Seit Anfang April ist die Herbert-von-Karajan-Straße in Berlin-Tiergarten gesperrt, und wenn es vor Metaphern nicht so wimmelte rund um Simon Rattles Abschied von den Berliner Philharmonikern nach 16 Jahren (Seine ausgeblichene Wuschelfrisur! Sein passables Deutsch! Seine Jahrgangsgenossin Angela Merkel!), man würde die Bauarbeiten nur zu gerne einer kleinen Exegese unterziehen. Ist es nicht bezeichnend, dass ausgerechnet jetzt ausgerechnet vor dem Haupteingang der Philharmonie so hingebungsvoll gebuddelt wird, am Ende einer Ära, und dass die Straße so heißt, wie sie heißt, und schräg gegenüber die Nationalgalerie 20 (= 20. Jahrhundert) errichtet werden soll, heillos umstritten von Anfang an, wie so vieles in Berlin, das meiste eigentlich, worüber selbst Rattles finale Entspannung und Erleichterung nicht hinwegtäuschen können, ja, sie vielleicht am allerwenigsten?

Es ist bezeichnend. Auch Rattle galt lange als umstritten, unter den Orchestermusikern wie beim Publikum. Auch Rattle musste tief graben, um neue Fundamente zu legen: mehr Mut zum Abseitigen, Skurrilen, eine breitere stilistische Flexibilität, eine coolere Ausstrahlung (dank natürlicher Verjüngung) und last, but not least die Öffnung des Ganzen durch Erfindungen wie die Digital Concert Hall, durch Lunch-Konzerte, Kino-Events und Education-Programme.

Einen Zernichter des "deutschen Klangs" hat man ihn dafür genannt, flamboyant seien seine Programme von Joseph Haydn bis Thomas Adès, aber kaum substanziell, ratlos stehe er vor dem sinfonischen Kernrepertoire, vor Beethoven, Brahms und Bruckner. Wobei diese Vorwürfe interessanterweise eher auf Rattles Vorvorgänger Herbert von Karajan Bezug nahmen als auf seinen direkten Vorgänger Claudio Abbado. Als sei der Italiener sozusagen außer Konkurrenz gelaufen – und die alte Karajan-Rechnung noch lange nicht beglichen.

Dass beides zutrifft, das Zernichterische wie das Leichtfüßige, Schwellensenkerische, konnte jetzt noch einmal ausführlich besichtigt werden. Und Rattle selbst schien eine diebische Freude daran zu haben, sein janusköpfiges Haupt zu zeigen und jede Summe oder Synthese zu verweigern. Waren diese 16 Jahre wirklich eine Ära? Oder bloß eine philharmonische Lebensabschnittsrechnung mit Unbekannten? Auf die Idee könnte kommen, wer ihn Ende Mai Bruckners Neunte dirigieren hörte (in der vervollständigten Fassung): krass laut, wild um sich schlagend, bar jeden klanglichen Lots und überhaupt jeden Willens und/oder Vermögens zur Geschlossenheit. Als wäre nicht nur der letzte Satz hier Fragment geblieben, sondern das ganze krude Trumm.

Ähnliches ereignete sich Mitte Juni bei Bernsteins Zweiter Sinfonie und Korngolds The Adventures of Robin Hood – nur dass das bei Bruckner Problematische hier bereits in den Partituren siedelt, was Rattle wohl bestärkt, die Neigung beider Musiken zu billigen Effekten und reichlich Kitsch allerdings kaum besser macht. Dazwischen wurden drei Mini-Uraufführungen getupft, die den wenig avantgardistischen Avantgarde-Begriff des Engländers unterstrichen. Ein Programm wie eine philharmonische Backpfeife.

Hingegen: Was für ein großartiger, chromatisch atmender, kristallin ausgeleuchteter Wagner -Parsifal zu Ostern! Und was, der Gipfelpunkt, für eine furiose Sechste Sinfonie von Gustav Mahler in der vergangenen Woche! Mit der Sechsten hatte Simon Rattle 1987 bei den Philharmonikern debütiert, insofern war sie als Schlussstein wohl gesetzt. Riesenholzhammerschläge, höhnische Marschrhythmen und ein Herdenglockengebimmel, das nichts Idyllisches mehr beschwört, sondern pure Ironie ist. Was Mahler hier schreibt, ist Musik für katastrophische Zeiten – aber eben: Musik, Kunst. Das war immer Rattles Stärke (und bei Mahler ist es eine), dass er die Distanz zu wahren verstand, ästhetisch wie emotional. Das Transzendierende, jegliche Überwältigung durch Überwältigung war seine Sache nie, entsprechend wenig ging bei ihm in 16 Jahren zu Herzen. Aber vielleicht ist das auch eine völlig aus der Zeit gefallene Kategorie.

Manche Philharmoniker sagen, er sei eine Auster – und sei es geblieben. Andere sagen, seine diskrete Verschlossenheit habe den Reiz, die Erotik der Arbeit erst ausgemacht: die Vorstellung nämlich, die Schale würde sich eines Tages doch lupfen lassen und ein Inneres preisgeben. Sicher gab es solche Momente, und wenn sie sich über die schiere Virtuosität einstellten, den gemeinsamen Willen zum Balancieren auf des Messers Schneide. So unanfechtbar wie heute jedenfalls haben die Philharmoniker in ihrer Geschichte selten gespielt.