Am vergangenen Sonntag in der Waldbühne dann, beim ultimativ letzten der Rattleschen Farewell-Konzerte, gab es auch Lustiges, Anrührendes. Wie der 63-Jährige zur Berliner Luft, dem notorischen Paul-Lincke-Rausschmeißer, mit einem Bierchen durch die Reihen der (ohne ihn spielenden) Musiker schlenderte, hier eine Hand reichte, dort eine Schulter streichelte, und endlich oben bei den Pauken landete, er, der gelernte Schlagzeuger. Als schließe sich ein weiterer Kreis. Oder wie die Blechbläser, diese Schlingel, sich vor den Zugaben weiße Rattle-Wuschelperücken überstülpten und wie die Weihnachtsmänner dasaßen, was Rattle schlagfertig in Richtung Publikum mit "unglaublich hübsch!" kommentierte. Volksfeststimmung.

Simon Rattle war die Galionsfigur eines gesellschaftlichen Liberalismus, der seine Unschuld noch nicht verloren hatte. Heute herrschen Flüchtlingskrise, Brexit, Klima-Nöte, Erdoğan & Co. – und er geht, aus freien Stücken. Zurück nach England, zum London Symphony Orchestra. Und bleibt doch in Berlin wohnen.

Die Baustelle in der Herbert-von-Karajan-Straße soll im Herbst 2019 fertig werden. Nun ist die Zuverlässigkeit solcher Prognosen in Berlin gering. Ein Ansporn aber könnte sein, dass just im Herbst 2019 – nach einer führungslosen Interimssaison – Kirill Petrenko als neunter Chefdirigent der Berliner Philharmoniker sein Amt antreten wird. Spätestens dann werden wir Simon Rattle natürlich vermissen. Den enigmatischen Insulaner. Das Weltkind.