Als Doris Leuthard vergangene Woche in Bern vor die Medien tritt, um den bundesrätlichen Entwurf für ein Bundesgesetz über elektronische Medien vorzustellen, lehnt sich Andreas Häuptli in Zürich auf seinem Bürostuhl zurück und drückt den Sendebutton. "Transformationsbeitrag soll digitale Zukunft der Presse sichern", so ist die Medienmitteilung überschrieben, die der Geschäftsführer des Verlegerverbandes tags zuvor vorbereitet hat. Das Communiqué ist beachtlich: Es markiert einen radikalen Positionswechsel.

Die Schweizer Verleger, die so stolz waren auf ihre Unabhängigkeit vom Staat, die sich, zumindest was ihre Zeitungen und Magazine angeht, seit Jahrzehnten gegen einen Ausbau staatlicher Subventionen wehrten, sie fordern nun das exakte Gegenteil: eine Ausweitung der Presseförderung.

Wegbrechende Werbeerträge, rückläufige Abonnementszahlen und fehlende Perspektiven haben ihre ordnungspolitischen Überzeugungen in den Hintergrund treten lassen. Wie so oft, wenn eine Branche vom Strukturwandel getroffen wird, schaut sie, was es beim Staat zu holen gibt.

Wie sich dieser Staat die medienpolitische Zukunft vorstellt, ist seit einigen Tagen bekannt. Künftig sollen nicht nur Radio- und Fernsehstationen subventioniert werden, die demokratie- und gesellschaftspolitisch relevante Inhalte ausstrahlen, sondern auch Online-Medien. Finanziert wird diese Förderung aus der Haushaltsabgabe, die die geräteabhängige Billag-Gebühr ablöst und 365 Franken pro Jahr betragen wird. Eine neue Kommission für elektronische Medien (Komem) soll entscheiden, wer auf direktem oder indirektem Wege in den Genuss staatlicher Förderung kommt.

Die möglichen Empfänger dieser Fördergelder sind allerdings stark eingegrenzt. Wegen der Bundesverfassung, die keine Förderung von Printmedien vorsieht, und aus Rücksichtnahme auf die Verleger, die keine zusätzliche, staatlich geförderte Konkurrenz wollen.

Aus dem geplanten großen Wurf ist ein medienpolitischer Murks geworden.

So sollen nicht, wie ursprünglich geplant, sämtliche journalistischen Online-Projekte gefördert werden, sondern nur solche, die "im Wesentlichen mit Audio- und audiovisuellen Medienbeiträgen erbracht werden". Von Großverlagen unabhängige journalistische Projekte wie Zentral plus, Republik oder Bon pour la tête gehen leer aus.

Der Verlegerverband ist trotzdem nicht ganz zufrieden. Die Verleger wollen nicht nur Rücksichtnahme auf ihre Geschäfte, sie wollen auch mehr Unterstützung durch den Staat. Wie viel und in welcher Form, darauf haben sie sich noch nicht geeinigt, obwohl die Vernehmlassung von Leuthards Gesetz nun begonnen hat. Man rechne noch, sagt Häuptli, im Juli wolle man ein Ergebnis präsentieren.

Auch wenn inzwischen mehr als 90 Prozent der Schweizer Erwachsenen täglich online gehen, ist das Internet für viele Verlage noch immer Neuland. Mit der Frage, wie Online-Journalismus funktioniert und wie damit Geld zu verdienen wäre, haben sich vor allem die kleinen und mittelgroßen Unternehmen noch zu wenig ernsthaft auseinandergesetzt.

Zwar haben die Verleger schon in der analogen Welt allein mit Journalismus kaum je genug Geld verdient, um die Kosten seiner Herstellung zu decken. Doch sprudelten damals die Werbeeinnahmen. Das System der Massenmedien, die Gatekeeper waren und die Welt ordneten und erklärten, funktionierte. Seit der Digitalisierung ist alles anders. Viele Nutzer informieren sich im Internet, gratis, auf Newsseiten, in sozialen Medien. Wollen Redaktionen ihr Publikum weiterhin erreichen, müssen sie zu ihm. Und sie müssen dem Nutzer vor allem zeigen, warum er bezahlen soll.

Doch das ist nicht einfach. In diesem Jahr dürften die beiden US-amerikanischen Giganten Facebook und Google in der Schweiz erstmals mehr als zwei Milliarden Franken Werbeeinnahmen generieren und damit die einheimischen Print-, Fernseh- und Radio-Anbieter überholen. Deren Erträge sind in den vergangenen zehn Jahren eingebrochen.

Nicht nur die Verleger haben, zumindest seit wenigen Wochen, gehofft, dass das neue Mediengesetz ihnen hilft, diese schwierige Aufgabe zu bewältigen. Auch Politiker, Medienprofessoren und Journalisten träumten von einem radikalen Vorschlag, von einem Mediengesetz, das die serbelnde Branche nicht nur kurzfristig alimentiert, sondern sie in eine neue, hoffnungsvolle Zukunft führt. Eine, in der die technisch längst obsolet gewordene Trennung verschiedener Mediengattungen wie Print und Fernsehen keine Rolle mehr spielt. Eine, in der es nur darum geht, dass sich die Schweizer Bürger optimal informieren können – auf die von ihnen gewünschte Art und Weise.

Herausgekommen ist stattdessen ein Gesetz, das seltsam anachronistisch wirkt. Ein Kompromiss, der von alten technischen Strukturen ausgeht und mit dem niemand so richtig zufrieden ist.

Wie konnte das passieren?

Und wie könnte der Staat stattdessen die hiesigen Medien unterstützen?