1999 unternahm ich mit meinen Studenten eine Reise nach Kuba. Wir hatten vor, mit kubanischen Kommilitonen zusammen Geschichten zu schreiben und kleine Filme zu drehen. Das stellte sich als ziemlich kompliziert heraus. Es gab nach dem Zusammenbruch der wirtschaftlichen Unterstützung durch die Sowjetunion Engpässe in der Versorgung. Die kubanischen Studenten machten sich nie Notizen, schrieben nie etwas auf, und als ich sie nach Tagen fragte, warum nicht, antworteten sie, es gebe kein Papier. In dem Hotel, in dem wir wohnten, floss das Wasser innen von den Wänden, weil es keine Ersatzteile für die Wasserleitungen gab. Ich wurde deshalb umquartiert in eine Art Freiluftkabine auf dem Dach, die sehr früh am Morgen abgeräumt wurde für so etwas wie eine Parteiversammlung, zu der Menschen in Uniform erschienen, die sehr ernst und laut sehr wichtige Dinge diskutierten, während ich verschlafen im Nachthemd danebensaß, was aber niemanden störte.

Das Hotel hatten wir mit Frühstück gebucht, es gab eine imposante Frühstückskarte mit diversen Eierspeisen. Jeden Morgen aber erschien nach geraumer Zeit der Kellner in einer schneeweißen Schürze und verkündete: "Huevos no hay." Es gibt keine Eier. Dafür hartes Weißbrot und Marmelade. Manche Studenten meuterten und gingen heimlich in die teuren Touristenhotels, wo die Buffet-Tische sich bogen und Kubaner keinen Eintritt hatten. Andere nahmen es mit Humor und verstanden zunehmend die komplizierte Lebenslage ihrer kubanischen Kommilitonen. Immer wieder planten wir eine Exkursion aufs Land, die aber an Benzin und Transportmöglichkeiten scheiterte. Unverhofft klappte es dann doch, und ich sah ein paradiesisch schönes und fruchtbares Land. Die Erde tiefrot, die Pflanzen schimmerten in allen Grüntönen, überall Tabakplantagen und kleine Fabriken, in denen Frauen Zigarren und Zigarillos rollten. Wir unterhielten uns, und eine Frau berichtete, man habe ihre Mutter ins Gefängnis gesperrt, weil sie hundert Gramm Fleisch auf dem Schwarzmarkt gekauft habe. Fleisch sei ausschließlich Touristen vorbehalten. Sie kommentierte die Geschichte nicht, sie sah uns freundlich an, während sie sie erzählte, und schenkte mir zum Abschied diesen Zigarillo.