Manchmal kommen die mutigen Lösungen von unerwarteter Seite. Die Regierung des indischen Bundesstaats Andhra Pradesh hat angekündigt, chemischen Dünger und Pestizide abzuschaffen. Schon im Jahr 2024 sollen die Bauern nur noch mit biologischen Methoden ihren Boden fruchtbar machen und Schädlinge bekämpfen. Sechs Millionen Farmer müssen bis dahin Zero Budget Natural Farming erlernen.

Pavan Sukhdev war gerade in Andhra Pradesh, und was dort geschieht, hat den langjährigen Berater des UN-Umweltprogramms (Unep) und neuen Präsidenten des World Wild Fund for Nature (WWF) begeistert, es ist eine Revolution in der Landwirtschaft. Sukhdev weiß aber auch: Es wird ein Kraftakt. Ob der gelingt, hängt von der Unterstützung ab, die er bekommt – "und Wertschätzung erfährt nur, was auch bewertet wird", sagt Sukhdev.

Biologische Anbaupraktiken sparen Wasser, bauen Humus auf, mindern den Klimawandel und helfen den Ärmsten, sich vielseitig zu ernähren. Doch in den Agrarstatistiken und den Gewinn- und Verlustrechnungen kommen solche Leistungen kaum vor. Warum? "Weil sie weder berechnet werden noch einen Preis haben", sagt Sukhdev. Die Politik aber orientiert sich an dem, was Ökonomen vorrechnen. Damit sich etwas ändert, hat Sukhdev, einst Manager bei der Deutschen Bank, zusammen mit 150 Experten aus 33 Ländern einen grundlegend neuen Bewertungsrahmen für die globale Land- und Lebensmittelwirtschaft erarbeitet. Der Titel trägt ihre Kernbotschaft: "Messen, was wirklich zählt."

Unep förderte die Studie, die ungewöhnlich mit einem bekannten Gleichnis beginnt: der Geschichte von den blinden Gelehrten, die der König beauftragt, herauszufinden, wie ein Elefant aussieht. Der eine betastet den Rüssel und beschreibt die fremde Kreatur als länglich und beweglich. Ein anderer kriegt den Stoßzahn zu fassen und malt sich ein Röhrenwesen aus, ein Dritter anhand des Ohres ein Fächertier und so fort. Jeder von euch hat auf seine Weise recht, sagt der König am Ende. Aber den Elefanten begreift nur, wer das große Ganze sieht.

Die Parabel über die beschränkte Wahrnehmung steht dafür, wie die wissenschaftlichen Disziplinen jeweils ihr unvollständiges Bild von der Welt zeichnen – in diesem Fall der Lebensmittelversorgung. Ihre Spezialkenntnisse seien alle wichtig, "doch in ihren Denksilos ignorieren sie die Zusammenhänge", kritisiert der Leiter der Studie, Alexander Müller, lange Vize-Generaldirektor der Welternährungsorganisation und heute Direktor des Nachhaltigkeits-Thinktanks TMG. Für Müller ist dieses Nebeneinander nicht nur dafür verantwortlich, dass man den Nutzen einer Landwirtschaft, wie sie Andhrah Pradesh anstrebt, nicht erkennt. Es erklärt auch, warum die Schäden unterschätzt werden, die Ackerbau, Viehzucht oder Fischwirtschaft in ihrer herkömmlichen Form produzieren.

Landwirte erzeugen heute weltweit mehr Lebensmittel als je zuvor. Trotzdem hungern weiterhin 815 Millionen Menschen, zugleich sind 650 Millionen übergewichtig. Der Landwirtschaft wird die Verantwortung für 60 Prozent der Artenverluste zugeschrieben, für ein Drittel der degradierten Böden und 24 Prozent der Klimagasemissionen.

Sukhdev wurde bei dem neuen UN-Report hinzugezogen, weil er mit der Bilanzierung des Übersehenen Erfahrung hat. Vor acht Jahren machte er darauf aufmerksam, dass Mikroorganismen, Pflanzen und Tiere Wasser reinigen und Bäume bestäuben, dass sie medizinische Substanzen liefern und Ideen für technische Innovationen – und alles umsonst. Diese "Ökosystemdienstleistungen" der Natur gingen der Wirtschaft verloren, wenn sie den natürlichen Reichtum zerstöre, warnte Sukhdevs Initiative The Economics of Ecosystems and Biodiversity (TEEB). Der Vorstoß öffnete vielen die Augen. Nun folgt mit der TEEB for Agriculture and Food ein neuer Report. Er beschreibt – leicht zugespitzt – die "blinden Gelehrten" des Agrarsystems und fragt, wie sich deren Perspektiven zum ganzheitlichen Blick fügen können.

Der erste, der Agrarwissenschaftler, sorgt sich um die Ernährung einer wachsenden Bevölkerung, die zudem immer mehr Fleisch konsumiert. Er setzt vor allem auf höhere Ernten von einigen wenigen Nahrungs- und Futterpflanzen. Hightech auf dem Acker und im Stall soll dabei helfen. Dass dieses Effizienzdenken "gefährlich vereinfacht", zeigt sich besonders deutlich in der Fleischwirtschaft. Monokulturen von Mais oder Soja und hohe Tierzahlen ziehen Entwaldung, Überdüngung und einen enormen Einsatz von Ackergiften nach sich.

Eine neue Denkweise

Als zweiter Blinder will der Wirtschaftswissenschaftler Märkte so weit öffnen, dass Lebensmittel überall preiswert zur Verfügung stehen. Dabei übersieht er, dass Massenrohstoffe, die global gehandelt werden, oft gewachsene Agrartraditionen und Wissensschätze verdrängen. Zugleich zerstören sie ökologische Zusammenhänge. Wenn am Amazonas Baumriesen für den Sojaanbau abgeholzt werden, fehlen Verdunstung und Wolken, die über Südamerika abregnen, und ganze Regionen vertrocknen.

Der dritte Blinde, der Umweltexperte, möchte den Planeten mit seinen Wäldern, Mooren und Grasländern retten. Landwirtschaft sieht er tendenziell als Störenfried. Mit dieser Beschützer-Haltung vernachlässigt er aber oft, dass viele Menschen als Lebensgrundlage nichts anderes haben als Feld, Wald und Fluss. Naturschutz und Armutsbekämpfung sind so nicht vereinbar.

Letztere beschäftigt den Soziologen. Er will auch Kleinbauern und Dörfer an moderne Technologien und die Weltwirtschaft anschließen. Wenn aber industrielle Anbauweisen kleinere Höfe verdrängen, wird ein übersehener Teil der Landwirtschaft gefährdet: Weltweit bietet sie 1,5 Milliarden Menschen eine Existenz. Abermillionen wandern schon heute in die Städte ab. "Wie viele Autofabriken sollen gebaut werden, um sie zu beschäftigen?", fragt TEEB-Autor Alexander Müller.

Der Gesundheitsfachmann schließlich sorgt sich um die Ernährung. Er warnt davor, dass zu viel Fett, Zucker und Fleisch Krebs, Alzheimer und andere Krankheiten befördern kann. Seine Wahrnehmung endet jedoch am menschlichen Körper, was auf dem Acker geschieht, interessiert ihn nicht. Dabei gäbe es zum Beispiel ohne den Überschuss an fructosereichem Sirup aus dem amerikanischen Maisgürtel wohl nicht so viele übersüßte Limonaden oder Frühstücksflocken. Die Folge laut dem Report: mehr Übergewichtige, Bluthochdruck- oder Nierenpatienten und enorme Behandlungskosten. Auch im Interesse der Gesundheit müsste deutlich weniger billiges rotes Fleisch produziert werden und dafür deutlich mehr Obst und Gemüse.

Der neue TEEB-AgriFood-Bericht spielt nun die Rolle des weisen Königs im Elefantengleichnis. Er prägt den Begriff "Öko-Agro-Lebensmittel-System" für das große Ganze und schlägt einen Rahmen vor, mit dem man es erfassen kann. Demnach sollen künftig die Schaden-Nutzen-Bilanz landwirtschaftlicher Produkte nicht nur Acker, Weiden und Ställe angeschaut werden, sondern die ganze Wertschöpfungskette einschließlich der Verschwendung. Die Leistungen der Natur bekommen mehr Gewicht und vor allem die Gesundheit. Die Kapital- und Warenströme werden durch Werte wie Ethik, sozialer Zusammenhalt, Landschaftsschutz und Kultur ergänzt.

Das alles klingt einleuchtend – aber kompliziert und abstrakt. Noch ist es nur ein Modell. Doch der Report liefert Beispiele, wie vielfältig die neue Denkweise Anwendung finden kann. In Kenia zum Beispiel würde man sich eher fragen, ob die Landwirtschaft des Landes tatsächlich in erster Linie dem Konsummodell des Westens dienen soll. Bereits heute ringt das Entwicklungsland mit steigenden Zahlen von Übergewicht und Diabetes, die sein Gesundheitssystem vollständig überfordern.

In Thailand ließe sich errechnen, was die im Land diskutierte Einführung einer Pestizidsteuer bringt. Die Europäer ihrerseits könnten bei der Reform der gemeinsamen Agrarpolitik noch genauer abwägen: Sollen die Agrarsubventionen weiter zum großen Teil pauschal ausgegeben werden oder dafür, Ökosysteme und ländliche Räume zu erneuern?

Oder das Beispiel Senegal: Dort wurden die sozialen und ökologischen Segnungen einer ähnlichen entwicklungspolitischen Agrarstrategie, wie sie Andhrah Pradesh plant, schon konkret berechnet. Ergebnis: Würden Kleinbauern, die nachhaltig anbauen, gefördert, dann entstünden 27 Prozent mehr Jobs als bei der großflächigen Bewässerungslandwirtschaft mit Chemie. Die Farmer könnten sieben Prozent mehr Wertschöpfung aus ihren Feldern holen, Wasser würde um 40 Prozent effizienter eingesetzt.

Kritiker der TEEB-Initiative befürchten, eine ökonomische Bewertung der Natur könne dazu führen, dass auch ihre Leistungen bald mit Preisschildern versehen werden. "Keine Sorge", wehrt Alexander Müller ab, "Bienen werden nicht gleich an der New Yorker Börse gehandelt, nur weil man den Wert der Bestäubung bemisst."

Vielmehr gehe es darum, bewusster zu machen, dass Bürger ihr Essen mehrfach bezahlen: an der Ladentheke, mit steigenden Krankenkassenbeiträgen sowie mit ihren Steuern, die für Subventionen, die Entgiftung der Umwelt oder die Säuberung verschmutzten Wassers ausgegeben werden müssen. Alexander Müller fasst es so zusammen: "Billige Lebensmittel können am Ende sehr teuer sein."