Omids Hoffnung wird korrekt zerstört. Nach Paragraf 12 des Berliner Lehrkräftebildungsgesetzes "Berufsbegleitender Vorbereitungsdienst" und der zugehörigen Rechtsverordnung. Unter dem Paragrafen tummeln sich Sätze mit Wörtern wie "Lehramtsbefähigung" und "Anrechnungsmöglichkeit". Sie sind komplex. Und besagen doch nur eines: Omid Aleyasin, 31, hat keine Chance, als Quereinsteiger Lehrer zu werden.

Obwohl er will. Obwohl ihn seine Schüler wollen. Obwohl ihn seine Kollegen wollen. Obwohl ihn der Rektor will. Obwohl ihn die Kepler-Schule in Neukölln dringend braucht.

Die Bürokratie entscheidet über die Realität

"Alle sagen, dass ich gut bin." Omid Aleyasin sitzt in der Kepler-Schule. Ein Raum mit Tischen, Stühlen, Whiteboard. "Ach Hals Maul" hat jemand daraufgekritzelt. Omid spielt mit den Schnüren seines Kapuzenpullis. "Aber am Ende zählt nur, was die Bürokratie sagt."

Die sagt, dass der Diplombetriebswirt Omid Aleyasin nicht qualifiziert ist, als Referendar Mathe an einer Integrierten Sekundarschule zu unterrichten, weil die Mathematik seines Studiums dafür nicht ausreicht. Die Bürokratie entscheidet über alles. Sogar über die Realität.

Im vergangenen Jahr konnten 3.000 Stellen für Lehrer nicht besetzt werden

Und die ist dramatisch. Dem Land gehen die Lehrer aus. Über 3.000 Stellen blieben vergangenes Jahr unbesetzt. Brandenburg stellt Lehrer aus Polen ein. Nordrhein-Westfalen holt Pensionäre zurück. Und alle versuchen, Quereinsteiger anzuwerben, Fachkräfte ohne pädagogische Ausbildung. In Berlin waren das im vergangenen Schuljahr 40 Prozent der neuen Lehrer. Dieses Jahr stehen 1.200 offenen Stellen nur 800 Quereinsteiger gegenüber. Bildungssenatorin Sandra Scheeres wirkt hilflos. Sie umwirbt Masterstudenten und Teilzeitkräfte. Durch die Lokalpresse geistert eine Liste mit freigestellten Pädagogen, die zurückgeholt werden könnten.

Jeder scheint qualifiziert. Außer Omid.

Efeu umrankt den Altbau der Kepler-Schule. Hinter dem Säulenportal liegt eine Empfangshalle. Durch die Fenster leuchtet das Grün des Hofes. 300 Schüler gibt es hier. In den Familien wird selten Deutsch gesprochen. Abitur kann man nicht machen. Viele gehen ohne Abschluss. Nirgendwo in Berlin brechen mehr Schüler ab. Nirgendwo schwänzen sie öfter. Nur Omid will hier sein. Der Betriebswirt aus dem Ghetto.

Die Kollegen bitten ihn, zu bleiben

Man hört ihm seine Herkunft an, wenn er das "Ich" zum "Isch" verschleift. Man sieht sie ihm an. Omids Eltern flohen in den Achtzigern aus dem Iran, landeten in einer Sozialwohnung in Bonn. Sie glaubten an den Aufstieg durch Bildung. Ihr Sohn schaffte ihn. Abitur, Studium in Jena und Vancouver, Praktikum bei einer Bank. Kein Spaß, kein Angebot. Die Schwester erzählte ihm von Teach First.

Teach Forst an eine Brennpunktschule

Der gemeinnützige Verein schickt besonders geeignete Uni-Absolventen für zwei Jahre an eine Brennpunktschule. Die Fellows sollen Lehrer unterstützen und Verantwortung lernen. Omid wird im August 2016 an die Kepler-Schule geschickt. Er trifft auf Drogendealer, prügelnde Schüler und Kollegen, die nichts mit ihm anfangen können. Und bleibt trotzdem. Kümmert sich um Technik und Klassenfahrten, unterrichtet Mathe und Englisch. Die Kollegen bitten ihn, zu bleiben.

Wer in Berlin Quereinsteiger werden möchte, muss ein Mangelfach vorweisen. Es folgen 18 Monate Referendariat und die Staatsprüfung. Omid entscheidet sich für Mathe. Ein Fach, in dem er Abschlussklassen unterrichtet, für das er Vertretungslehrer sein dürfte. Im Herbst 2017 betritt Omid die Zentrale Bewerbungsstelle der Senatsverwaltung für Bildung. Der Beamte hinter dem Schreibtisch sagt: Nein. Er schlägt Omid vor, an einer Berufsschule mit Wirtschaft einzusteigen und dann als Mathelehrer an die Kepler-Schule zu wechseln. Doch der will nicht monatelang weg sein und sich auf Berufsschulen spezialisieren. "Da wäre ich wieder der Außenseiter, der nichts verändern kann."

In einem Land mit Lehrermangel will ein junger Mann mit Migrationshintergrund ein Mangelfach unterrichten, und zwar dort, wo der Mangel am größten ist – an einer Brennpunktschule. Und darf nicht. Das wirft Fragen auf: Wie kann das sein? Wer sollte Quereinsteiger werden? Was muss er können? Sollte nicht die Schule auswählen?

"Lehrer wie Herrn Aleyasin will man als Schulleiter haben."
Moritz Dreher, Rektor an der Kepler-Schule in Berlin-Neukölln

Interview-Anfrage an die Bildungssenatorin. Deren Sprecherin bittet, die Fragen schriftlich zu schicken. Allerdings: Zu Einzelfällen werde sich die Senatorin nicht äußern. Sie äußert sich auch sonst kaum. Die Antwort ist fast eine Kopie der offiziellen Anforderungen an Quereinsteiger. Beinahe alle Fragen werden ignoriert. Wie viele Quereinsteiger arbeiten in Berlin? Wieso darf ein Vertretungslehrer ein Fach unterrichten, für das er als regulärer Lehrer nicht zugelassen wäre? Müssten angesichts dessen nicht die Kriterien für Quereinsteiger überarbeitet werden?

Die Senatorin schweigt. Andere reden.

"Lehrer wie Herrn Aleyasin will man als Schulleiter haben", sagt Moritz Dreher. Motivation, Migrationshintergrund, Mangelfach. Seit drei Jahren ist Dreher hier Rektor. Sein Traumjob. "Ich wollte eine Schule, an der ich etwas verändern kann." Den Wunsch nach Veränderung sieht man ihm an. Anzug, randlose Brille. "Ein Statement." Dafür, dass vieles gut laufe.

Sterne und Toilettendienst gegen Drogen und Gewalt

Moritz Dreher will einen anderen Geist an der Kepler etablieren. Die Schüler sollen stolz sein, Verantwortung übernehmen. So wie bei den Toiletten. Die haben sie mit ausgesucht, jetzt halten sie sie per Schlüsseldienst sauber. "Null Verschmutzung, nur zwei kaputte Deckel in einem Jahr. Nichts ist das, nichts!" Dreher strahlt. Oder die Kepler-Sterne! Er zieht ein Stück Papier voll bunter Sterne hervor. Wenn ein Schüler sich einbringt, etwa aufräumt, kriegt er einen Stern. Er kann Sterne einlösen, um Strafen zu entgehen oder für einen positiven Vermerk. "Moralische Reden helfen nichts, so etwas schon."

Sterne und Toilettendienst gegen Drogen und Gewalt. Dreher hat gelernt, das Positive zu sehen.

Sogar bei den zehn Prozent der Stellen, die er nur mit befristeten Vertretungen füllen kann. "Das ist auch eine Chance: Manche sind echte Juwele." So wie Omid. "Er spricht mit den Schülern auf Augenhöhe, trotzdem ist die Hierarchie klar." Omid passt in Drehers pädagogisches Konzept. "Die Erziehung hat hier einen höheren Stellenwert als an den meisten anderen Schulen. Ich habe hier schon Mathe unterrichtet, obwohl ich kein Mathe studiert habe. Die Herausforderung bei uns ist die Vermittlung, die Sprache." Dabei gehe es nicht um kulturelle Fragen, sondern um soziale. "Manche Schüler mit Migrationshintergund sprechen besser Deutsch als Deutsche aus bildungsfernen Elternhäusern."

Es geht nicht nur um einen Quereinsteiger. Es geht darum, was für Lehrer dieses Land will.

Der Direktor will Überzeugungstäter. Weil nur die seine Vision umsetzen könnten, ohne die Hoffnung zu verlieren. Omid würde gut passen. Er würde ihn gerne behalten. "Aber bei aller Sympathie für Herrn Aleyasin: Es gibt Regeln, wann jemand eingestellt werden kann." Schulen seien nun mal nicht rechtlich eigenständig.

Wer Dreher zuhört, versteht, dass es um mehr geht als um einen Quereinsteiger. Es geht darum, was für Lehrer dieses Land will. Nur jene, die Schule immer konnten? Die nie weiter hinten als in Reihe zwei saßen? Oder auch jene, die kämpfen mussten, weil zu Hause niemand das Schulsystem verstand? In der Schülerschaft sind beide Welten vorhanden. Im Lehrerzimmer dominiert eine. Ein Rundgang mit Omid Aleyasin zeigt, was es für die Schüler bedeuten würde, wenn das anders wäre.

Pausenzeit. Omid tritt aus dem Raum, tigert durch die Gänge, öffnet eine Tür, die mit einem Vorhängeschloss gesichert ist, und steht auf dem Hof. Viele Kopftücher, viele Kapuzenpullis. Ein Mädchen baut sich vor Omid auf. "Ey, Herr Aleyasin, isch hab eine Zwei plus in Mathe." Omid klatscht ab. "Super!" Er geht weiter, vorbei an der Mensa, in der es derzeit keine warmen Speisen gibt, weil alle Mitarbeiter krank sind. Ein Junge reicht ihm einen Zettel: "Für die Buchmesse." Omid organisiert eine Tour nach Leipzig. Für alle, die es begründen können. Auf dem Zettel steht: "Ich bin auch ein Sehr Vorbildender Schüler und wie gesagt wäre das für mich eine einmalige Sache die ich nicht Verpassen möchte da ich nicht zu einer messe je gehen kann." Omid legt dem Jungen die Hand auf die Schulter: "Danke schön."

Eine Schülerin ruft: "Bester Lehrer!"

Dann ist die Pause vorbei. Omid geht zurück, auf einem Geländer sitzen zwei Mädchen. Sie haben vergangenes Jahr ihren Abschluss gemacht. Eine ruft: "Bester Lehrer!" Omid tritt heran. "Lasst den Quatsch. Wie läuft’s?" – "Ich bin aus meiner Lehre geflogen." – "Echt?" Omid runzelt die Stirn. – "Hatte keinen Bock. Ich heirate lieber." – "Aber nicht Familie?" – "Nee. Ich will doch Abi machen." Sie lacht.

"Eine Hardcore-Neuköllner-Kiez-Schule"

Herr Aleyasin, sagt Moritz Dreher, sei ein Vorbild für die Schüler. Omid sagt: "Ich wohne hier, ich spreche ihre Sprache." Er überlegt kurz. "Das hört sich idealistisch an, aber die haben es verdient. Auch die, die von der Polizei abgeholt werden."

Nach der ersten Absage spricht Omid mit Teach First, einem Anwalt und dem Bundestagsabgeordneten für Neukölln. Er wendet sich an die Berliner Schulaufsicht, die ihm vorschlägt, über das Fach Wirtschaft, Arbeit und Technik einzusteigen. Den Vorschlag lehnt die Bewerberstelle Anfang 2018 ab. Teach First ist machtlos. Der Anwalt muss sondieren. Der Abgeordnete schreibt die Verwaltung an, besucht den Unterricht von Omid. "Herr Doktor Felgentreu war von der Qualität meiner Arbeit überzeugt."

Das Büro des Abgeordneten Fritz Felgentreu liegt im Süden Neuköllns, am Lipschitzplatz. Vor einem Café sitzen Männer in Jogginghose und Blaumann. Das Café heißt Happiness. Die Gäste sehen nicht so aus. Nebenan bietet ein Familienzentrum Grundschülern Hausaufgabenhilfe und ein warmes Mittagessen an. Für 50 Cent und ohne Schweinefleisch.

"Ich hätte es dem jungen Mann gegönnt. Er macht das wirklich gut."
Fritz Felgentreu, Bundestagsabgeordneter

Fritz Felgentreu beobachtet die Szenerie durch die Glasfront seines Büros. Er dreht sich um. "Haben wir noch die E-Mail?" Seine Sekretärin reicht ihm ein Papier. Felgentreu liest: "Hier ist auch keine abweichende Entscheidung möglich." – "Schade", sagt die Sekretärin. Felgentreu nickt. "Ich hätte es dem jungen Mann gegönnt. Er macht das wirklich gut."

Der Bundestagsabgeordnete war selbst Quereinsteiger, unterrichtete Latein und Altgriechisch. Felgentreu ist Altphilologe. Er sieht auch so aus. Rote Hose, runde Hornbrille. Der Typ Lehrer, den Schüler respektieren, sogar mögen. Zumindest an einem humanistischen Gymnasium. Die Kepler-Schule ist anders.

"Eine Hardcore-Neuköllner-Kiez-Schule" nennt Felgentreu sie. Er kennt die Probleme und das Potenzial. "Tolle Lage, engagierte Lehrer. Ich verstehe, dass bei Herrn Aleyasin der Funke übergesprungen ist." Zumal der ein emotionales Verständnis für die Schüler habe. "Sie respektieren ihn, zugleich ist er ihnen so ähnlich, dass er Role-Model werden könnte."

"Schulleiter sollten mehr Freiheit haben, Lehrer auszuwählen. Das wäre der beste Weg."
Fritz Felgentreu, Bundestagsabgeordneter

Könnte. Vielleicht auch: müsste. Doch das mag Fritz Felgentreu nicht fordern. Er findet lieber: "Schulleiter sollten mehr Freiheit haben, Lehrer auszuwählen. Das wäre der beste Weg." Nicht nur für seinen Wahlkreis. "Unsere Kieze sind Integrationslabore für ganz Deutschland." Einwanderung, Deindustrialisierung und nun die Flüchtlinge. "Bisher wurden gesellschaftliche Probleme zu Hause von Muttern aufgefangen. Jetzt landen sie in der Ganztagsschule." Vor dem Fenster marschieren Kita-Kinder. Helle Haut, dunkle Haut. Fritz Felgentreu sieht die Zukunft.

"Der Lehrermangel ist auch eine Chance"

Vielleicht geht es gar nicht darum, welche Lehrer das Land will. Sondern welche es braucht. Schulen formen die Zukunft eines Landes, vermitteln Werte und Wissen. All das, was das Land prägt und prägen soll. Ändert sich das, müssen sich die Schulen ändern. Sonst zerbrechen sie. Und mit ihnen das Land.

Es gibt eine Statistik, an der sich die ersten Risse ablesen lassen. Sie listet Quereinsteiger in den Berliner Schulen auf. Zu verdanken ist sie Joschka Langenbrinck. Der SPD-Senatsabgeordnete hat ihre Herausgabe mit Verweis auf ein Verfassungsgerichtsurteil erzwungen. Kein Einzelfall, schreibt Langenbrinck auf Anfrage. "Senatorin Scheeres verweigert dem Parlament immer wieder nachweislich vorliegende Informationen." Als Sandra Scheeres verkündet, dass die Lücken auch mit Quereinsteigern nicht mehr zu füllen seien, sagt sie: "Wir werden neue, qualifizierte Lehrer umlenken in die sozialen Brennpunkte." Die Statistik sagt etwas anderes. In Brennpunktbezirken ist die Zahl der Quereinsteiger höher: Mitte 5,8 Prozent, Lichtenberg 6, Neukölln 5,5, Kepler-Schule 8 Prozent. Berlin gesamt: 4,2 Prozent.

Der Aufstieg durch Bildung wird zur Segregation durch Bildung. Omids Fall verweist auf einen blinden Fleck bei Politik und Bürokratie. Quereinsteiger könnten Teil der Lösung sein. Wenn sich die Kriterien ändern. Hin zu jenen Stärken, die Menschen wie Omid mitbringen. Der mag ein Lehrer-Naturtalent sein. Dort, wo er ausgebildet wurde, ist er die Regel.

Die Räume von Teach First Deutschland in Berlin üben sich in Bescheidenheit. Schlichte Bilder, schlichte Büromöbel. Am Tisch sitzt Geschäftsführer Ulf Matysiak und übt mit. Eine Studie zweier Universitäten ergab, dass Fellows pädagogisch besser gerüstet sind als Referendare. "Richtig. Da schneiden wir erfreulicherweise sehr gut ab." Matysiak erlaubt sich kein Lächeln. Teach First Deutschland ist auf die Zusammenarbeit mit den Ländern angewiesen. Die Organisation hat 50 Mitarbeiter und zahlt meist die drei Monate Ausbildung eines Fellows und seine Weiterbildungen. Der Rest wird vom jeweiligen Bundesland übernommen. Zurückhaltung ist da hilfreich. Muss Omid Lehrer werden? "Ich will etwas allgemeiner antworten", sagt Matysiak. "Teach First könnte ein Labor sein. Der Lehrermangel ist auch eine Chance." Gerade in Brennpunktschulen. Dort gehe es um gesellschaftlichen Zusammenhalt. Vor diesem Hintergrund müssten Lehrer ausgewählt werden. "Da sollten wir den Fokus wegrücken vom rein Fachlichen und überlegen: Welche Menschen, mit welcher Geschichte und Motivation, wollen wir?" Matysiak will nicht akzeptieren, dass ein Fünftel der Schüler scheitert.

Im Mai teilt die Bildungsverwaltung der Kepler-Schule mit, dass Omid doch Mathelehrer sein darf. Wenn er Mathe nachstudiert. Neben dem Beruf.

Am 11. Juni verkündet die Bildungssenatorin, dass wegen des Lehrermangels Schulstunden gestrichen werden. Die für Sprachförderung, Integration und Inklusion.

Omid Aleyasin bekommt seine Chance. Tausenden Schülern wird sie genommen.

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