Wer über die Gesellschaft debattiert, sollte den Arbeitsalltag ihrer Menschen kennen. Eine ZEIT-Serie über Menschen, die das Land am Laufen halten.

Den ersten Einsatz nach seiner Ausbildung, sagt Hadi Chehade, werde er nie vergessen. Zehn Jahre ist das her, es war früh am Morgen, als er, Sohn einer Syrerin und eines Libanesen, an der Wohnungstür einer arabischen Familie in Berlin klingelte. Zwei erfahrene Kolleginnen aus der Polizeidirektion 5 begleiteten ihn, Arbeitsgebiet Ausländer, zuständig für Berlin-Kreuzberg und Berlin-Neukölln.

"Der kann uns nicht helfen, das ist ein Polizist."

Die Tochter der arabischen Familie, die gerade 18 geworden war, sollte abgeschoben werden. Das war Chehades Aufgabe. Auf Arabisch erklärte er der Mutter, die kein Deutsch verstand, worum es ging. Er kam wie immer in Zivil, und er trug seinen Einsatzgürtel, eine Pistole, Pfefferspray, einen Schlagstock und Handschellen. Chehade versuchte, was er in seinem Beruf noch oft versuchen würde. Er versuchte zu argumentieren. Aber das half nicht. Die Frau an der Wohnungstür rief ihren Mann an, der sofort auftauchte. Er war außer sich vor Wut, weil Chehade die Tochter mitnehmen wollte.

"Lass den Mann in Ruhe", schrie die Frau ihren Ehemann auf Arabisch an. "Das ist ein Araber, der will uns helfen." – "Der kann uns nicht helfen, das ist ein Polizist", brüllte der Mann auf Arabisch zurück. "Hol mir das Messer." Die Frau zögerte, während ihr Mann in die Küche rannte, um nach einem Messer zu suchen.

Schnell übersetzte Chehade für seine Kolleginnen, die kein Arabisch verstanden. Sie riefen Verstärkung, gemeinsam überwältigten die Polizisten den Mann. "Hätte ich ihn nicht verstanden, hätte das übel ausgehen können", sagt Chehade heute.

Seit zwölf Jahren ist der 30-jährige Hadi Chehade Polizist in Berlin. Sein Vater zog in den Siebzigerjahren, seine Mutter in den Achtzigern hierher. Sie kannten sich aus der Heimat, heirateten in Deutschland. Im Jahr 1987 kam Chehade in Berlin auf die Welt, als zweitältestes von sechs Kindern.

Hadi Chehade kann sich mit Menschen verständigen, die mit anderen Polizisten nicht sprechen

Man könnte sagen: Chehade ist ein Polizist wie jeder andere, was einerseits stimmt. Doch Chehade ist auch etwas Besonderes: Weil er in seiner Kindheit zu Hause Arabisch sprach und in den Schulferien die Heimatländer seiner Eltern besuchte, Syrien und den Libanon, kann er sich in Berlin mit Menschen aus arabischen Ländern verständigen, die anderen Polizisten mit großer Skepsis begegnen.

Chehade leitet das fünfköpfige arabische Team im "Arbeitsgebiet interkulturelle Aufgaben" der Berliner Polizei. Seine Dienststelle ist zuständig für die Bezirke Friedrichshain, Kreuzberg, Neukölln und Wedding. Dort leben sehr viele Menschen mit türkischen oder arabischen Wurzeln. Für sie muss Chehade häufig mehr sein als nur ein Polizist. Manchmal ist er auch Sozialarbeiter, er ist Lehrer, Fremdenführer oder Konfliktmanager.

Chehade verdient im Monat etwa 2.700 Euro netto – die Berliner Polizei ist dafür bekannt, dass sie weniger zahlt als die in anderen Bundesländern. 13.787 Berliner Polizisten arbeiten, so wie Chehade, im gehobenen Dienst. Der Migrantenanteil ist bei der Berliner Polizei in den vergangenen Jahren rasch gestiegen: 2008 hatten noch etwa 12 Prozent der Bewerber einen Migrationshintergrund, 2016 waren es schon 32 Prozent. Zuletzt waren etwa 29 Prozent der neu eingestellten Berliner Polizisten Migranten.

Wenn der Streit in Flüchtlingsunterkünften eskaliert, rückt Chehades Team an

Chehades Team kümmert sich immer wieder um die Gewalt in Flüchtlingsunterkünften. Junge Männer, manche von ihnen betrunken oder mit Drogen vollgepumpt, gehen mit Messern aufeinander los oder prügeln sich. Chehade nimmt ihnen die Waffen ab und schreibt Anzeigen. An einigen Tagen eskaliert der Streit unter den Flüchtlingen, weil die einen für den syrischen Diktator Assad sind und die anderen gegen ihn. Chehade schreitet auch ein, wenn sich arabische Frauen in der Unterkunft gegen ihre tyrannischen Ehemänner wehren. Einmal floh eine Syrerin vor ihrem gewalttätigen Mann halb nackt auf die Straße, und Chehade brachte sie in Sicherheit.