Es war ein verwackeltes Handyvideo, das die Republik endgültig aufschrecken ließ: Ein Mann beschimpft den Filmenden, droht, beleidigt, zieht schließlich seinen Gürtel aus der Hose und beginnt, den Angegriffenen zu schlagen. Weil das Opfer eine Kippa trug. Obwohl es seit Jahren antisemitische Übergriffe und Gewalttaten in unserem Land gibt, löst jetzt erst die Zunahme von Angriffen gegen jüdische Mitbürger und jüdische Einrichtungen Entsetzen aus.

Wie kann es sein, dass in unserem Land der Antisemitismus wieder auflebt? Nicht nur bei arabischstämmigen Jugendlichen. Die meisten Übergriffe kommen weiterhin – und in steigender Zahl – von rechtsextremistischer Seite. Inzwischen wird auch Israelkritik zum Vehikel für kaum verdeckten Antisemitismus. Und Nazi-Glocken in Kirchturmstuben werden publik. Haben alle Bemühungen, aus der Geschichte zu lernen, so wenig Früchte getragen?

"Antisemitismus ist Gotteslästerung." Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat Ende April sehr deutliche Worte gefunden, um antisemitische Übergriffe zu verurteilen. Und dies war nicht nur dahergesagt. Es ist biblische Theologie. Schon in der Bibel ist zu lesen, dass Israel – hier symbolisch für alle Juden in der Welt gemeint – das geliebte Volk Gottes ist und bleibt. Israel hat den Auftrag, Gottes Wort und Gottes Gerechtigkeit zu den anderen Völkern zu bringen. Aufgabe der Christen ist es, den "Augapfel Gottes" (Sacharja 2,12) zu beschützen und als das ältere Gotteskind zu achten, das seinen eigenen Weg mit Gott geht. Christen gebührt es daher nicht, Israel zu bevormunden und auf den vermeintlich rechten Weg zu weisen. Im Vorfeld des Reformationsjubiläumsjahres 2017 hat die Synode der EKD dies nach gründlicher theologischer Arbeit eindeutig erklärt und jeder Form der christlichen Mission gegenüber jüdischen Menschen eine Absage erteilt. In vielen Kirchenordnungen der Landeskirchen war dies allerdings schon lange festgelegt. So etwa in der Grundordnung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO): "Sie (die EKBO) erkennt und erinnert daran, dass Gottes Verheißung für sein Volk Israel gültig bleibt ... Sie weiß sich zu Anteilnahme am Weg des jüdischen Volkes verpflichtet. Deshalb misst sie in Leben und Lehre dem Verhältnis zum jüdischen Volk besondere Bedeutung zu und erinnert an die Mitschuld der Kirche an der Ausgrenzung und Vernichtung jüdischen Lebens."

Angestoßen durch die Erkenntnisse des christlich-jüdischen Dialogs erfolgte spätestens seit den 1980er-Jahren mit einem Synodenbeschluss der Rheinischen Kirche ein breites Umdenken in der Theologie und der Lehre der evangelischen Kirche. In der Textauslegung des Neuen Testaments wurden die Stellen offengelegt, die zum Nährboden für den Jahrhunderte dauernden christlichen Antijudaismus geworden sind. Studierende haben gelernt, die Bibel im Gespräch mit jüdischen Theologinnen und Theologen zu interpretieren. Die jüdische Bibel – das christliche "Alte Testament" – ist für den christlichen Glauben gleichwertiger Teil der Heiligen Schrift. Wer sie gegenüber dem Neuen Testament abwertet, verlässt unser Bekenntnis. Nur so kann mit der schlichten Erkenntnis ernst gemacht werden, dass Jesus ein Jude und unser "Altes Testament" seine Bibel war.

Im Dialog zwischen Juden und Christen geht es immer auch um das Erkennen der Irrwege von Theologie und Kirche. Christentum ohne Erinnerung und Schuldbekenntnis ist nicht möglich. Eine Erinnerungskultur, die die Schuld der Vergangenheit wachhält, gehört zum Wesen des Christentums. Wer eine Kehrtwende in der Erinnerungskultur fordert, wendet sich vom Christentum ab. Deshalb ist es nicht nur eine Pflichtveranstaltung, wenn wir als Kirche immer neu das Gedenken pflegen. So wurde im Jahr 2017 in Berlin die Ausstellung "Martin Luther und das Judentum" als gemeinsames Werk christlicher und jüdischer Wissenschaftler gestaltet und als Wanderausstellung konzipiert. Sie nimmt ohne zu beschönigen die judenfeindlichen Aussagen Luthers in den Blick und untersucht diese Traditionen und ihre Wirkungsgeschichte. Dazu ist in Kooperation mit unserer Landeskirche die Ausstellung "'Überall Luthers Worte ...' – Martin Luther im Nationalsozialismus" entstanden, die 2017 in der Berliner Topographie des Terrors gezeigt wurde. Sie deckt die politischen Folgen von Luthers Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten auf.

Hat die evangelische Kirche also ihre "Hausaufgaben" gemacht? Hat sie ausreichend – und gemeinsam mit kirchenkritischen Historikern und Historikerinnen – ihre Geschichte aufgearbeitet? Hat sie ihre Schuld glaubwürdig bekannt? Und ist sie vom Weg der Judenfeindschaft umgekehrt zu einem solidarischen Miteinander mit jüdischen Geschwistern im Glauben und jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern in der Gesellschaft? Ja, hätte ich noch vor einigen Jahren ohne Zweifel geantwortet, zumindest im Rahmen des Menschenmöglichen. Aber offensichtlich hat meine Generation von Theologinnen und Theologen die Wirkungsmacht dessen, was sie in der Dialogtheologie geleistet hat, überschätzt. Unbesorgtes Weitertragen von antijüdischen Traditionen in Kirchengemeinden, maßlose Israelkritik beim – wichtigen, richtigen und notwendigen! – Eintreten für die Menschenrechte des palästinensischen Volkes, all dies kommt immer noch und wieder neu im Raum der Kirche vor. Offenbar ist das Umdenken doch nicht so weit vorgedrungen wie erwartet und bisher geglaubt. Als Kirche müssen wir uns fragen, woran das liegt.

Christlicher Antijudaismus und rassistischer Antisemitismus sind nicht das Gleiche, aber sie haben eine gemeinsame Schnittmenge. Eine neue Dahlemer Dauerausstellung im Martin-Niemöller-Haus nimmt jetzt neu diesen neuralgischen Punkt in den Blick. Sie ist in Kooperation mit der Gedenkstätte Deutscher Widerstand entstanden und dokumentiert die Geschichte der Bekennenden Kirche im Nationalsozialismus. Hier wird klargestellt: Christlicher Antijudaismus, der in der Geschichte der Kirchen tief und lange verankert war, richtet sich auf die religiöse Zugehörigkeit und "auf die jüdische Weigerung, Jesus Christus als den Messias anzuerkennen, und macht das Volk Israel fälschlicherweise für seine Kreuzigung verantwortlich. Die Kirche ... betrachtet sich selbst als ›das wahre Israel‹. Immer wieder entladen sich in europäischen Gesellschaften auch soziale Probleme im Hass auf die jüdische Minderheit." Der rassistische Antisemitismus hingegen wird von seinen Anhängern pseudowissenschaftlich begründet, mit Überzeugungen von einer "natürlichen Ungleichheit" und Wertigkeit der "Menschenrassen". Und weiter heißt es im Begleittext: "Seit dem 19. Jahrhundert wandeln sich jahrhundertealte judenfeindliche Vorstellungen zum rassenideologischen Antisemitismus, der sich gegen die bürgerliche Gleichberechtigung der jüdischen Minderheit richtet."

Die Dahlemer Ausstellung zeigt, dass selbst die Bekennende Kirche nicht eindeutig aufseiten der verfolgten jüdischen Glaubensgeschwister stand, aus Angst um die eigene Existenz oder weil selbst widerständige Theologen in den überkommenen Vorurteilen verhaftet waren – abgesehen von einigen beeindruckenden Christen, vor allem aber Christinnen, die den Mut hatten, außerhalb der Mehrheit zu stehen.

Heute kostet eine solidarische Haltung gegenüber Jüdinnen und Juden bei uns nicht mehr die Existenz. Und trotzdem: Das christliche Engagement gegen Judenhass und vor allem gegen Israelfeindlichkeit ist leider immer noch nicht selbstverständlich. Solange bei uns Synagogen und jüdische Einrichtungen polizeilich geschützt werden müssen, solange Gewalttaten gegen Minderheiten zum Alltag der deutschen Gesellschaft gehören, können wir uns in Deutschland nicht als Experten für gelungene Integration und innergesellschaftlichen Frieden darstellen und dürfen uns als Christen nicht beruhigen lassen. So lange gilt das Wort Bonhoeffers: "Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen."

Was ist zu tun? Nüchtern Bilanz ziehen, die neuen Herausforderungen erkennen und statt einer Wende in der Erinnerungskultur eine Intensivierung der Erinnerungskultur fordern und umsetzen. Und das heißt vornehmlich: die Bildungsarbeit neu ausrichten. Die "Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden" darf nicht nur in der Aufarbeitung des Vergangenen, sondern muss genauso intensiv in der Ausrichtung auf eine gemeinsame Zukunft gesucht werden. Es ist gut, dass die Lehrpläne des Religionsunterrichts sich nicht auf die Zeit von 1933 bis 1945 beschränken. Denn es muss darum gehen, jüdische Geschichte in all ihrer Fülle, jüdische Kultur und den gelebten Glauben kennenzulernen. Was ist jüdisches Leben bei uns heute? Und wie kann es sich entwickeln?

In der Kirche müssen wir an die nächste Generation weitergeben, was bisher erarbeitet wurde: Es gibt das "Studium in Israel", ein von der EKD getragenes Projekt, das jedes Jahr Studierende der evangelischen Theologie für ein Jahr an die Hebräische Universität nach Jerusalem schickt, um von den jüdischen Professoren Bibelauslegung, aber auch Talmud, Midrasch und jüdische Philosophie zu lernen und sich so für den christlich-jüdischen Dialog im deutschen Gemeindealltag vorzubereiten; es gibt Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext. Neue Basisinitiativen entstehen, wie das Dahlemer Projekt zeigt oder die Gemeinde in Cottbus, die sehr bewusst eine ihrer Kirchen an die jüdische Gemeinde übertragen hat. Und mehr noch: das Berliner Basisprojekt "House of One", ein Haus für drei Religionen, das die Erfahrungen des christlich-jüdischen Dialogs um das Gespräch mit Muslimen erweitert.

Trotz allem: Uns in der evangelischen Kirche fährt gerade der Schreck in die Glieder. Zum Beispiel, weil wir in Turmstuben Hitler-Glocken entdecken, so in zwei Berliner Gemeinden. Die Funde haben zunächst Entsetzen, aber auch Abwehr und Streit hervorgerufen. Wie soll man mit diesen Glocken umgehen? Hängen lassen oder abhängen? Einschmelzen und entsorgen? Durch neue Glocken ersetzen oder zur Mahnung stehen lassen? Solche Diskussionen innerhalb der Gemeindekirchenräte sind ein schmerzhafter Prozess, der Kraft und Zeit braucht. Wer hat von den Hakenkreuz-Glocken gewusst, und warum wurde all die Jahre geschwiegen? Inzwischen ist daraus eine produktive Auseinandersetzung mit der politischen und theologischen Verortung der Gemeinden in der Nazizeit geworden.