Der Extrazug aus Lugano ist unterwegs nach Zürich, zur nationalen Bauarbeiterdemonstration. Der Waggon ist voll, fast alle hier sind Grenzgänger. Unter ihnen: Roberto Rossi. Worte der Begrüßung fliegen hin und her. Die Arbeiter kennen sich. Sie reden über ihre Chefs, die Gesundheit, die Familie, über Fußball.

Täglich von Varese in Norditalien ins Tessin

Roberto Rossi, der in Wirklichkeit anders heißt, ist 49 Jahre alt. Täglich fährt er von Varese in Norditalien, wo er wohnt, ins Tessin zur Arbeit. Früher bis hoch nach Airolo in die Leventina, wo er neun Stunden im Straßenbau chrampfte. Um drei Uhr früh musste er in der Lombardei aus dem Haus und kam erst um neun Uhr abends zurück nach Hause, völlig ausgepumpt. Heute arbeitet Rossi im Luganese, sein Weg ist kürzer, sein Schlaf etwas länger. Und diese Woche soll er, nach jahrelanger Arbeit auf Zeit, endlich einen festen Anstellungsvertrag unterschreiben. Darum will der gelernte Zimmermann seinen Namen nicht in der Zeitung lesen.

Ein heißer Herbst kündigt sich an im Baugewerbe. Die Arbeitgeber, der Baumeisterverband, wollen das Pensionsalter von 60 auf 61 oder sogar 62 Jahre anheben und die Renten kürzen. 18.000 Arbeiter gingen am vergangenen Samstag dagegen in Zürich auf die Straße.

Gleichzeitig spricht der freisinnige Außenminister Ignazio Cassis in Airolo an der Delegiertenversammlung seiner Partei. Er wirbt für neue, kreative Ansätze bei den flankierenden Maßnahmen. Bei jenen Maßnahmen also, die Lohn- und Sozialstandards auf dem Schweizer Arbeitsmarkt gegenüber ausländischen Firmen schützen sollen.

Ein Leben in der Schweiz können sie sich nicht leisten

Es geht um Missbrauch, Lohndumping und europäische Billigkonkurrenz. Im Tessin sind das längst Top-Themen. An diesem Wochenende tragen sie italienische Bauarbeiter wie Roberto Rossi ins Bewusstsein der Deutschschweizer Öffentlichkeit.

Italienische Grenzgänger verdienen im Tessin oft nur 3.000 Franken pro Monat, das reicht nicht für ein Leben in der Schweiz. Sehr wohl aber für eines in Italien. Enrico Borelli, 49, ist Gewerkschaftssekretär im Tessin. Seit 20 Jahren arbeitet er für die Unia, war überall unterwegs, wo Grenzgänger arbeiten: Auf Baustellen, in Gewerbebetrieben, im Verkauf.

Borelli sitzt in seinem Büro in Lugano. Von hier aus führt der Gewerkschafter seinen Kampf gegen Missbräuche im Arbeitsmarkt. Gegen Universitätsabgänger aus Italien, die im Tessin für 1.000 Franken pro Monat als Praktikanten angestellt werden. Gegen die Arbeit auf Abruf. Dagegen, dass Handlanger immer häufiger Fachkräfte ersetzen. Gegen Betrügereien auf dem Arbeitsmarkt.

Seit fünf Jahren erstattet die Gewerkschaft systematisch Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft, wenn sie auf einen neuen Fall stößt. Der beginnt meist mit einer Lohnabrechnung, die in Ordnung scheint. Aber unter der Hand zahlen die Arbeiter dem Arbeitgeber 1.000 Franken des ausbezahlten Lohnes zurück. Oder hinter einem vertraglich vereinbarten 60-Prozent-Pensum und -Lohn verbirgt sich eine Vollzeitstelle. Oder die Firmen nutzen eine der noch immer klaffenden Gesetzeslücken: Arbeiter dürfen von ausländischen Firmen für bis zu 90 Tage in die Schweiz entsendet werden. Im Tessin kann es aber sein, dass dieselben Arbeiter nach Ablauf der Frist am gleichen Arbeitsplatz anzutreffen sind, nun aber als Angestellte von Personalvermittlungsfirmen. Oder ein Unternehmen holt Süditaliener mit Billigfliegern in den Norden, bringt sie in einer Lagerhalle mit Betten, Kochstelle und Fernseher unter. Und entsendet sie von dort auf Baustellen in die Schweiz; die Einsätze dauern oft bis zum Morgengrauen.

"Die Opfer sind sich klar bewusst, dass sie betrogen werden."
Enrico Borelli, 49, Gewerkschaftssekretär im Tessin

Die Italiener stehen Schlange für solche Jobs, bei denen sie nicht mehr als 2.000 Franken im Monat verdienen. Gewerkschafter Borelli sagt: "Die Opfer sind sich klar bewusst, dass sie betrogen werden. Doch lieber lassen sie sich im Tessin für 1.500 Franken ausbeuten als in Italien noch schlechter bezahlt zu werden."

Stefano Rizzi ist der Direktor des kantonalen Wirtschaftsamts im Tessin, und zugleich ist er Präsident der Tripartiten Kommission, in der Kantons-, Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter den Arbeitsmarkt beobachten. Rizzi warnt vor Verallgemeinerungen. "Die Konjunktur ist kräftig, es gibt mehr Arbeitsplätze, die Zahl der Arbeitslosen sinkt. Zugleich aber gibt es in bestimmten Sektoren Lohndumping."

Missstände bei jedem zehnten Arbeitsplatz

Im Tessin wurden 2016 ein Drittel aller Betriebe ohne Gesamtarbeitsvertrag überprüft. Missstände stellten die Kontrolleure bei jedem zehnten Arbeitsplatz fest. Das heißt: In der großen Mehrheit der Betriebe entsprechen Löhne und Arbeitsbedingungen der Norm.

Nirgendwo in der Schweiz wird der Arbeitsmarkt so intensiv kontrolliert. Und nirgendwo hat eine – notabene bürgerliche – Kantonsregierung so viele Normalarbeitsverträge verfügt wie im Tessin: 17 sind es insgesamt, mehr als im gesamten Rest des Landes. Werden in einer Branche schwere und wiederholte Lohnmissbräuche amtlich festgestellt, kann der Staat mit Normalarbeitsverträgen einen Mindestlohn erzwingen.