Damhirsch Nummer 97:14159 endete als Festschmaus. So manchem Tier, dessen Knochen Archäologen auf dem Tagebauareal Neumark-Nord in Sachsen-Anhalt bargen, war es ebenso ergangen. Schnitt- und Kratzspuren an den Gebeinen zeugen von frühzeitlichen Barbecues. Im Fall des sieben Jahre alten Hirschmännchens konnten die Wissenschaftler aber noch viel mehr herausfinden. Denn im Becken klaffte ein auffälliges Loch. Die "kreisförmige Perforation", elf Millimeter im Durchmesser, entpuppte sich als die weltweit älteste nachgewiesene Jagdverletzung. Vor 120.000 Jahren war das Tier verendet – niedergestreckt durch den Holzspeer eines Neandertalers.

Ein internationales Team unter der Führung von Monrepos, dem Archäologischen Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution in Neuwied, publizierte seine Befunde am Montag dieser Woche im Fachjournal Nature Ecology & Evolution. Es hatte mithilfe eines Mikro-Computertomografen Risse an den Rändern des Lochs entdeckt. Und im Innern des Wundkanals fanden sich winzige Knochensplitter. Diese Schäden am Gebein konnte sich das Tier weder in Brunftkämpfen mit Artgenossen zugezogen haben, noch hatten Fressfeinde oder nagende Käfer sie hinterlassen. Die Archäologin Sabine Gaudzinski-Windheuser, Erstautorin der Studie, hegt keine Zweifel: Der Jäger hatte seine Waffe nicht von Weitem auf seine Beute geworfen, sondern sie mit Wucht ins Tier gestoßen – Hirsch Nummer 97:14159 war im Nahkampf zu Tode gekommen.

Seit vierzig Jahren untersuchen Archäologen Verletzungsspuren an fossilen Knochen, um mehr über die Jagdstrategien der Frühmenschen zu erfahren. Etwas zu beweisen ist schwer: Holzspeerreste vermodern in der Regel – so werden Jagdspuren häufig nicht als solche erkannt.

In diesem Fall halfen ballistische Experimente, die Hintergründe der prähistorischen Hatz zu ergründen. Ein Nachbau der 120.000 Jahre alten Lanze von Lehringen wurde mit Beschleunigungssensor und Kamera ausgestattet. Wissenschaftler und Kung-Fu-Sportler warfen das Gerät auf Hirschgebeine und Kunstknochen, bestimmten die kinetische Energie beim Aufprall sowie den Eintrittswinkel – und kamen zu dem Schluss: Der am Fossil aus Neumark-Nord rekonstruierte Aufprallwinkel könne "nicht in Einklang gebracht werden mit der gebogenen Flugkurve eines geworfenen Speers". Vielmehr hatten die Jäger dem Tier die Verletzung wohl von schräg unten beigebracht.

Die Analyse eines weiteren Fossils ergab ein ähnliches Bild. Mit "niedriger Geschwindigkeit" hatten die Neandertaler diesem zweiten Hirsch den Holzspeer durch das Fleisch in den Halswirbel gerammt und ihm damit eine "gut platzierte tödliche Verletzung" beigebracht.

Die Frage, ob der Speer gestoßen oder geworfen wurde, ist nicht unerheblich. Strategie und Technik bei der Pirsch sagen viel darüber aus, mit was für körperlichen, geistigen und sozialen Fähigkeiten Jäger ausgestattet waren. Wer Tiere aus nächster Nähe erlegt, ist kaum allein unterwegs. "Dafür brauchten die Neandertaler ein funktionierendes Team", sagt Gaudzinski-Windheuser. "Die Jäger mussten gemeinsam planen und sich aufeinander verlassen können." Die Archäologin erkennt darin eindeutige "soziale Implikationen" und "intensive Kooperation" – zentrale Aspekte der menschlichen Entwicklung. "Wir sind von Natur aus keine Jäger gewesen", sagt sie, "aber wir sind es geworden, vor 1,8 Millionen Jahren in Afrika."

Das Geschick des Neandertalers, vor der letzten Eiszeit im damals dicht bewaldeten, seenreichen Gebiet von Neumark-Nord Treibjagden zu veranstalten, schließt nicht aus, dass er seinen Speer auch warf. Dazu in der Lage war er. Schon der viel frühere Homo ergaster besaß vor mehr als 1,5 Millionen Jahren eine Anatomie, die ihn zum Speerwerfen befähigte. Die ältesten eindeutigen Spuren aber, die belegen, dass Menschen Waffen als Distanzgeschosse einsetzten, sind jünger – bloß 50.000 Jahre alt.

Auch bei den berühmten Schöninger Speeren lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, wie sie benutzt wurden – obwohl die mehr als 300.000 Jahre alten und bis zu 2,50 Meter langen Waffen modernen Wettkampfspeeren (auch in ihren Flugeigenschaften) ähneln. Ihre Entdeckung war eine Weltsensation. Umgehend testeten Sportler deren Nachbauten. 70 Meter weit flogen die Geschosse des Homo heidelbergensis. Heißt das nun, dass sie von den Urzeitlern entsprechend genutzt wurden? Mitnichten. "Wir haben keine Evidenz fürs Werfen", sagt Gaudzinski-Windheuser.

Nicht zum ersten Mal haben die Monrepos- Wissenschaftler Jagdgewohnheiten unserer nächsten Verwandten erforscht. So konnte der Archäologe Lutz Kindler an Bärenknochen aus der nordrhein-westfälischen Balver Höhle aufzeigen, dass die Tiere gezielt in ihren Refugien gejagt wurden. Um sie mit Speeren und Lanzen zu erlegen, mussten die Jäger nah an die Bären herangekommen sein – und dann zugestoßen haben. Laut Kindler eine "echte Konfrontationsjagd".

Die Perforationen in Damhirsch-Skeletten aus Neumark-Nord zeigen, dass die Neandertaler diese riskante Art der Großwildjagd im Gelände wagten. Wie gefährlich das war, lässt sich an anderen Knochen ablesen – ihren eigenen. Denn nur bei einer einzigen anderen Menschengruppe weltweit haben Wissenschaftler jemals so auffällig viele Frakturen entdeckt wie an Neandertalerskeletten: bei amerikanischen Rodeo-Reitern.