Recep Tayyip Erdoğan hat die Wahlen klar gewonnen und kann sich trotzdem seiner Türken nicht sicher sein. Das ist das paradoxe Ergebnis der türkischen Wahl. Die 52,5 Prozent für den Präsidenten zeigen zwar, dass seine Wahltaktik aufgegangen ist. Der Verlust der absoluten Mehrheit seiner AKP bei der gleichzeitigen Parlamentswahl aber ist ein Warnzeichen. Als hätte er den Rechtspopulismus erfunden, zog Erdoğan vor dieser Wahl durchs Land und rief: "Ich bin das Volk! Die anderen sind die Eliten!" Ihm persönlich glauben die Wähler die alte Erzählung, wonach ihr Aufstieg, Status und frischer Wohlstand nur von ihm abhänge. Und dass sie alles verlören, wenn "die alten Eliten" wieder an die Macht kämen. Solche Ängste verrührt Erdoğan mit einem religiös dekorierten Konservatismus – mehr aggressiv als wirklich fromm – plus einem derben Nationalismus: die Türkei zuerst!

Diesen Parolen sind auch jene Türken in Deutschland verfallen, die Erdoğan gewählt haben. Von den Wahlberechtigten mit türkischem Pass hat hierzulande rund die Hälfte gewählt, davon stimmten 64 Prozent für Erdoğan, das sind fast 12 Prozent mehr als in der Türkei. Interessenverbände haben zur Erklärung mal wieder die mangelnden Integrationsbemühungen deutscher Behörden angeprangert. Irrtum! Viele dieser Erdoğan-Fans leben vielleicht mit ihrem Körper noch in Deutschland, aber ihr Kopf steckt ganz in der medial-digitalen Blase der Türkei. Erdoğans Sieg gibt ihnen Statusbewusstsein und Selbstgefühl. Wenn er stark ist und allen die Faust zeigt, dann können sie das auch.

Dabei leben sie übrigens in der besten aller Welten. Sie genießen die Freiheit hier und wählen den Autokraten dort, bekommen allerdings die Folgen ihres Wahlverhaltens nicht zu spüren.

Die Opposition zog mit populären, kraftvollen Kandidaten ins Feld

Doch in der Türkei selbst denkt knapp die Hälfte der Bevölkerung ganz anders. Fast 50 Prozent wählten eben nicht Erdoğan. Hier sind wir beim türkischen Paradox. Denn in diesem verlorenen Wahlkampf schöpfte die Opposition seit Langem wieder Mut. Anders als früher zog sie mit populären, kraftvollen Kandidaten ins Feld. Einer von ihnen ist Muharrem İnce von der national-säkularen CHP. Der Mann mobilisierte die eigenen Stammwähler, umwarb aber auch die Gläubigen. Als erster CHP-Kandidat versuchte er, eine Brücke zur anderen Hälfte der Bevölkerung zu schlagen. Das neue Wahlbündnis der CHP mit Nationalisten und Islamisten wird vielleicht einmal die Blaupause künftigen Erfolgs sein. Denn nur wenn die Säkularen sich mit den Gläubigen versöhnen, kann Erdoğans Polarisierung durchbrochen werden. Erst dann gibt es die Chance, ihn zu besiegen.

Dieser Wahlkampf zeigte, dass die Türkei (noch) kein zweites Ägypten oder Russland ist, wo die Wahlen zum Bestätigungsritual des Herrschers verkommen sind. Die Stimmung in der Türkei erinnerte zeitweise an die Gezi-Park-Proteste von 2013, als landesweit Hunderttausende für mehr Demokratie auf die Straße gingen. Trotz vieler Verhaftungen und Repressionen kam die prokurdische HDP wieder ins Parlament. Erdoğans AKP braucht jetzt einen Koalitionspartner. Und wer weiß, wie das alles ohne Ausnahmezustand, Manipulation und mit freiem Zugang für alle Bewerber zu den Medien ausgesehen hätte. Aus all diesen Gründen sollten die Europäer die Türkei nicht pauschal als Erdoğans Despotie verbuchen, sondern auch die andere Hälfte im Land immer mitdenken. Das türkische Paradox kann man auf eine Formel bringen: Dieser Autokrat regiert ein Land mit vielen Demokraten.

Erdoğan wurmt das. Es empört ihn, dass Millionen von Türken ihn lieber heute als morgen weghaben wollen. Deshalb war diese Wahl so wichtig für ihn. Im Amt bestätigt und mit einer Koalitionsmehrheit im Parlament versehen, kann er nun durchregieren. Die Gerichte sind bereits in seiner Hand, die Armee auch.

Erdoğan steht auf dem Höhepunkt seiner Macht. Er wird den Staat weiter umbauen, den Nationalismus des Gründungsvaters Atatürk fortsetzen, aber dessen staatlich verordneten Säkularismus Stück für Stück zurückdrängen.

Trotz aller Siege dürfte Erdoğan keine Ruhe finden. Er verfolgt die Andersdenkenden, weil er sich nicht von dem Gefühl befreien kann, ständig selbst verfolgt zu werden. Die "neue Türkei", die er seinen Fans verspricht, droht dabei zum national-konservativen Festungsstaat zu werden. Doch das Wahlergebnis spricht dafür, dass beim Umbau mit Aufbegehren zu rechnen ist.

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