Neulich habe ich ihn wiedergesehen. Er stand auf einer Bühne und redete zu der Menge, die sich in Hamburg zu einer Demonstration versammelt hatte. Gut, die Bühne setzte sich nur aus zwei Bierkisten zusammen, Krombacher und Bitburger, und in der Menge waren nur 200 Leute. Aber Matthias Matussek stand dort oben mit einem Mikrofon und redete. Über die Millionen muslimischer Bodybuilder, mit denen die Regierung unser Land flutet. Über Angela Merkel, die Staatsratsvorsitzende. Und über Journalisten. Vor allem über die.

Journalisten, sagte Matussek, seien ein kümmerlicher Haufen angepasster Kugelschreiberträger, und die Menge klatschte und lachte. "Leute, da steckt System dahinter", verkündete Matussek, dann machte er sich Gedanken über die "Allianz zwischen Presse, Regierung und Lüge", woraufhin die Menge "Widerstand!" rief und Matussek die Faust reckte und voll einstieg.

"Widerstand! WI-DER-STAND!"

Es war kaum möglich gewesen, dem Video dieses Auftritts zu entgehen. Ich kenne fast keinen Journalisten, der es nicht gesehen hätte. Über Matussek raunt man in meinen Kreisen wie über den Nazi-Oppa auf dem Familienfest: Pass auf, so weit kann es kommen.

Matthias Matussek war selbst mal Journalist. Er würde sagen, er ist es immer noch. Ich bin mir da nicht so sicher.

Als ich ihm vor zwölf Jahren zum letzten Mal persönlich begegnete, da war er mein Chef. Matussek erschien mir damals mächtig und bewundernswert. Er war Anfang fünfzig und leitete das Kulturressort des Spiegels. Ich war Ende zwanzig und Praktikant bei ihm. Er interviewte heute Peter Sloterdijk und morgen Heidi Klum, er bestellte mal eben einen Essay bei Enzensberger und stieß mit seinen Titelgeschichten die, wie man so sagt, großen Debatten an. "Auf der Buchmesse war er stets von einer Traube Lauschender umringt", bestaunte ihn die taz. Der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher übernachtete bei ihm zu Hause. Matussek war einer der wichtigsten Journalisten des Landes.

Tja. Einiges passiert seit damals. Heute steigt er bei einer Merkel-muss-weg-Demo auf die Bierkiste. Matussek tritt bei der Identitären Bewegung auf, Matusseks Gesicht prangt auf Plakaten der Hamburger AfD, Matussek bekämpft auf Facebook den "kalten Putsch von oben". Dieser Mann, der einmal so viel Deutungsmacht hatte wie kaum ein Intellektueller in unserem Land, hat sich dem selbst ernannten Widerstand angeschlossen. Wie konnte es so weit kommen?

Im Frühjahr rufe ich ihn an. "Herr Matussek, ich würde Sie gern für einen Artikel in der ZEIT begleiten, weil ..." – "Hömma", unterbricht er mich, "du kannst mich duzen, wir sind ja mittlerweile gleich alt", und lacht dieses gewittrige Matussek-Lachen, das man nicht vergisst.

Da steht er nun am Hamburger Hauptbahnhof, er hat immer noch dieses Schwergewichtshafte, groß und wuchtig ist er, aber auch weicher und müder als damals, mehr wie ein verlotterter Uni-Dozent mit seiner abgenutzten Ledertasche und den Bartstoppeln. Er stellt sich nah vor mich, er fuchtelt und wankt: "Ich muss dich vor mir warnen! Ich bin irre, wie du weißt!" Das ist ganz lustig, weil Matusseks Lage ja so ernst ist, laut Matussek. Also lachen wir beide.

Matthias Matussek hält sich selbst für einen "Geächteten", einen "regimekritischen Journalisten", "ausgewürgt von einem Betrieb, der Probleme mit Dissidenten hat". Auch andere, die früher bei etablierten Medien waren, denken gern in diese Richtung. Es gab den früheren FAZ-Autor Udo Ulfkotte, der dunkle Mächte in den Redaktionen erblickte, es gibt Publizisten wie Roland Tichy, der mal den Mainstream geprägt hat und heute gegen ihn anschreibt. Es gibt ehemalige Redakteure wie Nicolaus Fest von der Bild, den es zur AfD zog, und Michael Klonovsky vom Focus, der heute Bücher verfasst mit Titeln wie Die Liebe in den Zeiten der Lückenpresse.

Für die Neue Rechte spielen diese Männer eine wichtige Rolle: Sie sind die Aussteiger, die angeblich erzählen können, was wirklich los ist. Irgendetwas muss in den vergangenen fünf Jahren passiert sein, und ich habe den Verdacht, es geht hier nicht nur um Merkel und die Flüchtlinge. Wer hat sich von wem entfremdet, frage ich mich: diese Journalisten sich vom journalistischen Betrieb – oder der Betrieb sich von ihnen?