Was ist wohl eine versilberte Zigarettendose aus den 70er-Jahren wert? Und wenn sie eine angebrochene Schachtel Mentholzigaretten enthält? Und wenn beides Helmut Schmidt gehört hat? 4600 Euro war die Zigarettendose des verstorbenen Altkanzlers ihrem Käufer wert, als 2017 der Nachlass versteigert wurde – der Startpreis hatte bei 250 Euro gelegen. "Bei manchen Objekten ist die Provenienz alles", sagt Hauke Hansen vom Hamburger Auktionshaus Stahl.

Die Herkunft kann Preise aber nicht nur steigen lassen. Sie kann ein Stück auch unverkäuflich machen. Etwa im Fall von NS-Raubkunst, bei einigen Werken aus früheren Kolonien, jeglicher Beutekunst oder Stücken aus illegalem Antikenhandel. Spätestens wenn alte Chanukka-Leuchter und andere wertvolle Judaika bei eBay auftauchen, drängt sich auch ahnungslosen Interessenten die Frage auf: Wo kommt das her?

Wer Kunst mit problematischer Herkunft ersteht, macht einen schlechten Deal, nicht nur in moralischer Hinsicht. "Je mehr die Kunst auch als Investment in Betracht gezogen wird, desto wichtiger werden Fragen der Provenienz", sagt Amelie Ebbinghaus, die als Provenienzforscherin für das Art Loss Register arbeitet, eine Datenbank verlorener und gestohlener Kunstwerke. Die 40 Mitarbeiter prüfen im Auftrag von Museen, Galerien, Auktionshäusern oder der Polizei jährlich rund 400.000 Objekte auf deren Herkunft. In den vergangenen fünf Jahren habe sich die Zahl der Auktionshäuser unter den Kunden auf 115 fast verdoppelt.

Das Interesse an der Herkunft wächst. Das kann an einem gewandelten Bewusstsein liegen oder am Kulturgutschutzgesetz von 2016, das auch privaten Sammlern eine Sorgfaltspflicht beim Kauf von Kulturgut vorschreibt. Der Pflicht kann nachkommen, wer verdächtige Kunstwerke oder ganze Sammlungen durchleuchten lässt. Das ist extrem aufwendig. Provenienzforscherinnen wie Ebbinghaus suchen nach Hinweisen auf den Rückseiten von Gemälden und den Unterseiten von Skulpturen. Sie sichten Datenbanken, Auktionskataloge, Fotoarchive, Werkverzeichnisse und gehen den Spuren nach, die Kunstwerke teils über Jahrhunderte hinweg hinterlassen haben. Bei bekannten Gemälden prominenter Künstler reicht manchmal ein Datenbankcheck – die Voreigentümer sind lückenlos dokumentiert. Doch bei Werken unbekannterer Künstler sind oft weniger Hinweise aufzufinden. Oder gar keine.

"Manchmal sitzen Provenienzforscherinnen monatelang oder jahrelang an der Aufklärung eines Objekts, und dann bleibt doch eine Provenienzlücke in den 30er-Jahren. Das kann frustrieren", sagt Gilbert Lupfer, wissenschaftlicher Vorstand des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste in Magdeburg. Seit dessen Gründung 2015 haben 100 öffentliche Museen, Bibliotheken, Unis, Archive mit den Fördergeldern ihre Bestände auf NS-Raubkunst untersucht – aber erst drei private Sammlungen. Die haben entweder noch nichts von dem relativ jungen Forschungsfeld gehört, wissen nicht, dass es dafür Fördergelder gibt, "oder sie wollen keine Gewissheit", sagt Lupfer. "Dabei macht eine gesicherte Herkunftskette den Sammler zufriedener – und eine Sammlung wertvoller."

Beim Art Loss Register werden Objekte ab 1500 Euro geprüft. Günstigere Werke werden dort nicht registriert, weil angenommen wird, dass sie keine Unikate sind. Eine Glasvase für 50 Euro oder ein Silberbesteck ohne Gravur lässt sich nicht identifizieren – der Aufwand einer Herkunftsanalyse wäre unverhältnismäßig und wohl auch aussichtslos. In den anderen Fällen kostet die Überprüfung eines einzelnen Kunstwerks 80 Euro, Großkunden zahlen Pauschalen. Öffentliche Datenbanken findet man beim Deutschen Zentrum Kulturgutverluste und beim Deutschen Historischen Museum.

Für gelegentliche Käufer ist das weniger relevant, denn "normalerweise zahlen das Auktionshaus oder die Messe die Prüfung, sie sind gesetzlich dazu verpflichtet", sagt Ebbinghaus. "Das einzelne Objekt wird dadurch nicht teurer für den Käufer." Auch bei Stahl, Grisebach und Dorotheum heißt es: Das Aufgeld sei immer gleich, egal wie aufwendig die Provenienzrecherche gewesen sei.

Interessanterweise schreckt ein Raubkunst-Hintergrund viele Käufer nicht ab, solange er geklärt ist. Häufiger ist in Auktionskatalogen der Hinweis "im ausdrücklichen Einvernehmen mit der Sammlung" zu lesen. Das bedeutet, dass der rechtmäßige Eigentümer ausfindig gemacht wurde und einer Versteigerung zugestimmt hat. Der Erlös wird geteilt. Dadurch gewinnt ein geraubtes Kunstwerk seinen Wert zurück und steigert ihn womöglich sogar.

Wiedergutmachung kann also durchaus ein Verkaufsargument sein. Etwa, als Christie’s kürzlich einen Cranach versteigerte: das Porträt eines sächsischen Kurfürsten. Das Auktionshaus bewarb das Gemälde damit, dass es aus der Sammlung von Fritz Gutmann stammt – der 1941 von den Nazis ermordet wurde, weil er nicht an Hermann Göring verkaufen wollte. "Ich habe dieses wundervolle Gemälde jahrelang gejagt und dachte, ich würde es niemals wiederfinden", schrieb sein Enkel Simon Goodman später dazu und machte seinen Frieden mit der Auktion: "Wir sind extrem dankbar."