Vielleicht geht es gar nicht darum, welche Lehrer das Land will. Sondern welche es braucht. Schulen formen die Zukunft eines Landes, vermitteln Werte und Wissen. All das, was das Land prägt und prägen soll. Ändert sich das, müssen sich die Schulen ändern. Sonst zerbrechen sie. Und mit ihnen das Land.

Es gibt eine Statistik, an der sich die ersten Risse ablesen lassen. Sie listet Quereinsteiger in den Berliner Schulen auf. Zu verdanken ist sie Joschka Langenbrinck. Der SPD-Senatsabgeordnete hat ihre Herausgabe mit Verweis auf ein Verfassungsgerichtsurteil erzwungen. Kein Einzelfall, schreibt Langenbrinck auf Anfrage. "Senatorin Scheeres verweigert dem Parlament immer wieder nachweislich vorliegende Informationen." Als Sandra Scheeres verkündet, dass die Lücken auch mit Quereinsteigern nicht mehr zu füllen seien, sagt sie: "Wir werden neue, qualifizierte Lehrer umlenken in die sozialen Brennpunkte." Die Statistik sagt etwas anderes. In Brennpunktbezirken ist die Zahl der Quereinsteiger höher: Mitte 5,8 Prozent, Lichtenberg 6, Neukölln 5,5, Kepler-Schule 8 Prozent. Berlin gesamt: 4,2 Prozent.

Der Aufstieg durch Bildung wird zur Segregation durch Bildung. Omids Fall verweist auf einen blinden Fleck bei Politik und Bürokratie. Quereinsteiger könnten Teil der Lösung sein. Wenn sich die Kriterien ändern. Hin zu jenen Stärken, die Menschen wie Omid mitbringen. Der mag ein Lehrer-Naturtalent sein. Dort, wo er ausgebildet wurde, ist er die Regel.

Die Räume von Teach First Deutschland in Berlin üben sich in Bescheidenheit. Schlichte Bilder, schlichte Büromöbel. Am Tisch sitzt Geschäftsführer Ulf Matysiak und übt mit. Eine Studie zweier Universitäten ergab, dass Fellows pädagogisch besser gerüstet sind als Referendare. "Richtig. Da schneiden wir erfreulicherweise sehr gut ab." Matysiak erlaubt sich kein Lächeln. Teach First Deutschland ist auf die Zusammenarbeit mit den Ländern angewiesen. Die Organisation hat 50 Mitarbeiter und zahlt meist die drei Monate Ausbildung eines Fellows und seine Weiterbildungen. Der Rest wird vom jeweiligen Bundesland übernommen. Zurückhaltung ist da hilfreich. Muss Omid Lehrer werden? "Ich will etwas allgemeiner antworten", sagt Matysiak. "Teach First könnte ein Labor sein. Der Lehrermangel ist auch eine Chance." Gerade in Brennpunktschulen. Dort gehe es um gesellschaftlichen Zusammenhalt. Vor diesem Hintergrund müssten Lehrer ausgewählt werden. "Da sollten wir den Fokus wegrücken vom rein Fachlichen und überlegen: Welche Menschen, mit welcher Geschichte und Motivation, wollen wir?" Matysiak will nicht akzeptieren, dass ein Fünftel der Schüler scheitert.

Im Mai teilt die Bildungsverwaltung der Kepler-Schule mit, dass Omid doch Mathelehrer sein darf. Wenn er Mathe nachstudiert. Neben dem Beruf.

Am 11. Juni verkündet die Bildungssenatorin, dass wegen des Lehrermangels Schulstunden gestrichen werden. Die für Sprachförderung, Integration und Inklusion.

Omid Aleyasin bekommt seine Chance. Tausenden Schülern wird sie genommen.

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