Einige Bilder wird man nie wieder los. Das von Ismail Yozgat beispielsweise gehört dazu. An diesem 41. Verhandlungstag im NSU-Prozess am 1. Oktober 2013 sitzt er als Zeuge im Saal A 101 des Oberlandesgerichts München und soll erzählen, wie er sieben Jahre zuvor seinen toten Sohn hinter dem Tresen auf dem Boden seines Internetcafés gefunden hat. Und Herr Yozgat erzählt. Von diesem Moment in seinem Leben, in dem die Naturgesetze außer Kraft gesetzt schienen. Er geht vor zum Richter, fährt mit einem Stift auf einem Lageplan des Cafés umher, der an die Wand projiziert wird. Dort, wo sich die zwei Blutstropfen auf dem Tresen befanden. Wo sein Sohn lag, nunmehr dargestellt als ein Piktogramm-Männchen auf Papier.

Eltern sollten ihre Kinder nicht überleben, so lautet ein Naturgesetz. Aber dieses Kind, dieser Sohn war nicht einfach nur gestorben, sondern ermordet worden, und zwar weil er Türke war. "Er gab keine Antwort", sagt Ismail Yozgat verzweifelt, "keine!" Dann wirft sich dieser grauhaarige Herr von 58 Jahren im grauen Anzug mit den viel zu langen Ärmeln auf den Boden, vor dem Richter, dem Senat, den Bundesanwälten, den Verteidigern und Angeklagten, also vor dem deutschen Rechtsstaat, um zu zeigen, wie sein totes Kind dalag. Wolfgang Heer, einer der Verteidiger der Hauptangeklagten Beate Zschäpe, schaut etwas pikiert zu seinem Kollegen Wolfgang Stahl hinüber und zieht eine Augenbraue hoch, aber das interessiert Herrn Yozgat nicht, denn ihm wurde der Sohn genommen. Er erzählt weiter, voller Schmerz, fast schreiend, der Übersetzer kommt kaum hinterher. Herr Yozgat will wissen: "Was war seine Schuld?"

Wenn voraussichtlich in der ersten Julihälfte das Urteil im Münchner NSU-Prozess gesprochen wird, werden mehr als 430 Verhandlungstage vergangen, etwa 600 Zeugen und Sachverständige gehört und zahllose Indizien bewertet worden sein. Viele im Saal werden erleichtert sein, dass der größte Terrorprozess seit der Wiedervereinigung endlich zu Ende ist, einige werden einigermaßen zufrieden sein, andere wütend.

Viele da draußen, außerhalb des Saals, werden sich fragen: NSU-Prozess? Läuft der etwa immer noch?

Und was hat das Ganze gebracht? Ist nun alles aufgeklärt worden?

Oder anders: Hat der Prozess gehalten, was Bundeskanzlerin Angela Merkel im Februar 2012 bei der Trauerfeier für die Opfer versprochen hatte? Damals sagte sie: "Als Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland verspreche ich Ihnen: Wir tun alles, um die Morde aufzuklären und die Helfershelfer und Hintermänner aufzudecken und alle Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen."

Die Antwort ist nicht ganz einfach, wie sollte sie auch bei der Dimension des Prozesses, der zeitlichen, der juristischen und der politischen. Man muss die Antwort aufteilen.

Da ist zunächst der juristisch-technische Part.

Der Senat wird zwar voraussichtlich ein Urteil sprechen, das im Wesentlichen den Anschuldigungen der Bundesanwälte folgt – die Hauptangeklagte Beate Zschäpe wird den Rest ihres Lebens hinter Gitter verbringen.

Viele Fragen sind zwar immer noch nicht aufgeklärt, aber zumindest nicht mehr von einem dichten Nebel umgeben, etwa die Frage nach dem Weg der Mordwaffe Ceska 83. Man weiß auch mehr darüber, wie das NSU-Trio, also Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, zusammengelebt haben. Man konnte rekonstruieren, wie Zschäpe den Brand in der gemeinsamen Wohnung in Zwickau gelegt hat, nachdem sich ihre beiden Komplizen gegenseitig getötet hatten.

Andere Fragen sind offengeblieben. Beispielsweise die, ob die Mitglieder des NSU ein Netzwerk von Helfern hatten. Wie hätten sie sonst auf ihre Opfer in den für sie fremden Städten kommen können? Wie haben sie ihre Opfer ausgesucht? Unklar auch, ob Ermittlungsbehörden und Verfassungsschutzämter einfach nur inkompetent oder mutwillig gehandelt haben: Warum wurden wichtige Akten geschreddert, nachdem der NSU bereits aufgeflogen war? Warum war beispielsweise kurz vor dem Mord an Halit Yozgat ein Mitarbeiter des hessischen Amtes für Verfassungsschutz in ebenjenem Internetcafé? Zufall?

Auch die Frage von Ismail Yozgat und die der anderen Hinterbliebenen werden wohl nie beantwortet werden: Warum mein Sohn? Warum mein Vater? Ihre Qual wird bleiben, auch nach dem Urteil.