Eine etwas einfachere Variante virtueller Realitäten sind 360-Grad-Videos, wie sie ein Spin-off der Universität Hohenheim namens Anders VR oder die französische Firma C2Care anbieten. Anders VR will Langzeitpatienten im Krankenhaus oder Pflegeheimbewohnern die Gelegenheit zu virtuellen Ausflügen zur Entspannung geben. C2Care ermöglicht darüber hinaus die Konfrontation mit gefilmten angstauslösenden Situationen. Zwar lassen sich die gedrehten Szenen nicht mehr verändern, ihre Produktion ist jedoch einfacher und kostengünstiger.

360-Grad-Videos verwendet auch die Therapeutin Daniela Schölling in ihrer Praxis in Darmstadt. Sie ist eine der wenigen niedergelassenen Verhaltenstherapeuten, die die VR-Technologie regelmäßig in der Arbeit mit ihren Patienten verwenden, vor allem bei Höhenangst und Angst vor engen Räumen. "Das Prinzip ist das gleiche wie bei der Konfrontation in der Realität", sagt Schölling. "Der Einsatz der VR-Brille ist jedoch deutlich einfacher und zeitsparender als das Aufsuchen der realen Situation, sodass ich die Konfrontation als Therapeutin häufiger begleiten und unterstützen kann."

Die Begleitung durch den Therapeuten ermöglicht es, falsche Annahmen des Patienten aufzuzeigen. Wenn der Patient etwa glaubt, er sei schon zwanzig Meter hoch auf einen Turm gestiegen, und es doch nur fünf waren, hilft es, ihn mit dieser Fehleinschätzung zu konfrontieren. Und wenn er keinen Schritt auf den virtuellen oder realen Turm schafft, hilft es schon, mit der Therapeutin Befürchtungen zu reflektieren.

Darüber hinaus gibt es noch weitere medizinische Felder, in denen Mediziner virtuelle Szenarien erproben. Bei Essstörungen etwa ermöglicht eine VR-Therapie die Arbeit an der Körperwahrnehmung und das Erlernen eines gesunden Umgangs mit Lebensmitteln. Patienten, die mit Alkohol- oder Zigarettenabhängigkeit zu kämpfen haben, können in der virtuellen Realität Orte wie eine Bar aufsuchen und dort mithilfe des Therapeuten trainieren, ihrem Verlangen zu widerstehen.

Brandopfer können von der VR profitieren, wenn die Ärzte sie beim schmerzhaften Wechsel der Verbände in virtuelle Eislandschaften schicken. Und im Krefelder Cäcilien-Hospital reisen Demenzkranke virtuell an die simulierten Orte ihrer Kindheit in den Fünfziger- und Sechzigerjahren.

Bislang findet die VR-Technologie in der Behandlung von Angststörungen die häufigste Anwendung, auch weil ihr Nutzen empirisch gut belegt ist. Sie sind die häufigste psychische Erkrankung, 15 Prozent der Deutschen leiden im Laufe eines Jahres an einer Form der Angststörung. Deshalb braucht es oft lange, bis die Betroffenen einen Therapeuten finden. Der Besuch eines realen angsteinflößenden Ortes in der Konfrontationstherapie ist nämlich aufwendig, oft fehlt den Therapeuten dafür die Zeit. Bislang setzen sich weder die Gesundheitspolitik noch die Krankenkassen dafür ein, die Zahl der Behandlungsplätze zu erhöhen. Insofern könnte die technische Neuerung die Angsttherapie effizienter gestalten – und so helfen, eine Versorgungslücke zu schließen.

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