In der ZEIT vom 21. Juni zitierte Wolfgang Streeck unter der Überschrift "Ein Weltbürger ist nirgendwo Bürger" Theresa Mays "A citizen of the world is a citizen of nowhere" – was nicht dasselbe ist. Jemand, der nirgendwo Bürger ist, ist ein Staatenloser; ein Bürger von Nirgendwo ist: ja, was eigentlich? Theresa May meint wohl einen politisch nicht ernst zu nehmenden Fantasten, vielleicht gar einen "Nowhere Man", wie John Lennon es mal formuliert hat. Streeck scheint auch irgendwie zu dieser Meinung zu tendieren – wenn er nicht "Kosmopolitismus" als Luxusattitüde von wohlhabenden Touristen versteht, die die Welt bereisen und darum meinen, sie wüssten, wie es überall zugeht, und dieses Missverständnis zur regulativen Idee erheben. Hingegen gelte: "All politics is local", wobei er den US-amerikanischen Politiker Thomas O’Neill zitiert.

"Politisches Handeln" sei "an verortete Gemeinschaften" gebunden – gewiss, was wäre eine ortlose Gemeinschaft, die oder mit der man Politik machen wollte. Aber ist die Idee einer "Weltgemeinschaft" gleich das Herbeifantasieren eines Gespenstes? Wer Politik (mit anderen für andere) machen wolle, müsse ein Verständnis seines Ortes haben, seines Herkommens ("Wir alle sind beschriebene Blätter in der Handschrift derer, aus deren Mitte wir kommen"), der Besonderheiten seiner nahen oder mittelnahen Umgebung. Schwierig genug und jenseits auch naher Grenzen, wie Streeck meint, eine kaum bewältigbare Schwierigkeit: "Wer in Großbritannien weiß, was die Deutschen meinen, wenn sie ›Föderalismus‹ sagen?" Ich kann’s ihnen doch erklären, und sie erklären mir im Gegenzug, was es mit dem Gebilde, das sie "Vereinigtes Königreich" nennen, auf sich hat. Wir sind (ich paraphrasiere den Philosophen Richard Rorty) möglicherweise in mancher Hinsicht Monaden, aber "well-windowed monads", reich befensterte. Oder, mit Peter Rühmkorf zu sprechen: "1 2 3 4 – das ungelernte Ich. / Es weiß nicht viel, doch es erkundigt sich." Will uns Streeck den ungebildeten, wenig belesenen Kontaktgestörten als ideales politisches Subjekt vorhalten, dessen Horizont sich unsere politische Fantasie zum Maß zu nehmen hätte?

Für Streeck ist die Grenze der Nation beziehungsweise des (nationalen?) Herkommens auch die Grenze moralischer Verantwortlichkeit, jedenfalls wenn sie nicht bloßes Gerede sei. Obwohl er sich Jahre in den USA aufgehalten habe, habe er sich für amerikanische Kriegsverbrechen nie verantwortlich gefühlt, anders als für deutsche, obwohl er "als Person" an den einen "so wenig beteiligt war wie an jenen". Auch habe er Hemmungen gehabt, den ersten und einzigen Einsatz von Atomwaffen durch die USA dort anzusprechen, weil er die Replik, er als Deutscher solle doch "vor seiner eigenen Tür kehren", antizipiert habe. Na ja. Ein irgendwie verdruckster Aufenthalt in den USA, wie mir scheint. Ich erinnere mich an Gespräche in den USA, die sich genau darum drehten, in welcher Hinsicht und in welcher Weise das Reden über den Holocaust, den deutschen Vernichtungskrieg, Hiroshima, Mỹ Lai als Reden über das, was zunächst uns selbst und dann uns gemeinsam angeht, verstanden wird, verstanden werden kann. Die – emotionelle wie intellektuelle – Basis dieser Gespräche war stets ein Konsens darüber, dass diese Verbrechen zwar immer zuerst als Verbrechen und somit Verantwortungserbe meines im weiteren Sinne "lokalen" Herkommens ange- und besprochen werden müssen, aber gleichwohl als Verbrechen, die "auf der Welt" begangen worden sind und darum niemanden nichts angehen. Man kann in dieser Hinsicht das Zitierte umkehren: "Who is not a citizen of the world is a citizen of nowhere."

Ich bin darum nicht gleich jedermanns Nachbar, und auch von der "Menschheitsfamilie" wollen wir lieber nicht reden – wobei wir nicht vergessen wollen, dass Familien, statistisch gesehen, die unsichersten Orte in der Gesellschaft sind hinsichtlich Mord, Vergewaltigung, Grausamkeit und Demütigung. Ferner, dass Nachbarschaften exquisit streitanfällige Zonen sind, Gerichtsakten bewahren die Zeugnisse dafür auf.

"Auch unsere Verpflichtungsgemeinschaften sind lokal." Vornehmlich ja, aber nur? "Die Weltgesellschaft kann keine Steuern erheben", gewiss, es gibt keinen Weltstaat, ob einer wünschenswert wäre, ist tatsächlich äußerst fraglich. Aber ein Staat kann einer internationalen Verpflichtungsgemeinschaft beitreten, woraus mir (etwa via nationales Recht) Verpflichtungen erwachsen. Ich wäre dann als Staats-Bürger Teil einer internationalen Verpflichtungsgemeinschaft. – Recht ist auf dieser Welt in der Regel nationales Recht. Aber eben nicht nur. Es gibt europäisches Recht und einen Europäischen Gerichtshof. Es gibt einen Internationalen Strafgerichtshof, der Individuen ungeachtet ihrer Staatsangehörigkeit anklagen kann.

Man kann versuchen, sich die Abfolge Familie–Nachbarschaft–Gemeinde–Region–Land/Staat/Staatenbund ... als soziale Orte auf konzentrischen Kreisen vorzustellen, deren Dichte und Bindungen (seien sie emotionaler, moralischer, gesetzlicher Art) mit wachsender Distanz abnehmen – am Ende wäre die Bindungsdichte so dünn, dass allenfalls der schwärmende Nowhere Man noch von "Weltgemeinschaft" faselt. Dann würde auch der oft beschworene Blick aus dem Fenster der ISS auf die Erde ("Wie schön, wie klein im großen All!") allenfalls kitschige Gefühle mobilisieren. Aber derlei ist ungenau gedacht, auch falsch. Es gibt Probleme, die trans- oder internationale Politik fordern; Staaten müssen sich dafür zusammenschließen. Diese Einsicht hat die UN hervorgebracht. Ein schwieriger Ort, keine durchweg glänzende Geschichte, aber doch keine, die dazu angetan wäre, die Gründungsidee zu verwerfen. Der Völkermord in Ruanda konnte darum so ungestört verlaufen, weil die UN nicht eingriffen, da die USA angewiesen hatten, das Wort "Völkermord", das eine Eingriffsverpflichtung mit sich gebracht hätte, zu vermeiden, und stattdessen von "Stammeszwistigkeiten" zu sprechen, denn "all politics is local", und in innere Angelegenheiten mischt man sich nicht ein.

Das Modell der Kreise abnehmender Bindungsdichte passt nicht zu den sozialen, ökonomischen, gesetzlichen und moralischen Komplexitäten der Welt. Es gibt eine "Weltgesellschaft", wie es "nationale" und "Dorfgesellschaften" gibt, und jeder beschriebenen Gesellschaft kann eine Idee von "Gemeinschaft" zugeordnet werden. Welcher Art die ist, darüber streitet man; unter anderem ist das ein politischer Streit. Der kann auch nicht vermieden werden, wenn man ihn mit einem Vermeidungsvokabular führt à la "all politics is local".

Die Idee des Weltbürgers ist alt, ihr Ursprung liegt vielleicht in der Zeit der Seeräuber, die eine überlokale Bedrohung waren und die als hostes generi humanis, als Feinde des Menschengeschlechts bezeichnet wurden: Es war translokale Pflicht, den Kampf gegen sie zu führen oder zu unterstützen; Hannah Arendt bezog sich auf diese Vorstellung internationaler Verpflichtung, als sie den Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland als einen gegen einen Feind des Menschengeschlechts bezeichnete. Der Weltbürger bleibt Bürger (meist) einer Nation, aber in das Weltgeschehen verflochten ist jeder Staatsbürger, ob er will oder nicht, und zwar nicht erst, seit wir andauernd von Globalisierung reden. Grenzen sind notwendig, manche bis auf Weiteres. Sie zu fetischisieren ist eine erotische Merkwürdigkeit. Mit Fetischen macht man keine Politik.