Auf 50 Meter Höhe öffnet sich das Metallgitter des Fahrstuhls. Ein Schritt nur bis ins Freie. Der Wind pfeift. Die Handflächen sind verschwitzt. Der Atem rast. In der Tiefe, unter dem Glasboden, wirkt alles so klein und weit entfernt. Was für ein Fehler, hier hochgestiegen zu sein! Drei Schritte bis zur Mitte der Scheibe. Jede Bewegung kostet größte Überwindung. Einatmen, ausatmen, einatmen. Dann sieht man ungehindert in die Tiefe.

Der Turm, auf den man gerade gestiegen ist, existiert nur im virtuellen Raum, den die Firma VTplus programmiert hat. Um den Turm zu erklimmen, braucht es eine Virtual-Reality-Brille auf dem Kopf und die Software, die Mathias Müller und sein Team entwickeln.

Der Einsatz von Virtual-Reality-Szenarien ist ein wichtiger Forschungsansatz für die Behandlung von Angststörungen. Mit ihnen lassen sich problemlos Situationen konstruieren, abwandeln und wiederholen, die Angst erzeugen – die Voraussetzung, um sie abbauen zu können.

Seit 2014 wird die Virtual-Reality-Therapie für Angststörungen in einer Leitlinie von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften empfohlen. Trotzdem wenden nur wenige niedergelassene Therapeuten die Technik an. Müller möchte das ändern. Sein System steht als erstes in Deutschland kurz vor der Zulassung zum Medizinprodukt und kann dann auch außerhalb von Universitäten eingesetzt werden.

Die Szenarien von VTplus beschränken sich allerdings noch auf einige der am weitesten verbreiteten Phobien. Die Patienten werden dabei in verschiedenen Umgebungen virtuell mit den Auslösern ihrer Angst konfrontiert.

Studien zur Virtual-Reality-Therapie von Ängsten gibt es bereits seit Mitte der Neunzigerjahre. Der Psychologe Paul Pauli nutzt die Möglichkeiten von Virtual Reality (VR) schon lange für seine Forschung an der Universität Würzburg und arbeitet dafür mit Mathias Müller zusammen. Mit der Technik ließen sich angstauslösende Situationen einfach leichter herstellen, sagt Pauli. Ob Tiere, hohe Türme, Flugzeuge, Fahrstühle oder Menschenansammlungen – im Computer lässt sich jedes Schreckensszenario eines Phobikers simulieren und damit behandeln.

Metaanalysen, welche die Ergebnisse vieler wissenschaftlicher Studien zusammenfassen, belegen inzwischen die Wirksamkeit: Die Konfrontation mit angstauslösenden Situationen in der virtuellen Realität ist genauso effektiv wie in der realen Welt. Gerade erst konnten kanadische Psychologen zeigen, dass sie bei Patienten mit sozialer Angststörung sogar besser wirkt als eine gängige Verhaltenstherapie. Das vorgegaukelte Angstszenario wirkt sogar dann, wenn die virtuelle Umgebung – um Entwicklungskosten zu sparen – nicht besonders wirklichkeitsgetreu aussieht, sondern nur künstlich und abstrakt.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Trotzdem ist die neue Technologie nicht bei jedem Patienten einsetzbar. Etwa zehn Prozent der Benutzer einer VR-Brille leiden an einer "Cybersickness", einer Art virtueller Seekrankheit. Aufgrund der relativen Neuheit fehlen auch noch Untersuchungen, wie sich VR langfristig auf Patienten auswirkt. Den Vorwurf, dass die VR-Therapie dazu beiträgt, dass es keinen Austausch mehr zwischen Therapeut und Patient gibt, findet Pauli dagegen haltlos: "Die VR-Technologie ist ein Hilfsmittel, um gewisse Teile der Therapie zu ersetzen. Den echten Kontakt und die Begleitung durch Therapeuten kann und soll sie aber nie ablösen." Begleitet von einem Therapeuten, kann die Technik Ängste deutlich verringern. Sie kann sie im schlimmsten Fall aber auch verstärken. Daher gibt es für Therapeuten mittlerweile in Form von Manualen Handlungsanweisungen für die Anwendung von VR bei Angststörungen.