DIE ZEIT: Frau von Trotta, Sie sind eine leidenschaftliche Tagebuchschreiberin. Was hat Sie zuletzt beschäftigt?

Margarethe von Trotta: Die politischen Vorgänge in Italien. Ich bin ja fast eine Italienerin, habe von Ende der Achtziger- bis Mitte der Neunzigerjahre dort gelebt. Inzwischen lebe ich zwar in Paris, aber die Leidenschaft, auch die Wut, die mich packt angesichts der Politik, ist immer noch mehr an Italien gebunden. Da kann ich mich richtig erregen.

ZEIT: Sie haben mal gesagt, dass Sie sich beim Tagebuchschreiben selbst anblicken.

Von Trotta: Tagebuch schreibe ich jedenfalls nicht, um das eines Tages zu veröffentlichen. Und nach meinem Tod soll mein Sohn diese Aufzeichnungen auch wegwerfen. Es sind ja vor allem Überlegungen, die man mit sich selber anstellt. Vieles ist für die anderen todlangweilig. Etwa die ewigen Beschreibungen der Angst.

ZEIT: Angst wovor?

Von Trotta: Vor jedem neuen Film.

ZEIT: Hat die Angst im Laufe Ihrer Karriere abgenommen?

Von Trotta: Nein, im Gegenteil. Weil man sich mit Personen beschäftigt, denen man nicht das Wasser reichen kann oder von denen man glaubt, dass man ihnen nicht das Wasser reichen kann. Weil man ihnen gerecht werden will. Oder weil man ihnen nicht ein Unrecht zufügen möchte, indem man einen Film über sie macht. Diese Angst hatte ich bei Rosa Luxemburg, bei Hannah Arendt und jetzt eben auch bei meinem Dokumentarfilm über Ingmar Bergman.

ZEIT: Was bedeutet Bergman für Sie?

Von Trotta: Bergman war die Initialzündung für meinen Weg als Filmemacherin. 1960 habe ich Das siebente Siegel im Kino gesehen, und von dem Moment an wollte ich selbst Regisseurin werden.

ZEIT: Weshalb hatte Bergmans Film diese Wirkung?

Von Trotta: Ich bin allein mit meiner Mutter aufgewachsen, einer deutsch-baltischen Aristokratin, die vor den Kommunisten aus Moskau geflohen war. Daher wurde ich mit russischer Literatur groß, mit Dostojewski, Turgenjew, Lermontow. Meine Mutter war auch an Kunst, an Musik und Oper interessiert, aber ins Kino führte sie mich kaum, das wurde nicht als Kunst angesehen. Und dann, bei einem Aufenthalt in Paris, nahmen mich französische Studenten mit in Das siebente Siegel. Es war der erste wirkliche Film, den ich gesehen habe. Das war wie eine Erleuchtung.

ZEIT: Was hat Sie so beeindruckt?

Von Trotta: Die Art, wie Bergman den Glauben und den Zweifel an Gottes Existenz ins Bild setzte. Ich hatte eine Diakonissenschule besucht, in der wir Mädchen permanent beten mussten. Danach bin ich vom Glauben abgefallen. Trotzdem ist man, wenn man so jung ist, weiterhin in einer Krise, zweifelt, ob es richtig ist, dass man sich vom Glauben abwendet. Und da kam dieser Film. Es war nicht nur ein Kunsterlebnis, das mich wie der Blitz traf, es ging eben auch um die Frage, ob Gott existiert.

ZEIT: Glauben Sie, dass eine Überfigur wie Ingmar Bergman heute noch denkbar ist?

Von Trotta: Diese quasireligiöse Verehrung und Ikonisierung ist, glaube ich, Vergangenheit. Heute fühlt man sich einem Künstler nicht mehr so überschwänglich verpflichtet.