Der Raum ist voller Liebe. Matthias Strolz betritt die Bühne, zum letzten Mal als Parteivorsitzender der Neos. Es ist Samstagvormittag in der Wiener Stadthalle, und jeder Redner findet warme Worte, hie und da fließt eine Träne im Publikum. Strolz dankt artig, erwähnt viele Namen – und gibt dann den Spielverderber. Die liberale Demokratie und der Rechtsstaat stünden unter Druck, sagt er. Nationalkonservative Populisten würden mit der "Abbruchbirne gegen Europa" auffahren. Es gelte, den Kampf dagegen zu führen. Er sei zwar zuversichtlich, aber: "Es ist nicht sicher, dass wir gewinnen."

Vor fünf Jahren zogen die Neos überraschend in den Nationalrat ein. Eine junge Partei, mit auffallender Schockfarbe, flotten Sprüche und viel Optimismus. Der quirlige Parteivorsitzende versprühte Aufbruchsstimmung, als wollte er sagen: "Wir sind da, alles wird gut." Man gab sich kooperativ, konstruktiv und lobte im Parlament auch mal die Regierung. Und fünf Jahre später? Da schreit Matthias Strolz Minister an, nennt die Regierung einen "Bondage-Club", den Bundeskanzler einen "Androiden", warnt vor einem Bürgerkrieg und verkündet wie aus dem Nichts seinen Rücktritt. Was ist da passiert? Macht Politik selbst aus einem notorischen Optimisten einen Zyniker?

Über Matthias Strolz haben sich schon viele lustig gemacht. Ein "Duracell-Hase auf Speed" wurde er genannt, gefühlsduselig und esoterisch angehaucht. Für die Parteimitglieder ist der 45-Jährige aber eine Art Übervater. Dass es die Neos ohne ihn nicht geben würde, wissen alle.

In Gesprächen mit Abgeordneten und Funktionären kommen kritische Sätze spät, und dann klingen sie kleinlaut, als wäre es eine Art Gotteslästerung. Er sei manchmal etwas konfliktscheu und zu wenig entscheidungsfreudig, sagen einige. Er versuche zu sehr, alle Meinungen einzubinden, und am Ende komme ein lascher Kompromiss heraus. Das eigene Programm zuzuspitzen, sei so nur schwer möglich gewesen. Unter der neuen Chefin erhofft man sich eine Schärfung des Parteiprofils.

Drei Tage vor der Mitgliederversammlung sitzt Matthias Strolz in seinem Büro mit Blick auf das Burgtheater und sortiert seine Gefühle. "Ich freue mich auf die Ruhe", sagt er, "das heißt aber nicht, dass es mir nicht schräg einfahren wird, wenn es dann wirklich so weit ist. Wobei ich nach Übergabe des Parteivorsitzes noch bis Ende September die Hände voll habe als Klubobmann. Dann kehrt so was wie Stille ein." Das Wochenende, an dem er abtritt und seine Nachfolgerin Beate Meinl-Reisinger gewählt wird, scheint weit weg. Wehmütig ist er noch nicht, der Kalender ist gut gefüllt, für Sentimentalitäten bleibt keine Zeit. Müde wirkt Strolz, ausgelaugt und doch zufrieden.

Die Klimaanlage surrt, im Regal stehen bunt durcheinandergewürfelt Bücher über Leadership und Organisationsmanagement, über Liberalismus und Bände des Vorarlberger Autors Franz Michael Felder. In der kleinen Bibliothek sind die verschiedenen Leben des Matthias Strolz versammelt: das Vorarlberger Bergbauernkind, der polyglotte Organisationsentwickler und Unternehmer sowie der Politiker. Neben dem Fenster steht eine Strolz-Statue, ein zehn Zentimeter großer 3-D-Ausdruck. Die Pose? Ausgebreitete Arme, natürlich.

Strolz wollte allen Kindern die Flügel heben, das ist seine bekannteste Metapher. Aus seinen Gedanken malt er stets große Bilder. Und manchmal schießt er übers Ziel hinaus. Ein Gedicht, das 2014 in der Krone erschien, in dem er davon schwärmte, wie prall und glänzend, wie samten und geschmeidig eine Kastanie sei, verfolgt ihn bis heute.

Man könnte die Historie der Neos als Erfolgsgeschichte erzählen: Sie haben die politische Landschaft in Österreich verändert wie nur wenige zuvor. Plötzlich wurde über politischen Stil gesprochen und über Bildung. Begriffe wie "enkelfit" wurden von ihnen eingeführt. Und vielleicht waren es die Neos, die den Leidensdruck auf die Volkspartei derart erhöht haben, dass das Phänomen Sebastian Kurz in dieser Form erst möglich wurde.

Das Problem der Pinken: Sie haben nichts davon. Die Veränderungen werden nicht ihnen zugeschrieben, und konstruktive Oppositionsarbeit zählt wenig. Zwar wird selbst vom politischen Gegner die Seriosität ihrer Vorschläge gelobt, wenn sie aber neue Projekte vorstellen, dicke Broschüren mit durchgerechneten Modellen, sind die Pressekonferenzen leer. Zieht Strolz hingegen mit deftigen Worten gegen die Regierung vom Leder, landet er damit in allen Zeitungen.

"Eine große Enttäuschung war, dass man mit Kooperation keine Aufmerksamkeit bekommt und diese auch gar nicht gewünscht ist", sagt Beate Meinl-Reisinger. "Das hat Matthias wehgetan."

Selbst um den Wiedereinzug in den Nationalrat mussten die Neos zittern, und eine Regierungsbeteiligung rückte in weite Ferne. Für jemanden wie Matthias Strolz, der sich selbst immer als "Anpacker" und "Umsetzer" bezeichnet, muss die Aussicht auf weitere fünf Jahre Opposition einem Albtraum gleichkommen.