Das missbrauchte Mädchen, das heute eine erwachsene und souveräne Frau ist, sagt, Gewalt sei damals keine im Spiel gewesen. Nun ja. Man kann das so sagen, wenn man gerecht sein und niemanden verteufeln will, auch den Täter nicht. Man kann das so sagen, wenn man selbst das Opfer war und sich noch erinnert, dass einen ja niemand gezwungen hat, diesen Pfarrer anzuhimmeln: "Ich liebte es, ins Pfarrhaus zu gehen, dort viel Zuwendung und Aufmerksamkeit zu bekommen. Genau die Aufmerksamkeit fehlte mir zu Hause."

Die Geschichte von Claudia Mönius ist trotzdem eine Gewaltgeschichte. Sie handelt davon, dass man die Liebesbedürftigkeit eines abhängigen Menschen ausnutzen und ihm dadurch tiefe Wunden zufügen kann. Sie handelt von einem Kind, das elf war, einem Pfarrer, der 50 war, und von einer normalen traumatisierten deutschen Nachkriegsfamilie, die sich für den Missbraucher als Gelegenheit erwies.

Der Vater von Claudia Mönius war noch als Notabiturient an die Ostfront geschickt worden, geriet in Kriegsgefangenschaft und kehrte mit 22 gebrochen heim; die Mutter wurde in der Ehe suchtkrank. Zwar bekamen sie drei Kinder, aber als das jüngste, Claudia, sechs Jahre alt war, verschwand die Mutter für immer in der Psychiatrie. Der Vater funktionierte nach außen, schuf Wohlstand, baute ein Eigenheim. "Doch innerlich war er versteinert", schreibt später die Tochter Claudia, sie schreibt es ohne Vorwurf, voll Mitleid. Nur, wer bemitleidete eigentlich sie?

Man kann sich gut vorstellen, dass dieses Kind auf der Suche nach Liebe war. Und dass der katholische Pfarrer ihrer Heimatgemeinde leichtes Spiel hatte, indem er die Ministrantin stets strahlend und mit offenen Armen begrüßte: "Mein Mädele!" Freudig sei sie ihm in die Privaträume der Pfarrei gefolgt. Da war sie elf. "Seine Zuwendung war Balsam für meine vernachlässigte Kinderseele." Sie liebte Gottesdienst und Gemeindeleben, war musikalisch und sprachbegabt. Aber wie soll man nun nennen, was der Pfarrer tat? Das gängige unzulängliche Wort lautet Missbrauch. Tatsächlich zeigte der Erwachsene dem Kind und einer kaum älteren Freundin, wie man ihn befriedigt. Erst mit der Hand, dann oral.

Sein Glied nannte der Pfarrer "Spatz" (weil er Domspatz im Regensburger Knabenchor gewesen war), die Scheide des Mädchens nannte er "Häschen" (weil sie Unterwäsche mit Hasen trug), und das Spiel hieß "Spatz sucht Häschen". Kurzum: Er hatte Sex mit Kindern, jahrelang. Ein Machtspiel, bei dem einer Liebe vorlog und lächelnd Gewalt ausübte. Viele in der Gemeinde ahnten es, niemand schritt ein. Stets war klar, wer die Macht hatte.

Jahrzehnte später wird Claudia Mönius den "Herrn Pfarrer" in einem Brief an die Fakten erinnern, sein Bistum wird davon erfahren, Zeugen werden sie bestätigen. Es wird vom Sperma die Rede sein, das den Kindern durch die Finger rann. Der Pfarrer wird schweigen, der Anwalt des Pfarrers eine Abfindung anbieten, der Bischof von Bamberg seinen Abscheu und sein tiefes Bedauern ausdrücken, sie im Namen seiner Kirche um Entschuldigung bitten, schriftlich, immerhin. Sie wird sich trotzdem weiter vorwerfen, nicht davongelaufen zu sein. "Ich wünschte, die Erinnerungen wären weniger präsent."

Claudia Mönius, 50, hat diese Woche in Berlin vor der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs über das einst Unaussprechliche gesprochen. Erstmals ging es bei einer solchen Anhörung um die Kirchen: ob den Opfern endlich zugehört oder ihr Leid weiter abgewehrt wird, ob man die Täter belangt oder weiter gewähren lässt. In einer Studie wurden 65 Fälle von Kindesmissbrauch in der katholischen und evangelischen Kirche ausgewertet – auch um zu sehen, was sich gebessert hat seit dem Jahr 2010, als der Jesuitenpater Klaus Mertes die massenhafte Aufdeckung von Missbrauchsfällen in Gang setzte. Vier Betroffene, darunter Claudia Mönius, traten in Berlin öffentlich auf. Sie alle berichteten Bitteres: Ja, das Jahr 2010 habe sie zwar ermutigt zu sprechen. Ja, sie seien gehört worden. Aber, nein, Kirchenvertreter hätten oft nur widerwillig geholfen. Ja, es habe Entschädigungen gegeben, aber auch Versuche, ihr Schweigen zu erkaufen. Ja, es habe Schuldeingeständnisse gegeben, aber halbherzige. Nein, man bekomme keine Hilfe angeboten, die man nicht einfordere.

Die vier sehr verschiedenen Lebensberichte mögen nicht repräsentativ für die gesamte Aufarbeitung sein. Aber sie haben etwas gemeinsam: Es zeigt sich in ihnen die bleibende Schwierigkeit der Kirchen mit der Wahrheit. Ihr Zögern, zugefügtes Leid zu offenbaren, zu ahnden und zu heilen. So attestierte die Kommission in allen vier Fällen "Schwierigkeiten mit der Aufarbeitung". Vor allem aber belegten die vier Berichte: Es gibt eine Art von Gewalt, die es Kindern nahezu unmöglich macht, sich zu wehren. Diese Gewalt bleibt Gewalt, selbst wenn das Kind nicht physisch gezwungen wird. Das zu begreifen fällt immer noch schwer.

Anders ist nicht zu erklären, warum die alte Gemeinde von Claudia Mönius dem besagten Pfarrer noch nach dem Ruchbarwerden seiner Taten zum Geburtstag gratulierte, mit Bild im Gemeindebrief: Er selbst im liturgischen Gewand und als Gratulanten zwei kleine Mädchen. Das war 2014. Schon 2010 hatte Bambergs Erzbischof Ludwig Schick der Betroffenen Claudia Mönius zugesichert, den mutmaßlichen Täter "mit der härtesten Bestrafung" zu belegen, "die einen Priester treffen kann", dem Verbot, öffentlich zu zelebrieren. Und nun wieder voller Ornat! Mönius entdeckte das Foto durch Zufall. Von Hans Zollner, dem Leiter der päpstlichen Kinderschutzkommission in Rom, erhielt sie den Rat, ihren Bischof zu informieren. Das tat sie, obwohl sie fand: Wieso muss ich das tun? Wieso klagt kein anderer das Dulden und Vertuschen an? Das schrieb sie auch in den Brief an das Bistum. Eine Antwort blieb aus.

Bittere Frage: Warum ich?

Claudia Mönius ist eine heitere und warmherzige Frau, keine Rächerin. Dem Pfarrer schrieb sie: "Ich klage Sie nicht an und richte nicht, das überlasse ich Gott. Ich weise Ihnen nur Ihre Schuld zu und befreie mich damit von der Last, die Sie mir aufgebürdet haben." Das mit der Freiheit bleibt natürlich relativ. Denn das Schuldgefühl, die bitterste Nebenwirkung des Missbrauchs, verfolgt die Missbrauchten. Mühsam müssen sie lernen, dass nur der Täter ein Täter ist. Claudia Mönius ging, als sie 13 oder 14 war, mit einer Schulkameradin bei einem fremden Pfarrer zur Beichte, um unter Tränen die Sexualkontakte zu "ihrem" Priester zu gestehen. Heute sagt sie, das war wohl ein Hilferuf. Vergeblich. Der Beichtvater warf die Mädchen raus und verbat sich "solche Scherze". Und dann? Wie gelangt man aus der Vergangenheit in die Zukunft? Sie studierte Sprachen, lehrt an zwei Hochschulen und gründete eine "Mutmacherei", die Menschen in Lebenskrisen berät. Mit Mut kennt sie sich aus, den musste sie selbst immer wieder beweisen: gegen die Depressionen, die Flashbacks, die Selbstmordgedanken. "Manchmal fühlt man sich, als ob man unter derselben Decke begraben liegt, unter die der Missbrauch gekehrt wird. Es ist, als wäre sie tonnenschwer." Claudia Mönius hat sensibel und reflektiert ihren Weg in die Katastrophe nachvollzogen, hat die Mechanismen analysiert, die es gewissen Missbrauchstätern leicht machen und gewissen Kindern das Entkommen so schwer. In ihrem soeben erschienenen Buch Feuer der Sehnsucht schreibt sie über Spiritualität heute und wie sie sich ihren Glauben zurückeroberte: an Gott, an die Menschen und vielleicht sogar an die Kirche – wie sie sein sollte.

Die Art der Autorin, über das Leiden zu schreiben, durch das man hindurchgehen kann, mag Betroffenen Hilfe sein und anderen Warnung. Die Missbrauchsbeauftragten der Kirchen sollten es lesen.

Zu lernen wäre im Rückblick: wie Täter durch Zuneigung ihre Opfer banden und durch Autorität zum Schweigen brachten. Zu lernen wäre mit Blick nach vorn: wie man über Missbrauch spricht, ohne Opfer neu zu verletzen, aber auch ohne falsche Scham.

So wie jetzt in Berlin. Claudia Mönius sagt: "Für das innere Heilen braucht es ein öffentliches Hören." Sabine Andresen, die Vorsitzende der Unabhängigen Kommission, sagt: "Ich glaube, es ist bei den Kirchen noch immer nicht ganz angekommen, dass sexueller Missbrauch in ihren Einrichtungen von gesamtgesellschaftlichem Interesse ist. Doch die Kirchen nehmen so viele pädagogische und soziale Aufgaben gegenüber Kindern und Jugendlichen wahr, dass wir alle ein Anrecht haben zu wissen, ob sie ausreichend Sorge dafür tragen, früheren Missbrauch aufzuklären und künftigen zu verhindern." Kirchen beanspruchen für sich eine Vorbildfunktion, und sie werden als moralische Autorität wahrgenommen. "Diesen Ansprüchen werden sie im Umgang mit Betroffenen und bei der Aufarbeitung bislang nicht gerecht."

Werner Maiwald* hat genau wie Claudia Mönius die Anhörung in Berlin gefürchtet, obwohl er sich selbst bei der Kommission meldete. "Mir fehlen eigentlich schon immer die Worte", sagt der große sportliche Mann, der lange leitender Angestellter war. Dann bringt er das Problem mit seinem evangelischen Pfarrer aber auf den Punkt: dass die Grenzüberschreitung zugleich Bevorzugung war, dass der vermeintliche Wohltäter an dem halbwüchsigen Jungen seinen Trieb befriedigte. Bittere Frage: Warum ich?

Werner Maiwald versucht es sich selbst zu erklären. "Der Missbrauch, dessen Opfer ich wurde, liegt ein halbes Jahrhundert zurück. Die Erinnerung an die damaligen Ereignisse wächst, seit ich nicht mehr arbeiten darf. Seitdem wird mir immer klarer, dass ich die traumatischen Erlebnisse und meine offenen Fragen an die Kirche bisher lediglich verdrängt habe."

Seine Geschichte ereignete sich im protestantischen Norden, auch sie handelt von einem liebebedürftigen Kind und von einem vermeintlich hilfreichen Pfarrer, der das ausnutzte. Maiwalds Vater hatte sich das Leben genommen, da war der Sohn fünf Jahre alt. Nun wuchs er bei einer häufig kranken Mutter auf, in ärmlichen Verhältnissen in Ostwestfalen. In die Gemeinde waren die beiden nicht eingebunden, aber der Gemeindepfarrer galt der Mutter als unangreifbare Respektsperson. "Rasch überzeugte er meine Mutter davon, dass ich auf ein altsprachliches Gymnasium gehen sollte. Er selbst wollte mir kostenlos Unterricht in Latein geben.

Das war der Anfang der sexuellen Übergriffe, da war der Junge 13 Jahre alt. "Es begann mit hingehauchten Küssen auf meine mit dem Kreuzzeichen gesegnete Stirn, dem Versuch mich zu Zungenküssen zu animieren, und reichte bis hin zu seiner Zunge in meiner Ohrmuschel." Mit dem Wechsel auf das Gymnasium verbrachte er die meiste Zeit in der Familie des Pfarrers. Nun wurden die Übergriffe massiver. Keine Vertrauensperson weit und breit, der er davon erzählen konnte: Ein Pfarrer, der sich zu einem ins Bett legt. Ein Pfarrer, der einen masturbiert. Ein Pfarrer, der einen unter Alkohol setzt und anal penetriert. "Ich war entsetzt darüber und empfand grenzenlose Scham und Ekel. Doch mir war klar, dass mir niemand glauben würde – allein aufgrund meiner gesellschaftlichen Stellung."

Ungesühnte Schuld und falsche Scham

Einmal überraschte die Frau des Pfarrers die beiden im Ehebett. Sie stand in der Tür des Schlafzimmers, sagte nur: "Nein, nicht schon wieder!" und wandte sich ab. Der erwachsene Werner Maiwald erzählt das Versagen der Frau, die offenbar von den Machenschaften ihres Mannes wusste, erstaunlich ruhig. "Heute frage ich mich, warum ich mich nicht gewehrt habe. Ich fühle mich mitschuldig an dem, was passiert ist." Nach der Entdeckung durch die Pfarrersfrau sei er in ein Internat gesteckt worden, wo er stets nur hoffte, nicht nach Hause zu müssen. "Schon die Vorstellung löste in mir Panik aus. Ich wollte dem Pfarrer auf keinen Fall wieder begegnen."

Er flüchtete sich in Sport bis zur Totalerschöpfung, Handball, Fußball, Kugelstoßen. Schließlich versuchte er, sich das Leben zu nehmen, schluckte eine Unmenge Tabletten. Er wachte in der Krankenstation des Internats auf. Dass er sich danach jemandem offenbarte, bereut er bis heute.

"Ich muss mich in einem Schockzustand befunden haben. Anders kann ich mir nicht erklären, dass ich mich meinem damaligen Tutor anvertraute. Dieser Tutor war nicht nur mein Deutschlehrer, sondern auch Pfarrer und somit ein Kollege des Täters aus meiner Heimatgemeinde." Weder der Tutor noch das Internat, geschweige denn die Evangelische Kirche von Westfalen reagierten auf den Hilferuf. Stattdessen versuchte die Schule, den Jungen loszuwerden, indem sie ihn isolierte und kriminalisierte. "Ich landete schließlich wieder in Ostwestfalen auf meiner alten Schule. Der Täter war noch immer als Pfarrer in meiner Heimatgemeinde tätig."

Werner Maiwald ist heute verheiratet, seit 31 Jahren, und hat einen erwachsenen Sohn. Er will nicht, dass sein richtiger Name in der Zeitung steht, weil er glaubt, dass sowieso schon zu viele in seiner Kirche von dem Missbrauch wissen und ihn deswegen, nun ja, was eigentlich: verachten? Sie sprechen ihn jedenfalls nicht an.

Vor zwei Jahren wandte er sich mit einem Brief an die Präses der Evangelischen Landeskirche von Westfalen. "Ich hoffte, Kontakt zu dem Leiter des Internats aufnehmen zu können. Außerdem bat ich um eine Stellungnahme zu den damaligen Ereignissen in der Schule." Eine Antwort auf sein persönliches und vertrauliches Einschreiben blieb lange Zeit aus. Erst auf Nachfrage schrieb ihm eine Pfarrerin, die für Fälle von Kindesmissbrauch zuständig war, dass alle Beteiligten verstorben seien. In den Akten des Internats finde sich kein Vermerk über den Suizidversuch, stattdessen vielerlei Vermerke über Verstöße gegen die Internatsordnung und zunehmenden Leistungsabfall. Kein Wort verlor die Pfarrerin über andere Quellen, etwa Personalakten des Tutors oder des Täters. Auch ein Schreiben der Präses ging schließlich bei ihm ein. Sie entschuldigte sich für die späte Antwort, nicht aber für die Verbrechen in ihrer Kirche. Kein Wort der Einschätzung in der Sache selbst, kein Angebot für ein Gespräch.

Maiwald, der selbst die Innenrevision einer Bank leitete, glaubt nicht, dass die Kirche ehrlich aufarbeiten wolle, das gehe nur mit einer externen Anlaufstelle für die Opfer. Er konstatiert, dass er leicht zu einer gescheiterten Existenz hätte werden können. Dass es anders kam, verdanke er seinem Glück, seinem Kampfeswillen und vor allem seiner Ehefrau. Klingt, als hätte er es geschafft. Schön wär’s. Warum zum Beispiel hilft ihm heute, da der Täter tot ist, niemand im Kirchenapparat, dessen Taten mit den Aussagen von Zeugen zu belegen? Stattdessen Sonntagsreden, Moralpredigten. Fast entschuldigend sagt Werner Maiwald, dass er immer noch nicht aus der Kirche ausgetreten sei.

Es bleiben: Ungesühnte Schuld. Falsche Scham. Gerechter Zorn. Und leider die Erinnerungen. "Mir fallen jeden Tag Dinge ein, derentwegen ich Ekel vor mir selbst empfinde." Maiwald ist keiner, der sich bemitleidet, nüchtern zitiert er eine Psychologin: Vergewaltigung sei Mord an der Seele.

Damit muss man dann wohl weiterleben. Mit der schlimmen Gewissheit und dem nagenden Zweifel, wie Werner Maiwald sie am Ende benennt, mit einem bitteren Lächeln sagt er: "Sex ist schmutzig. Und Liebe? Gibt es die?"

*Name von der Redaktion geändert

Claudia Mönius: "Feuer der Sehnsucht. Spiritualität einfach leben" (Gütersloher Verlagshaus, 2017)

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