Von Niggern ist bei William Faulkner ziemlich oft die Rede, und Joe Christmas, die Hauptfigur seines Romans Licht im August, leidet darunter, äußerlich ein Weißer, aber vermeintlich ein "Niggerbastard" zu sein. Noch ist im Hörspiel kein "Beep" als Überblendung zu hören, wenn der "verdammte Niggerblütige" seinen Auftritt hat; an manchen Theatern hierzulande wären zumindest Warnhinweise ja mittlerweile zwingend. Also kann man diesen Klassiker der Weltliteratur jetzt unverfälscht als akustisches Südstaatenepos erleben, brutal, schonungslos, archaisch – und sich gegebenenfalls verletzen lassen. Große Kunst hat von jeher oft ganz gern verletzt; dieser ästhetische Sinn ist uns heute abhandengekommen.

William Faulkner schrieb "Licht im August" 1931/32, es wurde sein Durchbruch; 1950 erhielt er den Nobelpreis. Angesiedelt im fiktiven Yoknapatawpha County in Mississippi, schildert der Roman in einem riesigen Bilderbogen mit wechselnden Erzählperspektiven zahlreiche hoffnungslosen Gestalten, die in einer Welt voller Hass und Gewalt zufällig schicksalhaft aufeinandertreffen. Regisseur Walter Adler hat ein hochkarätiges Sprecherensemble für seine Produktion versammelt. Ulrich Matthes gibt den alles zusammenhaltenden Erzähler in einer abgründigen Ruhe: Er ahnt spürbar mehr, als er berichtet – und unter der Oberfläche brodelt es überall. Rassismus, Sexismus, Lynchjustiz, verlogene Gottesfurcht, das gleißende Licht und die Sümpfe, die Plantagen, der Staub und der Wahn – all das wird hörbar, nicht zuletzt dank der Musik von Pierre Oser mit expressivem Klangkolorit, bis hin zur Country-Gitarre.

Die junge schwangere Lena Grove (Yohanna Schwertfeger) wandert durch den Süden auf der Suche nach ihrem Kindsvater; am Ende wird sie unermüdlich weiter gen Tennessee ziehen. Sylvester Groth gibt den mal verstörten, mal besessenen Ex-Pfarrer Gail Hightower, der wie ein dämonischer Geist erscheint. Als Hauptfigur jedoch wirkt Tom Schilling: mit jugendlicher, aber gezeichneter Stimme als besagter "Niggerbastard" Joe Christmas, der einst am Heiligabend vor dem Waisenhaus gefunden wurde. Ruhelos gerät der Arbeiter in einen Strudel aus wuchernder Identitätssuche, dumpfer Verzweiflung, Begehren und Auflehnung. Am Ende steht die Bluttat. Dass er, Opfer und Täter, viehisch getötet wird, ist Faulkners Clou für die schicksalhafte Ausweglosigkeit, die in dieser Südstaatenwelt herrscht. Gebannt hört man zu und vergisst all die amerikanischen Konfektionsromane, die einem jede Saison zur Erklärung dieses merkwürdigen Landes angepriesen werden. Wer wissen will, woran das heutige Amerika krankt, der sollte lieber bei den großen Autoren der Zwanziger- und Dreißigerjahre suchen, bei John Dos Passos, Sherwood Anderson, Thomas Wolfe und eben William Faulkner.

William Faulkner: Licht im August. Hörbuch Hamburg, Hamburg 2018; 8 CDs, 446 Min., 24,– €