Dona Caterina hat noch nie das Meer gesehen. Sie kennt den Fisch, sie kennt das Salz, sie kennt die Geschichten. Sie müsste nur hundert Kilometer in Richtung Westen fahren, dann wäre sie da. Aber so weit hat es Dona Caterina in 81 Jahren noch nicht geschafft.

Dona Caterina ist Portugiesin. Die Portugiesen beschreiben sich als ein Volk der Seefahrer, der Entdecker, der Fischer, auch derer, die hinausfahren und nicht wiederkommen, und derer, die auf das Meer schauen und dabei wehmütig werden. Die Nationalhymne beginnt mit den Worten "Helden des Meeres, edles Volk".

Portugal

Portugal ist ein schmales Land, für manche nicht mehr als ein sehr breiter Strand. Es riecht nach Seeluft und schmeckt nach Salz. Aber in Brotas, im Dorf von Dona Caterina, in der Rua da Igreja, der Kirchstraße, in der sie lebt, riecht und schmeckt es anders. Nach Erde, Stroh, Getreide.

Brotas liegt am 488. Kilometer der Nationalstraße 2. Die N2 ist die längste Straße Portugals, sie führt von Chaves unweit der nördlichen Grenze zu Spanien bis nach Faro an der südlichen Atlantikküste. Einmal gerade durch. Die N2 teilt das Land in zwei Hälften wie eine Wirbelsäule den Rücken.

Doch die Wirbel, all die Städte, Dörfer und Abzweigungen rechts und links von ihr, belasten den Rücken ungleichmäßig. Etwa 80 Prozent der Portugiesen leben am Küstenstreifen, die meisten Firmen des Landes haben dort ihren Sitz, fast alle Touristen übernachten in der Nähe des Meeres. Lissabon, die vielleicht schönste Stadt Europas, ist komplett überlaufen. Einheimische werden aus ihren Wohnungen geworfen, damit diese an Touristen vermietet werden können. Sogar Madonna klagte lange Zeit: Ich finde einfach kein Haus in Lissabon!

Das Landesinnere ist das andere Portugal. Ich folge der N2, um es zu entdecken. Die Straße wird seit Neuestem als portugiesische Route 66 beworben. Was beide gemein haben: Sie waren mal bedeutend, sollten wichtige Orte im Land miteinander verbinden. Heute tun das die Autobahnen. Lange Strecken auf der N2 fährt man nur noch zum Spaß. 739 Kilometer in sieben Tagen.

Chaves heißt Schlüssel, man betritt Portugal also durch die nördliche Tür. Eine kleine Stadt mit einer Burg, Kirchen, einer hübschen römischen Brücke und alten Läden, wie man sie fast nur noch in Portugal findet: ein Hutladen, der auch ein paar Regenschirme im Schaufenster hat, ein Portemonnaie-Laden, ein Kofferladen, ein Laden für Kommoden und Hocker aus Holz. Ein handgeschriebenes Schild verweist auf den Schuhmacher, der wenige Meter weiter im dunklen Souterrain arbeitet und Radio hört. Auch aus der Casa de Fado hört man Musik unterbrochen von Werbung, ein paar Männer spielen dort Karten. Sonst ist es ruhig.

Sieben Tage wolle ich mir Zeit lassen?, fragt Carlos vom Kiosk. Da würde er die Strecke ja zu Fuß schaffen! Er überlegt dann noch mal, sagt: "Lieber keinen Stress". Er, dessen Rotweinrand auf den Lippen wie ein zweites Lächeln ist, rät mir, öfter mal anzuhalten, um ein Glas Wein zu trinken und eine gegrillte Wurst, chouriço assado, zu essen. Ungefähr so hatte ich mir das vorgestellt.

Kilometersteine sind ständige Begleiter. © Matilde Viegas für DIE ZEIT

Im Kreisverkehr ganz in der Nähe des Zentrums von Chaves steht ein weißer Stein, er markiert den Kilometer 0 der N2. Motorrad- und Fahrradfahrer aus dem ganzen Land und aus Spanien haben die Aufkleber ihrer Clubs auf dem Stein hinterlassen. Auch jetzt stehen zwei Motorradfahrer auf der Straße, fotografieren sich und ihre Maschinen. Danach steigen sie auf, fahren einen Dreiviertelkreis, und los geht’s. Auch für mich.

Die Gegend um Chaves ist grün, hügelig und war schon bei den Römern bekannt für ihr Thermalwasser. Nachdem die N2 die ersten paar Hundert Meter mit Autohäusern und Waschanlagen hinter sich gelassen hat, ein totes Reh markiert den Übergang, wird es richtig schön. Ab und zu begegnet einem ein kleiner Traktor, ein Pferd frisst von einem Baum. Die N2 schraubt sich hinauf und hinab. Hat man ein Dorf gerade verlassen, begrüßt einen schon das nächste. Auf den Hügeln drehen sich Windräder, kleine Marien am Straßenrand beten wahrscheinlich dafür, dass ich die Kurven nicht zu sehr schneide. Die gelben Blumen auf den Hängen riechen eher bitter als süß, die Vögel zwitschern.