Neulich habe ich ihn wiedergesehen. Er stand auf einer Bühne und redete zu der Menge, die sich in Hamburg zu einer Demonstration versammelt hatte. Gut, die Bühne setzte sich nur aus zwei Bierkisten zusammen, Krombacher und Bitburger, und in der Menge waren nur 200 Leute. Aber Matthias Matussek stand dort oben mit einem Mikrofon und redete. Über die Millionen muslimischer Bodybuilder, mit denen die Regierung unser Land flutet. Über Angela Merkel, die Staatsratsvorsitzende. Und über Journalisten. Vor allem über die.

Journalisten, sagte Matussek, seien ein kümmerlicher Haufen angepasster Kugelschreiberträger, und die Menge klatschte und lachte. "Leute, da steckt System dahinter", verkündete Matussek, dann machte er sich Gedanken über die "Allianz zwischen Presse, Regierung und Lüge", woraufhin die Menge "Widerstand!" rief und Matussek die Faust reckte und voll einstieg.

"Widerstand! WI-DER-STAND!"

Es war kaum möglich gewesen, dem Video dieses Auftritts zu entgehen. Ich kenne fast keinen Journalisten, der es nicht gesehen hätte. Über Matussek raunt man in meinen Kreisen wie über den Nazi-Oppa auf dem Familienfest: Pass auf, so weit kann es kommen.

Matthias Matussek war selbst mal Journalist. Er würde sagen, er ist es immer noch. Ich bin mir da nicht so sicher.

Als ich ihm vor zwölf Jahren zum letzten Mal persönlich begegnete, da war er mein Chef. Matussek erschien mir damals mächtig und bewundernswert. Er war Anfang fünfzig und leitete das Kulturressort des Spiegels. Ich war Ende zwanzig und Praktikant bei ihm. Er interviewte heute Peter Sloterdijk und morgen Heidi Klum, er bestellte mal eben einen Essay bei Enzensberger und stieß mit seinen Titelgeschichten die, wie man so sagt, großen Debatten an. "Auf der Buchmesse war er stets von einer Traube Lauschender umringt", bestaunte ihn die taz. Der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher übernachtete bei ihm zu Hause. Matussek war einer der wichtigsten Journalisten des Landes.

Tja. Einiges passiert seit damals. Heute steigt er bei einer Merkel-muss-weg-Demo auf die Bierkiste. Matussek tritt bei der Identitären Bewegung auf, Matusseks Gesicht prangt auf Plakaten der Hamburger AfD, Matussek bekämpft auf Facebook den "kalten Putsch von oben". Dieser Mann, der einmal so viel Deutungsmacht hatte wie kaum ein Intellektueller in unserem Land, hat sich dem selbst ernannten Widerstand angeschlossen. Wie konnte es so weit kommen?

Im Frühjahr rufe ich ihn an. "Herr Matussek, ich würde Sie gern für einen Artikel in der ZEIT begleiten, weil ..." – "Hömma", unterbricht er mich, "du kannst mich duzen, wir sind ja mittlerweile gleich alt", und lacht dieses gewittrige Matussek-Lachen, das man nicht vergisst.

Da steht er nun am Hamburger Hauptbahnhof, er hat immer noch dieses Schwergewichtshafte, groß und wuchtig ist er, aber auch weicher und müder als damals, mehr wie ein verlotterter Uni-Dozent mit seiner abgenutzten Ledertasche und den Bartstoppeln. Er stellt sich nah vor mich, er fuchtelt und wankt: "Ich muss dich vor mir warnen! Ich bin irre, wie du weißt!" Das ist ganz lustig, weil Matusseks Lage ja so ernst ist, laut Matussek. Also lachen wir beide.

Matthias Matussek hält sich selbst für einen "Geächteten", einen "regimekritischen Journalisten", "ausgewürgt von einem Betrieb, der Probleme mit Dissidenten hat". Auch andere, die früher bei etablierten Medien waren, denken gern in diese Richtung. Es gab den früheren FAZ-Autor Udo Ulfkotte, der dunkle Mächte in den Redaktionen erblickte, es gibt Publizisten wie Roland Tichy, der mal den Mainstream geprägt hat und heute gegen ihn anschreibt. Es gibt ehemalige Redakteure wie Nicolaus Fest von der Bild, den es zur AfD zog, und Michael Klonovsky vom Focus, der heute Bücher verfasst mit Titeln wie Die Liebe in den Zeiten der Lückenpresse.

Für die Neue Rechte spielen diese Männer eine wichtige Rolle: Sie sind die Aussteiger, die angeblich erzählen können, was wirklich los ist. Irgendetwas muss in den vergangenen fünf Jahren passiert sein, und ich habe den Verdacht, es geht hier nicht nur um Merkel und die Flüchtlinge. Wer hat sich von wem entfremdet, frage ich mich: diese Journalisten sich vom journalistischen Betrieb – oder der Betrieb sich von ihnen?

"Ich singe das Gospel des Aufstands"

Im Bordbistro der Bahn lässt Matussek sich auf eine Sitzbank fallen. Er gähnt ausführlich, sein Arm macht sich auf der Rückenlehne breit, und der Fahrgast neben ihm zieht sich mit der Instinktsicherheit einer Schnecke an den Rand der Bank zurück. Matussek nimmt ein Buch und blättert darin. Wieder dieses naturgewaltige Lachen. Hahaha. Hihihi. Das Buch ist sein eigenes.

Es heißt White Rabbit oder der Abschied vom gesunden Menschenverstand. Vor einigen Monaten erschien das Werk bei einem Kleinverlag, eine Qual für jemanden wie Matussek, der unter nichts so sehr leidet wie unter Stille. Früher bekam er professionelle Lesetouren organisiert, er drückte seine Bücher dem Papst und der Kanzlerin in die Hand. Heute ist er eine One-Man-Show. Er wartet darauf, dass Leute ihn auf Facebook anschreiben und zu Auftritten einladen, Fans, Bekannte, Burschenschaftler. Matussek macht alles. "Ich reise in jeden Winkel der Republik und singe das Gospel des Aufstands." Er weiß genau, wo er damit hinwill. Er will in die Spiegel-Bestsellerliste.

Sein Name im "Heulsusenblatt". In der "Schülerzeitung". "Das", verkündet mir Matthias Matussek so laut, dass alle im Bordbistro tun müssen, als hörten sie nicht zu, "ist jetzt mein persönlicher Kampfauftrag."

Wie seltsam, denke ich. Matussek könnte gut gelaunt in seiner rechten Ecke sitzen. Stattdessen will er seinen Namen im Spiegel sehen, einmal noch, und träumt von Rezensionen in FAZ und SZ. Die größte Lücke, die sich die Lückenpresse leistet, scheint Matthias Matussek zu sein.

In Köln wird Matussek von einem Bekannten abgeholt, einem freundlichen Kunsthändler mit Einstecktuch, der ihn in sein Wohnzimmer geladen hat, zu einem literarischen Salon. Zwei Dutzend meist großbürgerliche Zuhörer. Als Matussek die Villa betritt, ist er kurz enttäuscht: Der Bekannte hat vergessen, einen Verkaufstisch aufzustellen. Aber egal, sollen die Leute das Ding eben im Netz bestellen, schnell einen Weißwein, Hemd in die Hose stopfen, und schon sitzt Matussek unter einem niederländischen Frauenporträt aus dem 17. Jahrhundert und trägt aus seinem "Buch zur Protestbewegung" vor, wie er es nennt.

Über Strecken bleibt es ziemlich harmlos. Die Hauptperson ist natürlich er selbst. Er, wie er sich neulich am Sunset Boulevard Medical Marihuana besorgte und bekifft von den Cops geschnappt wurde, und das ist so lustig und gaga, dass man sich nicht einmal fragt, was es soll. Dann Bierkistenprosa. Irre Tiraden gegen Merkel und ihre Redaktionstruppen, von denen Matussek kaltgestellt wird wie Jack Nicholson von den Schlappschwänzen in Eine Frage der Ehre.

"Heranrollende Menschenmassen ... Dieser Sturm fegte alles weg ... Ziel: das Weltkalifat ... telefonierte mit Aust und war hinterher beruhigt ... ließen den Joint kreisen ... Den letzten Ritt in den Sonnenuntergang meiner Berufslaufbahn musste ich wohl mit einer Kugel im Rücken fortsetzen ..."

Große ratlose Stille im Raum, als Matussek fertig ist. Dann meldet sich ein Mann im dunklen Anzug: Das sei ja ein überaus einseitiges Szenario.

Reflexartig schnellt Matussek aus seinem fränkischen Barocksessel vor: "Wie ist Ihr Name?" – "Saurma."

"Herr Sauermann! Gestatten: Matussek. MATUSSEK!", zetert Matussek los. Und während sich Bosco, der Deutsch Langhaar des Gastgebers, vom Teppich erhebt und Deckung sucht, faltet Matussek seinen Kritiker zusammen. Würden Debatten von Dezibelmessern entschieden, dies hier wäre ein Kantersieg.

Hinterher bedanken sich ein paar Zuhörer bei Matussek für seinen "Mut", die anderen stehen mit Weingläsern im Wohnzimmer herum und sind sich einig: wichtiges Thema, der Linksruck der Medien, aber doch nicht so! Matussek kippt ein Kölsch und noch eins und tigert durch den Raum. "Da ist ja mein Kritiker! Ey, Sauermann!" Was Matussek in diesem Moment nicht weiß: Herr Sauermann heißt Douglas Graf Saurma und ist im Vorstand des Malteser Hilfsdienstes. Er will gerade aufbrechen.

"Hömma, du bleibst noch! Hömma, Alter, du bist doch homosexuell!"

Kopfschütteln. Getuschel. Was die Bürger von Köln in diesem Moment nicht wissen: Hier versucht Matthias Matussek auf hilflose Weise, so etwas wie Nähe zu einem Mann zu erzeugen, dem er vorhin "Das versteht doch ein Dreijähriger!" entgegengeschrien hat.

Hauptsache, die Lautstärke stimmt

Auf eines kann sich Matussek mit seinen Kritikern einigen: Ein Dagegen-Mensch war er schon immer. Geboren 1954, als Sohn eines strengen katholischen Sozialpolitikers. Der junge Matthias lässt es sich nicht nehmen, mitten in einen Aschehaufen zu springen, statt dem Befehl der Eltern zu folgen und daran vorbeizulaufen wie seine vier Brüder. 1968 taumelt das Land in die Revolte hinein und Matthias in die Pubertät. Mit 15 besetzt er seine Schule, mit 22 verfasst er Gedichte, dunkle Jahre, Selbstmordversuch, Psychiatrie. Er nimmt alle Drogen, die er in die Finger bekommt, auch die ganz harten, bis er das Allergrößte entdeckt: seinen Namen gedruckt zu sehen. Journalismus als Integrationsmaßnahme. Rückkehr in die bürgerliche Welt.

Er steigt zum Star des Spiegels auf. Lebt in New York in einem Duplex am Central Park und schreibt fantastische Reportagen über die Gegenkultur und ihre Protagonisten. Bewohnt eine Villa in Rio de Janeiro und recherchiert in den Favelas. Matussek hämmert damals die allerzartesten Porträts runter, in diesem süchtig machenden literarischen Ton. Er bekommt den wichtigsten Preis für Journalisten, den Kisch-Preis. Seine Erfolge zeigen, wie weit es einer bringen kann, der in der Welt herumkommt und überall eigentlich nur sich selbst sucht, seine Helden, seine Obsessionen und Neurosen.

Im Jahr 2005 machen sie ihn beim Spiegel zum Chef der Kulturredaktion. Sein größter Erfolg. Der Beginn seines Abstiegs. Ich erinnere mich, was mir zu Beginn meines Praktikums eine Sekretärin erzählte: Sie und ihre Kolleginnen könnten sich nicht einigen, wer nahe der Wand sitzen müsse, die an das Büro des Chefs grenzte. Wegen des Gebrülls, das daraus hervordrang und die Wand zum Zittern brachte. Ich glaube, sie haben sich dann abgewechselt.

Matussek dreht jetzt frei. Man hat ihm das größte Megafon des deutschen Journalismus in die Hand gedrückt, er probiert es fröhlich aus: immer die steile These, immer das totale Pathos. In den Essays, die er druckt, macht die Pornosucht die Gesellschaft kaputt und das Regietheater die kulturelle Tradition. Dann sterben auch noch die Deutschen aus. "Auf dieser Reise in eine düstere Zukunft werden nach und nach die sozialen Netze reißen, Masche für Masche."

Ein Mensch, der das Im-Mittelpunkt-Stehen ein Leben lang perfektioniert hat, muss nur seinem Instinkt für Aufreger folgen. Wenn die Debattenlage es erfordert, erklärt sich Matussek damals gern mal zum Linken. Dann wieder nennt er sich einen rechten Revolutionär und fordert einen "Kulturkrieg". Es geht alles hin und her, Hauptsache, die Lautstärke stimmt.

Er merkt bald: Am besten läuft der Untergang; Themen wie Nation und Islamismus. Wenn Matussek heute sagt, er war schon AfD, bevor es die AfD gab, dann hat er einen Punkt.

Ich schrieb einen meiner ersten Texte, das Porträt eines Punkmusikers. Harmloses Praktikantenzeug. Ich glühte vor Stolz, als Matussek mich dafür lobte. Dann dichtete er noch einen Satz hinein – ein Zitat des Musikers: "Ich werde weltberühmt." Ich wagte schüchternen Widerspruch: Ähm, das habe der Musiker aber nicht gesagt ...

Egal, entschied Matussek. "Er könnte es ja gesagt haben." Von Lügenpresse sprach da noch niemand.

Eines Tages brüllte er zwei Redakteure klein, einen Mann und eine Frau. Die beiden hatten Probleme bei der geplanten Elbphilharmonie recherchiert, Matussek hatte aber eine Jubelgeschichte im Kopf. Die Frau war hochschwanger. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie da mit ihrem Bauch vor Matussek sitzt, eine Gefangene seiner Wut. Ein paar Tage später zerriss er vor ihrem Gesicht das Magazin und drohte: "Nicht mit mir! Nie wieder!"

Diese Journalistin heißt Susanne Beyer und ist heute stellvertretende Chefredakteurin des Spiegels.

Als ich sie in ihrem Büro besuche, HafenCity, zwölfter Stock, da merke ich bald, wie jene Zeit sie bis heute beschäftigt. Susanne Beyer – altersmäßig zwischen ihm und mir – erzählt von der "dämonischen Macht", die Matussek auf das Ressort ausübte, mit seinem Charisma, seiner Bildung, seinem Willen zum Herrschen, und ich denke: War ich also nicht der Einzige. Wir reden darüber, wie unfassbar viel sich verändert hat in diesen Jahren seit 2005, die ja auch die Merkel-Jahre waren, beim Spiegel, im Journalismus, im ganzen Land. Matussek kommt aus einer Zeit, als auf den Schreibtischen der Journalisten der Whisky stand, die Frau vor allem als Sekretärin und Sexobjekt eine Rolle spielte und ein Ressortleiter beim Spiegel etwa so sanft herrschte wie ein Bataillonskommandeur.

Damals bekam Beyer signalisiert, als Spiegel-Redakteurin kriege man keine Kinder. Heute leitet sie den Laden. Damals knöpfte Matussek auf der Weihnachtsfeier sein Hemd auf und zeigte die Narben seiner Herz-OP herum wie Kriegstrophäen. Heute schreibt er alten Kollegen in den großen Feuilletons und wartet auf Antwort. Und in Beyers Spiegel steht der Haha-Witz über ihn, Matussek sei "irre komisch".

"Jetzt breche ich durch"

Ich habe den damaligen Chefredakteur Stefan Aust gefragt, ob er mit mir über Matussek sprechen wolle. Aust wollte nicht, und die meisten anderen, die beruflich mit ihm zu tun hatten, hatten etwas dagegen, hier mit Namen aufzutauchen. Ihre Antworten klangen, als würden sie die Erinnerung an Matussek am liebsten aus dem Gedächtnis löschen. Vielleicht auch deshalb, weil sie sich anfangs von diesem Mann hatten verführen lassen. Beim Spiegel heißt es heute, man hätte Matussek früher auf Spur bringen und vor sich selbst schützen müssen. Doch die damalige Führungsspitze sah zu, wie sich ihr Ressortleiter in einen Krawallmacher verwandelte. "Er war der Gestörte, den man sich leistete", sagt ein Beteiligter. Man lieh sich einen Schuss genialen Wahnsinn, das war ganz bequem und brachte Aufmerksamkeit.

Bis sein Verhalten so untragbar wurde, dass sie ihn absetzen mussten, nach zwei Jahren als Ressortleiter. Diese Comicversion des letzten Patriarchen. Einige derer, die damals dabei waren, glauben heute: Nichts anderes als das Drama um Matussek habe den Kulturwandel beim Spiegel eingeläutet. Den Abschied vom Männlich-Hierarchischen, von dem dieses Magazin – entgegen seiner politischen Haltung – so lange geprägt worden ist.

Zu Hause über dem Schreibtisch hat Matthias Matussek eine Art Matussek-Gedenkwand voller gerahmter Spiegel-Cover. Alle seine Titelstorys, wie er mir stolz erklärt. Lady Di, Mozart und Hermann Hesse mit rotem Rand. Sie schauen immer auf ihn herab. Ich glaube, eigentlich will Matussek immer noch beim Spiegel sein – und dass der Spiegel ihn nicht mehr will, ist die große Kränkung seines Lebens.

Im Fernsehen kommt Matussek! Muss Matussek natürlich anschauen. Er schlüpft in seine Schlappen, fingert nach Handy und E-Zigarette und läuft durch die große, angenehm unspektakuläre Dachgeschosswohnung mit Bücherwänden voller Klassiker. Matussek schaltet das ZDF ein, vor einigen Tagen haben sie ihn interviewt. Läuft ganz gut gerade, findet er. Auch der Deutschlandfunk will ein Gespräch, das Hamburger Abendblatt wird in zwei Tagen ein Porträt bringen, und im Cicero soll was erscheinen, Matussek hält eine Titelgeschichte für möglich. "Jetzt kann’s nur besser werden! Jetzt breche ich durch."

Der Boxer am Boden, der aufsteht und den großen Fight liefert – das ist natürlich ein zutiefst literarisches Motiv, keiner weiß das besser als Matussek, der viele Reportagen über solche Underdogs geschrieben hat. Seit Jahrzehnten hat er sich auf die Rolle vorbereitet, die er jetzt spielt.

Im Fernsehen beginnt Berlin direkt, Sportübertragungs-Spannung, Frau und Sohn setzen sich dazu. Die Moderatorin redet vom "rechten Zeitgeist" und Publizisten mit "keinerlei Berührungsängsten", dann darf Matussek 23 Sekunden lang die AfD als "Erfrischungskur für unsere Demokratie" loben.

"Bisschen kurz", grummelt er hinterher. Aber Frau und Sohn finden, das sei doch klasse gewesen. Fröhliche Siegesstimmung. "Merkel muss weg!", ruft Matussek und läuft durchs Wohnzimmer, "Widerstand!", und die Familie ruft lachend zurück: "Du Nazi!"

"Jetzt mal schnell gucken, ob sich an der Platzierung was geändert hat." Er geht in einen kleinen Raum, der so zugemüllt ist wie ein Kabuff. Schwarze Vorhänge halten die Sonne draußen. Ein Bett, kaum zu erkennen unter Bergen von Büchern und Klamotten. Ein Schreibtisch voller Tabletten- und Milchpackungen und anderem Zeug. Es ist das Arbeitszimmer von Matthias Matussek. Er setzt sich an den Computer.

White Rabbit steht trotz der 23 Matussek-Sekunden im ZDF immer noch auf Platz 1723 bei Amazon.

Seit Matussek kein Angestellter mehr ist, hat er sein Leben in die Nacht verlagert. Oft sitzt er bis frühmorgens hier in seinem Kabuff und liest und schreibt und ist im Netz unterwegs. Wenn er ins Bett geht, begegnet er manchmal seiner Frau, die gerade zur Arbeit aufbricht. Das sollte man im Kopf behalten, wenn man sich fragt, warum sich Matussek in die Herzen der Neuen Rechten schrieb, nachdem er 2014 den Spiegel verließ.

Sein Einstieg in die Systemkritik

Er wechselte damals zu Springers Welt. Diese Zeitung ist so etwas wie ein Altersruhesitz für störrische Elefanten, netter formuliert: Sie gibt Männern und Meinungen einen Platz, die es anderswo nicht mehr leicht hätten. "Ich weiß auch nicht, warum das in die Grütze ging", sagt Matussek über die knapp zwei Jahre, die er dort verbrachte. Wobei, eigentlich verbrachte er ja die meiste Zeit zu Hause oder auf Recherche. Er hatte einen Vertrag als Autor und fuhr selten nach Berlin in die Redaktion. Kein Büro mehr, keine Kantine, kaum Kontakt zu Kollegen. Sein Einstieg in die Systemkritik vollzog sich parallel zum Ausstieg aus den Systemstrukturen.

Es geht los, als er im Fernsehen eine Maischberger-Sendung sieht zum Thema Homosexualität im Schulunterricht. Er macht, was ihm nicht immer guttut, er regt sich auf. In der Nacht tippt er in seinem Kabuff einen Kommentar herunter: Homosexuelle Liebe sei defizitär, er lasse sich da seine Gedankenfreiheit nicht nehmen. Um drei in der Frühe schickt er den Text an die Welt und legt sich schlafen.

Beim Wochenmagazin Spiegel wäre nun der Apparat angesprungen, hätten Kollegen das Manuskript gelesen, wäre Zeit gewesen für Fragen: Willst du noch mal drüber nachdenken? Aber als Matussek am nächsten Vormittag aufwacht, haben sie seinen Text schon ins Netz gestellt, unter der Überschrift "Ich bin wohl homophob. Und das ist auch gut so".

Großer Ärger in der Redaktion der Welt.

Großer Jubel im Netz.

"Weiter so! Genau das braucht unsere weichgespülte Medienlandschaft!"

Welch eine Versuchung für jemanden mit Hang zur Renitenz: Wenn du die Insider gegen dich aufbringst, bist du draußen der Star. Matussek macht weiter. Auf einer Website namens theeuropean.de schreibt er in jenen Tagen immer krasser gegen den Sexualkundeunterricht an Schulen an. Der Medienjournalist Stefan Niggemeier weist ihm, wiederum im Netz, Fehler nach. Matusseks Antwort besteht darin, Niggemeier einen "aufgeschwemmten Mausepaul" zu nennen. Natürlich im Netz.

"War nicht ganz sachlich geschrieben, hat aber Spaß gemacht", sagt Matussek heute dazu. Ein Satz, der alles zusammenfasst. Von der Chefredaktion der Welt wird Matussek abgemahnt. Er ist gerade zwei Wochen da.

Und dann ist es wie damals, 1968, der Blutdruck des Landes steigt, und Matussek ist auch wieder auf Krawall gebürstet. Hier der Streit um Rechtspopulismus und Flüchtlinge, dort die berufliche Krise des Matthias Matussek, das alles fließt jetzt irgendwie zusammen. In der Einsamkeit seines Kabuffs, losgelöst von den Zwängen und Regeln des Tages, schafft sich Matussek ein Populisten-Ich. Dieses Wesen ist nachtaktiv und vor allem auf Facebook zu Hause. Und je mehr Applaus es bekommt, desto größer und lauter wird es.

"Is doch irre wie die wildgewordenen öffentlich-rechtlichen Flintenweiber der ard über die afd schäumen, und so irgendwo voll aus dem bauch raus"

"Wo ist das VOLK, wenn man es braucht?! Nämlich zur ABWAHL der unfähigsten Aussitzerin der dt Nachkriegszeit."

Am Ende wird der Tages-Matussek von diesem Wesen verschluckt.

Es ist der Abend des 13. November 2015, als er im Fernsehen die Bilder von den Anschlägen in Paris sieht. Matussek an seinem Schreibtisch, allein mit sich und der Nacht. Um 1.21 Uhr schreibt er auf Facebook: "Ich schätze mal, der Terror von Paris wird auch unsere Debatten über offene Grenzen ... in eine ganz neue frische Richtung bewegen".

Dahinter setzt er einen Grinse-Smiley.

Am nächsten Vormittag distanziert sich sein Chefredakteur Jan-Eric Peters von ihm. Auf Facebook. Matussek rechtfertigt sich. Auch auf Facebook. Er habe keine Freude über 130 Tote ausgedrückt, sondern "eine Art verzweifelten Sarkasmus".

Drei Tage später fährt Matussek zur Redaktionskonferenz nach Berlin. Auf das, was dort passiert, wird er später so zurückblicken: "Ja, ich bin laut geworden, mit Recht." Am selben Tag wird er fristlos gekündigt.

"Matthias, lass sie hetzen, lass sie lügen – aber beuge Dich nie!"

"Solidarität mit Matthias Matussek!"

"Lieber Herr Matussek, sehen Sie es mal so: Durch den Rausschmiss haben Sie keinen Maulkorb mehr."

In seinem Buch schreibt Matussek über diese Tage im November 2015 einen Satz, einen kurzen Satz, der einfach so dasteht zwischen all dem Wahnsinn: "Ich war eindeutig in meiner manischen Phase."

Auch viele, die Matthias Matussek gut kennen, sind fassungslos darüber, was seitdem aus ihm geworden ist. Gerade die. Ich habe für diesen Artikel mit dreien seiner vier Brüder geredet, einem Professor, einem Lungenarzt, einem pensionierten Lehrer. Aus ihren Worten sprach Liebe. Und Sorge. Es ging in diesen Telefonaten weniger um Merkel und die große Politik. Aber zwei Worte fielen immer wieder. Narzissmus. Und: Internet.

Der perfekte Märtyrer

Die Familie scheint in Matthias eine Art Christiane F. des Rechtspopulismus zu sehen, verführt vom Dealer Facebook und jetzt schwer provokationssüchtig. Sie haben auf ihn eingeredet. Aber von dieser Droge kriegen sie ihn einfach nicht runter.

"Matthias war eigentlich nie ein politischer Mensch. Er geht den Weg der Selbstradikalisierung, um weiter Gehör zu finden. Zuerst auf Facebook. Dann auf der Bierkiste." So sieht es der Spiegel-Kolumnist Jan Fleischhauer, und er weiß, wovon er redet. Er kennt Matussek seit Jahrzehnten, man besucht sich gegenseitig mit Familie. Fleischhauer wird von seinem Freund dafür bewundert, dass er ziemlich durchdacht den konservativen Provokateur gibt, ohne der Applaussucht zu verfallen. Dabei kennt Jan Fleischhauer die Macht der Verführung gut. Wenn er im gedruckten Spiegel veröffentlicht, hat er Millionen Leser. "Aber deren Reaktionen merkst du nicht sofort. Anders als bei meiner Spiegel Online-Kolumne." Sobald sie im Netz steht, geht es los. Pling, pling, pling. Beifall, Kommentare, Wutergüsse.

Das, sagt Fleischhauer, ist die Droge.

"Wenn ich ihn da auf der Demo brüllen sehe, kann ich das überhaupt nicht ernst nehmen. Er ist kein Rechter! Er ist ein Spieler. Ein Faxenmacher."

Ich habe mir das Video der Rede noch einmal angeschaut. Und es stimmt, auf Matusseks Gesicht zieht in genau dem Moment, als er einsteigt in den "Widerstand!", dieses Grinsen auf. Es ist das Grinsen, das jeder mag, der Matusseks gute Seiten kennengelernt hat, seinen Humor, seine anarchische Intelligenz.

Am Ende, denke ich mir, hätte der Journalismus es schaffen müssen, Leute wie ihn einzuhegen. Die Lauten, die Bühnentiere, die Wahnsinnigen. So wie die Volksparteien nicht so viele Wähler an die AfD hätten abgeben dürfen. "Journalismus war immer ein Beruf für die, die anders sind", hatte Jan Fleischhauer mir noch mitgegeben. Heute ist alles glatter und corporatemäßiger, in den Redaktionen wie überall in der Gesellschaft, das hat bestimmt seine Richtigkeit. Und doch.

Manchmal glaube ich, in dem ganzen rechtspopulistischen Gebrüll schwingt eine Klage mit: die Trauer über das Ende der Patriarchen, das Ende derer, die ihre Grenzen selbst definieren. Es stimmt ja nicht, dass man heute nicht mehr sagen darf, was man politisch denkt. Die berühmten Meinungskorridore, sie sind breit wie eh und je. Aber die Verhaltenskorridore – die sind enger. Einen wie Matussek hat das Schreiben einst in die bürgerliche Welt integriert. Jetzt ist er aussortiert.

Das Hamburger Abendblatt hat sein Porträt gebracht, aber unter der Überschrift "Was ist nur aus Ihnen geworden, Herr Matussek?". Cicero hat Wladimir Putin auf den Titel gesetzt statt Matthias Matussek. Das Interview mit dem Deutschlandfunk hat er verschlafen.

Er hofft mittlerweile darauf, dass sein Buch ein "Longseller" wird, wie er sagt. "Eine zweite Welle könnte sich aufbauen." Alles komme jetzt auf meinen Artikel an. "Hau mich nicht in die Pfanne. Ich bin doch kein Radikaler, ich schieße nur manchmal übers Ziel hinaus."

Irgendwo auf seinem Weg aus dem Medienbetrieb nach draußen ist diesem Mann die Urteilsfähigkeit abhandengekommen. Er steigt auf die Bierkiste und meint, nicht er habe sich verändert, sondern die Welt um ihn herum. Er glaubt, der Spiegel habe ihn kaltgestellt, und zeigt mir stolz die Spiegel-Gedenkwand in seiner Wohnung. Er beklagt die "gespenstische Gleichschaltung" der Presse und hofft auf einen Artikel in der ZEIT. Je mehr Stille ihm entgegenschlägt, desto lauter brüllt er. Das Ganze erinnert mich an meinen zweijährigen Sohn, mit dem es gerade manchmal nicht einfach ist.

Trotzphase. Mit 64 Jahren.

"Toll, dass Sie da sind!", ruft Beatrix von Storch, als sie Matthias Matussek die Tür öffnet. Altbau, dritter Stock, irgendwo in Berlin. Hier hat die AfD-Politikerin ihr Büro und ein kleines Studio für ihren Videopodcast Das ganze Bild. Zwei Kameras stehen herum, die eine bedient von Storchs Assistent, hinter die andere soll ich mich jetzt stellen. "Aber nicht den Knopf für das psychedelische Licht drücken!", ruft Matussek.

Letzte Vorbereitungen. Matussek und von Storch sitzen in der Mitte des Raums auf ihren Stühlen, gleich werden die roten Lichter der Kameras aufleuchten. Dann wird die AfD-Politikerin Matussek zu seinem Buch interviewen. Die beiden werden darüber reden, dass Journalisten zu Möchtegern-Volkserziehern herabgesunken sind, es wird darum gehen, dass einer wie Matussek politisch nicht mehr gegen den Strom schwimmen darf, und am Ende wird von Storch das haben, was sie braucht: den perfekten Märtyrer.

Doch vorher wendet sich Matussek noch seiner Gesprächspartnerin zu. "Können Sie nicht eine Lesung für mich organisieren? Ich brauch nur einen Büchertisch."

Er wolle das ja wohl nicht unter dem AfD-Logo?

"Ist mir egal", antwortet Matussek. "Wenn’s voll wird."

Und dann sagt er noch: "Ich werde weltberühmt." Nee. Kleiner Scherz. Aber er könnte es gesagt haben.