DIE ZEIT: Herr Bundeskanzler, wenn Horst Seehofer für eine große Gruppe von Flüchtlingen, Einwanderern und Migranten die Grenze nach Deutschland dichtmacht, wo bleiben die dann? Rein geografisch: Gucken wir in den Süden, ist dort Österreich.

Sebastian Kurz: Wir hatten eine ähnliche Situation bei der Schließung der Westbalkanroute im Jahr 2016. Da hieß es, wenn wir beginnen, die Grenzen zu schließen, was ist dann in Slowenien oder anderswo los? Ich habe die These vertreten: Dann tritt ein Dominoeffekt entlang der Route ein, und alle werden im Gleichklang dasselbe tun. Genau das hat stattgefunden. Wenn der deutsche Konflikt so ausgehen sollte, dass Deutschland massive Abweisungen an der Grenze startet, was würden wir in Österreich tun? Wir würden mit voller Konsequenz unsere relevanten Grenzen sichern.

ZEIT: Vor allem die am Brenner, nehme ich an?

Kurz: Nicht nur, aber auch. Es würde sich meiner Einschätzung nach ein Dominoeffekt in Richtung der Länder an der Außengrenze der EU durchsetzen. Und ich glaube schon, dass so ein Vorgehen theoretisch dazu führen könnte, dass es unattraktiver wird, sich überhaupt auf den Weg nach Europa zu machen.

ZEIT: Dominoeffekt heißt vor allem abschreckende Wirkung?

Kurz: Dominoeffekt heißt nicht vor allem abschreckende Wirkung, sondern ...

ZEIT: ... sondern auch abschreckende Wirkung.

Kurz: Wenn ich weiß, dass mein Zielland Deutschland ist, dann ist es derzeit relativ attraktiv, mich auf den Weg zu machen. Wenn ich aber weiß, dass ich in Italien nicht anlegen darf, geschweige denn nach Österreich oder Deutschland weiterkomme, dann ist es für den Schlepper wesentlich schwieriger, die Überfahrt zu verkaufen und diese Menschen auszubeuten.

ZEIT: Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier von der CDU sagte in einem Interview mit der ZEIT sinngemäß, wir würden noch einen anderen Effekt erleben. Die Abweisung soll ja für jene erfolgen, die schon woanders registriert worden sind. Wenn sich das rumspricht, werden Ankunftsländer wie Italien gar nicht mehr registrieren, sondern durchwinken. Und die Österreicher gleich dazu.

Kurz: Anscheinend weiß Herr Bouffier besser, was wir tun werden, als wir selbst. Für Österreich kann ich es beurteilen, für die anderen Länder nur eine These aufstellen. Wenn die Grenzkontrollen intensiv sind, dann hat ein Land gar nicht die Möglichkeit, nicht zu registrieren. Wenn jemand von Italien nach Österreich aufbricht, an der österreichischen Grenze gestoppt wird und nicht registriert ist, dann ist offensichtlich, dass Italien ihn nicht registriert hat. Und wir müssen uns anschauen, was die Registrierung heute bedeutet. Gehen wir vom Fall aus, dass jemand irgendwo registriert wird, durch einige Staaten durchzieht und in Deutschland ankommt. Dann ist er ein Dublin-Fall. Laut europäischem Recht würde ein Konsultationsmechanismus starten. Der dauert bis zu einigen Monaten, und danach sollte es möglich sein, denjenigen etwa nach Griechenland zurückzustellen. Das wird im Moment aber verboten, durch die Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofes, weil die Unterbringung in Griechenland so schlecht ist, dass die Flüchtlinge dort nicht menschenwürdig leben können. Das heißt, wir haben ein kompliziertes System geschaffen, das dazu führt, dass die Länder, die ihre Flüchtlinge schlecht behandeln, vom EuGH den Blankoscheck dafür erhalten, dass sie niemanden mehr zurücknehmen müssen. Und das kann nicht funktionieren. Wissen Sie, was ich meine?

ZEIT: Ich glaube schon.

Kurz: Wenn jetzt andere Länder auch schlechtere Standards einführen, dann können sie registrieren, weiterwinken, und wenn wer anderer das Dublin-Verfahren startet, kann der Registrierte nicht zurückgestellt werden. Wenn wir das weiterspinnen, führt das irgendwann dazu, dass nur mehr in Deutschland, Österreich und Schweden Flüchtlinge sicher leben können.