Liebe Margot, aus Höflichkeit würde ich Sie bei einem Treffen natürlich nicht gleich mit dem Vornamen ansprechen. Doch es ist ungewöhnlich, dass sich viele Menschen, mich eingeschlossen, Ihnen so verbunden fühlen, dass sie bei Margot gleich an Käßmann denken. Bei Horst oder Wolfgang denkt man schon eher an den Nachbarn als an einen emeritierten Bischof. Außerdem ist Papier intimer, auch deswegen erlaube ich mir das: Margot, Sie gehen nun in den Ruhestand und ich möchte mich bei Ihnen bedanken.

Danke, dass Sie mir in den letzten 20 Jahren ein Vorbild gewesen sind. Dank Ihnen durfte ich mit der Gewissheit aufwachsen, dass in meiner Kirche Frauen nicht nur den Kindergottesdienst gestalten, sondern auch Bischöfin werden können. Zu einer Zeit, als Kindergärten meist nur vormittags geöffnet hatten, haben Sie dreimal so viele Kinder bekommen wie der damalige Bundesdurchschnitt und gleichzeitig meine Kirche geprägt.

Sie waren Frau und Führungskraft. Ihre bisherige Laufbahn vereint vieles, was vorher als Widerspruch galt – vor allem in einer Institution wie der lutherischen Kirche, die auf Wandel in der Regel eher vorsichtig reagiert und noch nie dafür bekannt war, zur feministischen Avantgarde zu gehören. Sie saßen im lila Kleid statt im Lutherrock in Talkshows und wurden zur sehnlichst erwarteten Identifikationsfigur protestantischer Frauen, die mangels Marienfrömmigkeit mitunter das explizit Weibliche in der Kirche vermissen. Dabei prägten Frauen vielerorts das Gemeindeleben durch Mitarbeit, Engagement und Gottesdienstbesuch. Mit Ihnen wurden diese Frauen stellvertretend sichtbar.

Als Elfjährige durfte ich Ihnen die Hand schütteln. Es war eine große Sache für mich. Sie waren gerade zur Landesbischöfin von Hannover gewählt worden und kamen für einen Tag in den kleinen Heideort, in dem ich damals lebte. Es war 1999. Ich ließ den äußerst langatmigen Festgottesdienst zum 150-jährigen Bestehen der Hermannsburger Mission, zu dem Sie angereist waren, über mich ergehen. Vielleicht konnte ich ja danach mal näher rangehen und gucken, wer diese Frau ist. Es gab damals noch keine Influencer, keine YouTuber, und deswegen war an meinem persönlichen Horizont neben den Backstreet Boys noch Platz für weitere Stars. Nachdem sich einige Menschen vorgedrängelt hatten, war ich endlich an der Reihe und mein Vater stellte mich Ihnen vor. Ich erinnere mich nur noch daran, dass wir Hände geschüttelt und ein bisschen geplaudert haben, doch das reichte völlig aus, um in den kommenden Jahren immer an "meine" Margot-Käßmann-Begegnung zu denken. Ort dieser Begegnung war ein Kirchengebäude der Selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche. Was ich damals nicht wusste: Diese Kirche ordiniert keine Frauen. Es mag kein Feindesland gewesen sein und gewiss nicht der einzige Ort, an den Sie während Ihrer Dienstzeit kamen, an dem Männer seit Jahrhunderten den Ton angaben. Doch die Beweislast, zu zeigen, dass eine Frau mindestens genauso gut oberste Hirtin einer großen Kirche sein kann, die wird an solchen Orten vermutlich schwerer gewogen haben als anderswo.

Sie haben einmal gesagt, Sie hätten keine weiblichen Vorbilder gehabt. Von niemandem konnten Sie sich abschauen, wie man es macht – eine Bischöfin zu sein. Sie haben deshalb mit Blick auf das Bischofsamt beschlossen: "Ich bleibe einfach Margot!"

Ich hatte in Studium und Vikariat das Glück, sehr wohl weibliche Vorbilder zu haben: darunter Theologinnen wie Christina Brudereck, Nadia Bolz-Weber und Petra Bahr. Eine Ordensschwester, zwei Kirchenvorsteherinnen, eine Küsterin, Schriftstellerinnen, Freundinnen, Michelle Obama. Und natürlich Sie. Als man mir im Predigerseminar Schwierigkeiten mit meiner Rolle als angehender Pfarrerin attestierte, blieb ich selbstbewusst. Ich wusste, dass man diese Rolle sehr individuell ausfüllen kann, ohne dabei unprofessionell zu sein. Ich wusste, dass ich mit und ohne Amt dieselbe Person bleiben könnte.

Sie wirkten immer authentisch. Das mussten selbst ihre Kritiker anerkennen. Ihre Fans liebten Sie dafür. Vor jeder Ihrer Kirchentagsveranstaltungen standen schon lange vor Beginn Pfadfinder mit "Halle überfüllt"-Schildern. Sie waren der Popstar der evangelischen Kirche. Aber keine entrückte Lichtgestalt, die über den Dingen schwebte, sondern eine, die es vermochte, sehr vielen Menschen das Gefühl zu vermitteln, eine von ihnen zu sein. Man erfuhr, wie Ihre Töchter mit Vornamen heißen und wie Sie sie erziehen. Sie machten transparent, wo Sie im Großen und im Kleinen gescheitert waren, sogar was es zum Mittagessen gab, wenn es schnell gehen musste: Tiefkühllasagne mit frischer Paprika, für die Vitamine. So stand es in der Zeitung. Von Ihrem ersten Amtsvorgänger, Bischof August Marahrens, weiß ich nicht einmal, ob er verheiratet war. Vermutlich ja.

Das Private war bei Ihnen, gemäß der Parole der Frauenbewegung, politisch. Das Private war auch theologisch. Ihre Theologie war erfahrungsgesättigt und kontextuell und hatte es darum bei anderen deutschen Theologen nicht leicht. Zu anschaulich, nicht abstrakt genug. Als intellektuell gilt in Deutschland erst, wer von großen Teilen der Gesellschaft nicht mehr verstanden wird, für die evangelische Theologie gilt das ganz besonders. Ein Kommilitone, der Sie in Bochum gehört hatte, meinte in diese Litanei mit einstimmen zu müssen und Ihre Vorlesungen für nicht besonders anspruchsvoll zu befinden. Heute würde ich ihm wohl mit Verweis auf US- beziehungsweise lateinamerikanische Traditionen Miroslav Volf, Stanley Hauerwas oder Leonardo Boff zur Lektüre empfehlen und darauf verweisen, dass die eigene Erfahrung kein minderwertiger Ausgangspunkt ist, um Theologie zu betreiben.

Ich halte es für einen großen Dienst an der Bibel und den Gläubigen, dass Sie eine Sprache sprechen, die Menschen verstehen. Schon bevor Sie Reformationsbotschafterin wurden, haben Sie es Luther gleichgetan und dem Volk aufs Maul geschaut. In dieser Sprache haben Sie auch viele Bücher geschrieben. Zu jedem Thema von Kindererziehung bis zum Tod und zurück. Doch der große Absatz, den Ihre Bücher fanden und finden, widerlegt die kulturpessimistischen Klagen derer, die die Religion in der Gesellschaft als verloren ansehen. Es scheint noch immer einen großen Bedarf an Trost, Gnade und Anleitung zum guten Leben zu geben. Wie kann die Kirche von Ihnen lernen, auf diese Sehnsüchte zu reagieren, ohne neue Popstars produzieren zu müssen?

Ausgerechnet für Ihren Rücktritt nach einer alkoholisierten Autofahrt haben Sie sich den größten Respekt erworben. Auch meinen übrigens. Sie haben keine Stunde zu lange an Ihrem Amt gehangen. Ja, Sie haben es sogar geschafft, Ihren Rücktritt zur Verkündigung Ihrer tiefen Überzeugung zu nutzen, die dadurch zu einem geflügelten Wort geworden ist: Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand. Noch erlebe ich gerade eine Zeit der Anfänge. Aber ich hoffe, dass ich eines Tages ähnlich klar sehen werde, wenn für mich die Zeit zum Aufhören gekommen sein wird. Es finden sich neue Aufgaben nach dem Amt, das hat Ihre Vita eindrücklich gezeigt.

Noch eine weitere Erinnerung möchte ich mit Ihnen teilen: Vor einigen Wochen standen Sie zufällig vor mir in der Schlange der Kinokasse. In Hannover, dem protestantischen Rom, kann das schon einmal passieren. Diesmal hat es mich nicht gedrängt, hinzugehen und Hallo zu sagen. Ich weiß inzwischen aus eigener Erfahrung, dass man manchmal einfach ins Kino oder essen gehen möchte, ohne angesprochen zu werden. Es lief, so viel darf ich sicher verraten, "3 Tage in Quiberon", ein Schwarz-Weiß-Film, in dem Marie Bäumer eine gut 40-jährige Romy Schneider spielt, überarbeitet, pleite und unglücklich. An einer Stelle resümiert sie, von vielen bewundert und doch einsam: "Es hätte alles sehr viel besser laufen können mit meinem Leben." Eine ergreifende Szene, die im Zuschauer erst Mitleid auslöst und dann die Frage: "Was würde ich über mein Leben sagen?" Ich hoffe, dass Sie selbst nun resümieren können, "Es ist vieles gut gelaufen in meinem bisherigen Leben." Die Hoffnung, dass auch das Nicht-ganz-so-Gute nicht das letzte Wort hat und einmal vollendet werden wird, verbindet Sie mit Christinnen und Christen in aller Welt.

Herzlichst, Ihre Hanna Jacobs