Auf seiner Italienischen Reise besuchte Goethe auch die Arena von Verona. Er war beeindruckt. Ein solch riesiger öffentlicher Raum, so Goethe, sei dazu da, "dem Volke mit sich selbst zu imponieren".

Welch großer Satz. Genau dafür ist vermutlich auch eine Fußballweltmeisterschaft da. Jedenfalls hat man in Russland diesen Eindruck. Die Russen sind außer sich, sie feiern ihre Mannschaft und sich selbst. Ein pessimistisches Land hat es geschafft, sich in seinen Arenen selbst zu imponieren. Auch wenn viele seiner Bürger wissen, dass diese Arenen Monumente der Korruption und der Bereicherung der herrschenden Klasse sind.

Das russische Volk, von Polizeigewalt bewacht, von Argwohn gegenüber dem Mitbürger und Nebenmann bestimmt, nimmt ein andauerndes Bad in der Menge, also sozusagen in sich selbst, und es genießt durchaus, dass die lustigen Fremden aus Lateinamerika und die etwas weniger lustigen Westeuropäer ihnen wohlgefällig zuschauen. Es kommt aus dem Staunen über sich selbst nicht heraus.

Da ist plötzlich eine gemeinsame Sache, an der alle teilhaben, die alle erfasst, und auch wenn diese Energie nach dem Turnier (und vermutlich schon mit dem absehbaren Ausscheiden der eigenen Mannschaft gegen Spanien) erst mal erschöpft sein und Ernüchterung in die Gesichter fahren wird, und auch wenn die Polizei wieder so furchterregend sein wird wie früher: Das Fest war da, eine Ahnung von Selbstbestimmung, Freude und gutem Zusammenhang. Übermut als Überbau. Es ist ein historischer Moment, den niemand vergessen wird: der kurze Rausch des Richtigen mitten im Falschen.

Auf ganz andere Weise kompliziert sind die Verhältnisse bei uns. Das sogenannte Fußballdeutschland war in der 95. Minute des Spiels gegen die Schweden noch etwa zwölf Sekunden davon entfernt, sich dauerhaft von seinen Prestigesoldaten abzuwenden. Denn das sind die deutschen Fußballspieler ja: Sie kämpfen bei der WM, dieser unblutigen Weltschlacht, um das Ansehen, das Gesicht ihres Volkes. Die Sache war fast verloren. Es stand 1:1, die Schweden verschleppten das Spiel, die Deutschen brauchten den Sieg. Das Tor, das Kroos dann schoss, hat den deutschen Zuschauern das Hinüberschnappen in den Modus des Übelnehmens und eine frühe Turnierverbitterung vermutlich erspart (das entscheidende Spiel gegen Südkorea war bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht gespielt).

Sie werden das dem kühlen Toni so schnell nicht vergessen. Er ist ausgebrochen aus einem finsteren Drama, indem er die Schlussszene völlig umschrieb. In der Rückschau, vom Ende her erzählt, wirkt dieser Plot wie ein Suspense-Meisterwerk, erzählt vom Spielmacher der Deutschen – als habe er seine feinste Aktion wie einen Zeitzünder im hintersten Winkel dieses Spiels deponiert und von Beginn an gewusst, dass er im richtigen Moment explodieren würde.