Dies ist der Ort, an dem Angela Merkel sich einst unterwarf: Ein dunkler Esstisch aus Nussbaum. Darauf weiße Stoffdeckchen, edles Porzellan. Vor 16 Jahren kam Merkel hierher, an den Frühstückstisch von Edmund Stoiber, um dem damaligen CSU-Vorsitzenden die Kanzlerkandidatur der Union anzutragen. Das "Wolfratshausener Frühstück" ging in die Geschichte der Bundesrepublik ein, auch wenn Merkel, wie Stoiber später erzählte, "nur eine halbe Semmel aß" und er selbst kaum mehr.

Sie wäre gern selbst angetreten, soll Merkel damals beim Frühstück gestanden haben, auch weil sie glaubte, ihr Stil, ihre Methode könnten das Land verändern. Ihr Politikstil hat das Land dann stärker verändert, als Stoiber und die CSU es sich hätten träumen lassen. Heute aber stehen Merkel und ihre Methode im Mittelpunkt einer Kontroverse, die Union und Land zu zerreißen droht.

Edmund Stoiber, als CSU-Ehrenvorsitzender im Hintergrund sehr einflussreich, war einer der Ersten, der Merkel für ihre Flüchtlingspolitik kritisiert hat. "Du machst Europa kaputt!", fuhr er sie bei einer internen Sitzung an. Auch dass Merkel wegmüsse, soll er gefordert haben. Er selbst hat das immer dementiert. Aber gerade deshalb ist es jetzt, in dieser politischen Schicksalswoche, so ungeheuer aufschlussreich, beim Frühstück mit Stoiber in Wolfratshausen mehr über die Ursachen des andauernden Konflikts zwischen CDU und CSU zu erfahren.

"Ich sehe keine Möglichkeit, hier nachzugeben, falls sich beim EU-Gipfel nicht eine wirkungsgleiche europäische Lösung ergibt", sagt Stoiber. "Es geht uns um die Glaubwürdigkeit der CSU und die Glaubwürdigkeit der Politik im Land." Bleibt die Frage: Spricht aus ihm der Rachewunsch eines der zahlreichen Ehemaligen, die Merkel überdauert hat? Oder spricht er bloß aus, was jene nicht offen sagen, die in Berlin und München für die CSU verhandeln?

An Stoibers Frühstückstisch verzichtete Merkel einst auf die Macht – um die Macht zu gewinnen. Nun ist ihre Macht aufgebraucht, und Merkel wird aufgerieben in der spektakulären Auseinandersetzung mit der CSU. Das Mantra vom Beschädigtsein hat die Kanzlerin so lange durch alle Krisen der vergangenen Jahre begleitet, dass sie am Ende unkaputtbar erschien. Jetzt trennt sie nur ein Wimpernschlag vom Machtverlust. Am kommenden Sonntag will die CSU entscheiden, ob Merkel beim EU-Gipfel in dieser Woche genug herausgeholt hat, um den bayerischen Forderungen in der Flüchtlingspolitik Genüge zu tun. Es ist eine Entscheidung, die weit über die Frage hinausgeht, ob CDU und CSU auch künftig gemeinsam marschieren wollen. Sie geht sogar über die Frage hinaus, ob Merkel Kanzlerin bleibt. Es geht um die Ungewissheit: Bleibt Deutschland stabil?

Dass es so weit kommen konnte, dazu haben alle beigetragen: Merkel, die CSU, die Ehemaligen in beiden Parteien und die neuen Anführer in Europa. In Berlin schauen sie in den Abgrund. Was sie sehen, lässt sie schaudern. Aber können sie noch zurück?

Noch am vergangenen Wochenende legte die CSU Schippe um Schippe nach. Alexander Dobrindt, der Chef der bayerischen Abgeordneten, spekulierte lauthals über einen Bruch der "Schicksalsgemeinschaft" CDU/CSU. Horst Seehofer erklärte, er werde sich die Richtlinienkompetenz der Kanzlerin "nicht gefallen lassen". Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hielt dagegen, Merkel könne gar nicht anders, als Seehofer rauszuwerfen. Und Armin Laschet, der Chef des größten Landesverbands Nordrhein-Westfalen entgegnete auf die Frage, wie schnell die CDU in Bayern antreten könne, bloß: "Schnell."

Ist dies, nach nur hundert Tagen, die letzte Woche der vierten Regierung Merkel? Während die Kanzlerin um ihre Zukunft verhandelt, werden in Berlin immer offener Szenarien erwogen und verworfen, wird in Geschichtsbüchern nach vergleichbaren Situationen gesucht – und nach Auswegen.