ohne Schwarzgeld, Bestechung oder Steuerparadiese. Roboter arbeiten für uns? Hurra! Vielleicht haben wir dann endlich mehr Zeit fürs Nachdenken, fürs Lesen oder fürs Schreiben, anstatt Excel-Tabellen abzuarbeiten.

Kritik an der künstlichen Intelligenz übersieht allzu oft die natürliche Dummheit des Menschen. Ohne Fakten, feine Differenzierungen und abwägende Argumente lassen sich sehr leicht Weltuntergangsszenarien zeichnen. Es ist eine der einfachsten Übungen, die Gegenwart oder die mögliche Zukunft mit hehren Ideen zu konfrontieren, um sie sodann in Bausch und Bogen abzufertigen, wozu nicht selten längst tote Philosophen bemüht werden. Vernünftig soll die Welt sein, gerecht und sowieso für alle gut. Das heißt dann gerne "Kulturkritik", ist jedoch oft bloß Kulturpessimismus. Das Reden über ein "gutes Leben" und Ad-hoc-Moralisierungen neuer gesellschaftlicher Entwicklungen ist ein Standardreflex links- wie rechtskonservativer Weltanschauungen. Wir bewerten das potenziell Neue nicht vor dem Hintergrund des stets auch fehlerhaften Bestehenden, sondern irgendwelcher vorgestellten, fantasierten Werte.

Um nicht missverstanden zu werden: Nicht alles, "was ist", muss schlecht sein. Konservativ ist kein Schimpfwort. Aber es steht programmatisch gegen eine wohlverstandene Aufklärung. Die verschließt sich nicht dem freien Nachdenken über das Neue, sondern sie fördert es – kritisch, aber eben offen. Wollen wir die technologische Zukunft gestalten, erscheint es besonders wichtig, gesellschaftliche Utopien zu entwerfen, bei denen der lebensdienliche Beitrag neuer technologischer Entwicklungen fantasiert wird.

Utopien sind keine Start-up-Idee für das Morgen, sondern Fantasien des Übermorgen. Sie dürfen deshalb weder nur Jungunternehmern oder Wissenschaftlern überlassen werden, sondern müssten durch breit angelegte Zukunftsforen organisiert werden, die einen gesellschaftlichen Mehrwert in den Blick nehmen. Dabei sind zwei Fragen von besonderer Relevanz: Inwieweit befähigen und "ermündigen" uns die Entwicklungen der Digitalisierung zu einem selbstbestimmten Leben? Und inwieweit tragen technologische Entwicklungen zu einer offenen, inklusiven Gesellschaft bei? Für die Beantwortung beider Fragen hat die künstliche Intelligenz eine Menge zu bieten.

Wer die Leistungsfähigkeit neuer technologischer Entwicklungen bestimmen will, muss zunächst an der natürlichen Dummheit der Menschen arbeiten. Der Informatiker und Gründer der Online-Universität Udacity, Sebastian Thrun, hat vorgeschlagen, künstliche Intelligenz zu einem Pflichtbestandteil der Geistes- und Humanwissenschaften zu machen. Damit hat er recht. Denn künstliche Intelligenz wird kein Werkzeug in unserem Leben sein. Sie wird sich zum allumfassenden Werte- und Regelsystem unserer zivilisatorischen Infrastruktur entwickeln.

Als solches müssen wir sie behandeln. Dazu sollte alles, was für das Verständnis und die Anwendung von künstlicher Intelligenz notwendig ist, schnell in das Bildungsprogramm unserer Schulen und Universitäten eingebracht werden – als Allgemeinwissen für den Alltag einer neuen Zeit. Außerdem sollten wir wieder anfangen zu träumen von einer Welt, in der wir neue Technologien nicht als Katalysatoren der Menschheitszerstörung betrachten, sondern als Spielzeuge für eine bessere Welt. Trauen wir uns mehr Hippie-Denken zu. Turn on, tune in, drop out: Eine Mischung aus Woodstock, Technologiekonferenz und dem "Burning Man" wäre ein guter Anfang.