Gerade erst hat Papst Franziskus beim Ökumenischen Weltkirchenrat in Genf gesprochen, schon konstatierte sein Ökumenebeauftragter Kurt Kardinal Koch, es fehle eine tragfähige Übereinkunft über die Ziele der ökumenischen Bewegung. Man sei sich zwar einig über das Dass der Einheit, aber nicht über das Was.

Über das Wie könnte der frustrierte Kardinal im Ökumenischen Lebenszentrum in Ottmaring etwas lernen. Seit genau 50 Jahren leben und beten dort gemeinsam Mitglieder der katholischen Fokolarbewegung mit der evangelischen Bruderschaft vom gemeinsamen Leben. Das Ziel der etwa hundert Menschen ist es, die Spaltung der Konfessionen zu überwinden, wo doch alle Kirchen Glieder des einzigen Leibes Christi sind.

1968 entstanden zunächst vier Gebäude, heute gibt es noch ein Tagungszentrum und mehrere Gästehäuser. Das Ökumenische Lebenszentrum erhält keine Zuwendungen von den Kirchen, dafür aber deren ideellen Rückhalt. Die Tagungsstätte und Spenden finanzieren das Zentrum. Die meisten Bewohner arbeiten außerhalb in ihren Berufen und geben ein Zehntel ihres Lohnes ab. Andere – wie Andrea Rösch – haben sich für eine Gütergemeinschaft entschieden. "Wir sind hier ein normaler Querschnitt des Volkes Gottes", sagt die Religionspädagogin, die über die Fokolarbewegung nach Ottmaring kam und als deren Sprecherin fungiert. "Man darf sich das Projekt nicht als Konfessions-Mischmasch vorstellen", fügt sie hinzu. "Wir wahren die Inhalte und Formen des jeweiligen Glaubens."

Bis auf den Samstag versammeln sich alle zum Abendgebet. Einmal im Monat gibt es eine Zusammenkunft, in der weltliche Anliegen und spirituelle Erfahrungen ausgetauscht werden. Alle Fragen, die die Gestaltung des Gemeinschaftslebens betreffen, werden durch demokratische Abstimmung entschieden. "Das war uns sehr wichtig", sagt Rösch, "dass jeder Einzelne von uns die Entscheidung in seinem Herzen mittragen kann, auch als wir hier zwei syrische Flüchtlingsfamilien aufnahmen."

Außer im Monat August findet jeden Mittwochabend eine evangelische Abendmahlsfeier statt, bei der auch die Katholiken zugegen sind – Freitagabend wohnen die Protestanten der katholischen Eucharistiefeier bei. Der Abendmahlsstreit trifft in Ottmaring auf besonders viel Unverständnis. "Wir beten alle täglich auf den hoffentlich nicht allzu fernen Tag hin, an dem es zu einer Mahlgemeinschaft kommt", sagt Andrea Rösch. Sie warnt aber davor, sich an diesem einzelnen Punkt ständig wundzureißen. Ökumene vorbildhaft zu leben, indem Christen miteinander ins Gespräch kommen, sich auf gemeinsame Glaubenserfahrungen einlassen – damit erreiche man mehr, als immer nur auf Mühen und Rückschläge, auf Dogmen und Wahrheiten zu verweisen. Jeden zweiten Sonntag im Monat ist "Offener Sonntag", wo sich Interessierte beim gemeinschaftlichen Mittagessen austauschen. Willkommen sind vor allem auch junge Menschen. So lernen diesen Sommer Gläubige aus Asien und dem Libanon vier Wochen lang, wie sich gelebte Ökumene anfühlt.

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