DIE ZEIT: Sie wurden 2014 als Assistenztrainer von Joachim Löw mit der deutschen Nationalmannschaft Weltmeister. Was war der größte Moment?

Hansi Flick: Am schönsten fühlten sich die ersten zwei Stunden nach dem Finale in Rio an. Da fiel die ganze Anspannung von mir ab. Ich hatte mich schon im Vorfeld entschieden, nach der WM 2014 aufzuhören, so konnte ich mit dem Gefühl gehen: Der Aufwand hatte sich gelohnt.

ZEIT: Entschädigt ein WM-Titel für alle Mühen?

Flick: Er verleiht Glücksmomente, aber natürlich ist das Trainerdasein auch manchmal beschwerlich, mit allen Höhen und Tiefen.

ZEIT: Sie machen gerade Urlaub mit Ihrer Familie auf Formentera. Wie hat sich der holprige Start in das Turnier in Russland für Sie als den ehemaligen Co-Trainer der Deutschen angefühlt?

Flick: Ich habe mir das Spiel gegen Mexiko beim Public Viewing angeschaut. Das werde ich nicht noch mal machen. Schweden schaute ich dann im kleinen Kreis meiner Familie.

ZEIT: Aus Aberglaube?

Flick: Der spielte auch eine Rolle, aber vor allem war ich überrascht über dieses Schwarz-Weiß-Denken der Zuschauer.

ZEIT: Sie meinen die Häme ...

Flick: ... die Bereitschaft, sofort wieder alles infrage zu stellen – das scheint typisch zu sein für die Zeit, in der wir leben.

ZEIT: Aber Kritik ist doch nach dem Turnierbeginn der Deutschen berechtigt gewesen.

Flick: In den ersten Partien entscheidet auch das Glück. Diese Mannschaft hat ihre Qualität – spätestens ab dem Achtelfinale werden wir das beobachten können.

ZEIT: Wieso erst dann?

Flick: Weil unsere Erfahrung dann den Unterschied machen wird.

ZEIT: Erfahrung ist wichtig. Aber hat sich die Mannschaft in den vergangenen vier Jahren auch weiterentwickelt?

Flick: Bestimmt hat sie das. Auch wenn alle denken, Bundestrainer sein zu können, so erkennt man von außen dann doch nicht alle Entwicklungsprozesse. Und eins gilt auch: Jung heißt nicht gleich erfolgreiche Zukunft.

ZEIT: Aber konnte man nicht beim Spiel gegen Mexiko sehen, dass zum Beispiel Sami Khedira nicht mehr mit dem Tempo und der Dynamik des Spiels mithalten kann?

Flick: Sami Khedira spielt noch auf einem hohen Level bei Juventus Turin, einem europäischen Spitzenclub. Seine Präsenz und Professionalität allein strahlt schon auf den Rest der Nationalmannschaft ab.

ZEIT: Joachim Löw hat ein Lieblingsthema: die Kunst der Entscheidung. Von außen wird er oft kritisiert, er gehe gerade dieser Situation zu häufig aus dem Weg.

Flick: Das ist Blödsinn. Jedes Spiel setzt elf Entscheidungen voraus – und sogar noch bis zu drei weitere, nämlich: Wen wechsle ich ein? Er kann dieser Situation also gar nicht aus dem Weg gehen. Der Zuschauer mag jede einzelne Entscheidung für sich bewerten, kritisieren oder loben. Aber Joachim Löw muss Entwicklungen berücksichtigen, die nicht von Spiel zu Spiel infrage gestellt werden dürfen. Gerade deshalb ist es so wichtig, im Falle einer Niederlage am Masterplan festzuhalten.

ZEIT: Die Voraussetzung dafür ist die Existenz eines Masterplans.

Flick: Der wurde seit 2004, als Joachim Löw selbst als Co-Trainer Jürgen Klinsmanns begann, kreiert und bis heute immer weiter verfeinert. Dazu passen keine harten Einschnitte, sondern Prozesse, die lange andauern.