Ja,

sagt Martin Machowecz: Ossis sind endlich ganz selbstverständlich Führungsspieler

Schlimmstenfalls war er nur ein Held für eine Woche. Dann nämlich, wenn Deutschland das letzte Gruppenspiel gegen Südkorea noch vergeigt haben sollte, das erst nach Redaktionsschluss dieser Zeitung stattfand. Aber auch ein Held für eine Woche ist ja immer noch: ein Held.

Toni Kroos ist einer der besten Fußballer, die Deutschland je hervorgebracht hat, und er stammt aus Greifswald, Mecklenburg-Vorpommern. Er ist dort geboren am 4. Januar 1990. Die FAZ hat einst den erstaunlichen Fakt verbreitet, dass Kroos der einzige in der DDR geborene Mann ist, der Fußballweltmeister wurde. Weil die DDR, als er zur Welt kam, schon im Sterben lag, wird er aller Voraussicht nach auch der letzte Spieler bleiben, dem das gelungen ist.

Und jetzt hat er sich auch noch für alle Deutschen unsterblich gemacht.

Am vorigen Wochenende sorgte Kroos für einen Moment, der so etwas wie die Rettung des Landes bedeutete, vorläufig. In allerletzter Minute, im Spiel gegen Schweden, schoss er ein indirektes Freistoßtor, das nicht nur makellos war, sondern auch die Chancen seines Teams wahrte, doch in die nächste Runde einzuziehen. Das Land taumelte vor Glück über Kroos’ genialen Moment.

Aber kaum jemandem fiel auf, dass das Land da über das Tor eines Ostdeutschen jubelte.

Dass ein Ostdeutscher im Zentrum einer deutschen Ekstase stand. Ausgerechnet ein ostdeutscher Mann, also ein Vertreter der mit am meisten in Verruf geratenen Bevölkerungsgruppe des vergangenen Jahres!

Andererseits: Hat das nicht einen Grund, dass es kaum jemandem auffiel? Ergibt es überhaupt Sinn, über das Ostdeutsche an einem jungen Mann wie Kroos zu sprechen, sein Ost-Heldentum herauszukehren? Toni Kroos redet wenig über Osten und Westen, er ist in München zum Star und in Madrid zum Weltstar geworden, und er sagte mal, mit der DDR könne er wenig anfangen.

Aber gerade deshalb ist es auch sinnvoll, ihn als ostdeutschen Star zu sehen. Weil Toni Kroos zu der Sorte Männer gehört, die der Osten sehr dringend braucht; als Identifikationsfiguren, als Ankermenschen, als Fixpunkte. Eine erodierende Gesellschaft braucht Helden. Und Toni Kroos ist ein Held. Sein Weg dorthin könnte nicht ostdeutscher sein und nicht mecklenburgischer.

Toni Kroos’ Eltern waren beide Sportler in der DDR, sein Vater Roland trainierte ihn und seinen Bruder Felix in der Jugend, beim Greifswalder FC. Wesentliche Schritte seiner Entwicklung machte Kroos bei Hansa Rostock, ehe er mit 16 zu einer Spitzenmannschaft wechselte: Bayern München. Dass er gehen musste, um ein Großer zu werden, liegt daran, dass er Ostdeutscher ist: 2006 gab es keinen Spitzenverein in den neuen Bundesländern. Das hat sich inzwischen, wegen RB Leipzig, immerhin partiell geändert.

Bei Bayern wurde Kroos unterschätzt, weil er ein unauffälliger Mensch ist; weil er mecklenburgisches Understatement pflegt, das oft missverstanden wird als Mutlosigkeit. Der FAZ sagte Roland Kroos, der Vater, einmal: "Wer den Mecklenburger kennt, der weiß, dass er es mit Leuten zu tun hat, die sich nicht in den Vordergrund drängen. Wenn ich mir die WM-Bilder von Rio anschaue, dann suche ich immer vergeblich nach Toni, wie er den Pokal in Händen hält."

Aber dass er den Pokal in Händen hielt, zeigt ja, wo er angekommen ist. Viele, die Toni Kroos beobachten, sagen, dass sein Selbstbewusstsein überwältigend sei; er brauche nur keine dicke Karre, um das zu beweisen. Er gilt als Führungsspieler mit enormer Autorität, die ohne Bling-Bling auskommt. Autorität, die selbstverständlicher ist, als es die des Ebenfalls-Ossis Michael Ballack einst war: Der musste sein Führungsspielertum erzwingen. Kroos erzwingt nichts, ist einfach gut. Er hat keine Scheu. Auf Twitter lobte er Angela Merkel im Wahlkampf mit dem Satz: "Es lebe Angie!!" Das gab Prügel für ihn; ihm war es egal, weil er in sich ruht, warum auch nicht. Er hat die Lässigkeit, die dem Ostmann angeblich fehlt.

Bling-Bling? Toni Kroos ist ein unsichtbarer ostdeutscher Held. Großartig. Der Osten braucht viele unsichtbare Helden, Tausende.

Martin Machowecz