In der Spätphase des goldenen Zeitalters narrativer Fernsehserien gibt es kaum noch Drehbuchautoren, die ihrem Stoff keine Metaebene verpassen. Als Meister dieser Inszenierung von Selbstbegutachtung kann die atemberaubende, verstörende HBO-Serie Westworld gelten, deren zweite Staffel in Deutschland aktuell bei Sky zu sehen ist.

Auf den ersten Blick ist Westworld gehobenes Trash-Entertainment, mit allen handwerklichen Finessen, die für HBO typisch sind: Im Wild-West-Themenpark von Robert Ford (Anthony Hopkins) können zahlende Gäste wie der ominöse "Mann in Schwarz" (Ed Harris) morden, brandschatzen, ihre dunkelsten Fantasien ausleben. Der Park ist mit lebensechten Robotern bestückt, die programmiert sind, Cowboys, Indianer oder Saloon-Girls zu spielen. Nach Belieben können die Besucher sie retten, erschießen oder vögeln. Abends schwärmen die Techniker des Parks aus, um die verstümmelten Roboter-Leichen zusammenzuflicken.

Das sich täglich wiederholende Trauma, von irgendwelchen reichen Hallodris erschossen oder skalpiert zu werden, wird den Robotern zwar jeden Tag von der Festplatte gelöscht. Dass auf diesen Festplatten dann auch mal was hängen bleibt, wissen wir nicht nur von unseren ruckelnden Laptops, sondern auch aus der gleichnamigen Filmvorlage aus den Siebzigern, in der Yul Brynner einen Roboteraufstand anzettelt. Die angehäuften Erinnerungen werden zu Albträumen – und schließlich zur Erkenntnis, dass ihr ganzes Leben eine Illusion ist. Genau hier setzen die interessantesten Figuren und die beeindruckendsten schauspielerischen Leistungen von Westworld an. Evan Rachel Wood als blonde Farmerstochter Dolores und Thandie Newton als rot-bestrapste Bordellbetreiberin Maeve befreien sich im Lauf der Handlung aus den für sie vorgeschriebenen stereotypen Rollen als Heilige und Hure. Die abgebrühte Sexarbeiterin Maeve verwandelt sich nach einem schrecklichen Erweckungserlebnis in eine nuancierte Einzelkämpferin, während Dolores von der leidenden Unschuld zur Antiheldin mutiert – und sich im grausamen Crescendo der ersten Staffel an den Menschen rächt.

Auch wenn hier alle Ängste vor künstlicher Intelligenz aufschimmern, die außer Kontrolle gerät: Eigentlich sollten die Androiden vor uns mehr Angst haben als wir vor ihnen. Man dürfe nie vergessen, erinnert Parkbetreiber Ford einmal, dass die Roboter nicht echt seien. Doch wenn man nicht erkennt, ob sie echt sind oder nicht, wenn sie schluchzen oder vor Schmerz schreien, sind sie dann nicht einfach echt?

Die zweite Staffel gerät im Nachspiel der Roboterrebellion noch blutiger. Und die Produzenten Lisa Joy und ihr Ehemann Jonathan Nolan (Bruder des Regisseurs Christopher Nolan) erhöhen den Stoff vom Scifi-Trash zur Philosophie, vom Western-Kitsch zur ästhetischen Avantgarde. Wüstenpanoramen fliegen von Drohnen gefilmt vorbei, Stiere toben in Zeitlupe durch Glaslabore, die Bewohner wimmelnder Frontier Towns stehen zu Hunderten erstarrt im Staub, harte Schnitte springen zwischen Jahrzehnten und Erinnerungsfetzen.

Erinnerungsfetzen auch unseres kulturellen Gedächtnisses: 70 Jahre (amerikanischer) Fernseherfahrung strahlen da im Scheinwerferlicht, und nicht ohne Grund spielt Westworld in einem Prärie-Setting, begann das Fernsehen doch in den Fünfzigern mit dem Über-Genre Western. Allein in den USA flimmerten damals sagenhafte 28 Cowboyserien über den Bildschirm.

Die Besucher des Themenparks in Westworld können sich übrigens zur Einstimmung verkleiden. In der Garderobe stehen sie vor der Wahl zwischen einem schwarzen und einem weißen Stetson – der berühmte Westernhut, an dessen Farbe man Helden und Bösewichte unterscheidet. Die Stetsons sind so abgegriffen wie der fast unerträgliche Kitsch der Dialoge zwischen den Androiden. "Ich habe noch eine Rechnung zu begleichen, bevor ich eine Frau wie dich verdiene", schmachtete Sunnyboy Teddy (James Marsden) auf der Kuhweide mit seiner Angebeteten Dolores.

Anzulasten ist dieses Pathos nicht Joy und Nolan, sondern Lee Sizemore (Simon Quarterman). Lee ist Kopf der "Narrativen Abteilung", zuständig dafür, Abenteuermissionen zu entwerfen, den Androiden Hintergrundgeschichten und Motivationen einzuprogrammieren und ihnen Dialogbausteine einzupflanzen. Wie die Showrunner von HBO das mit ihren Figuren tun. Der Windstoß der Metafiktion bläst die Holzkulissen des alten Westens endgültig um. "Versuchen Sie mal, 300 Geschichten in drei Wochen zu schreiben", wehrt sich Lee in der zweiten Staffel gegen den Vorwurf, seine Abenteuer seien etwas repetitiv.

Dabei ist die Wiederholung der Kern der Popkultur. Das wissen Joy und Nolan, und so locken sie die Zuschauer in die Falle. Erst lullen sie sie mit beruhigenden Stereotypen ein, dann ziehen sie ihnen den Boden unter den Füßen weg. Sie jonglieren mit so vielen Erzählsträngen, Figuren, Zeitebenen dermaßen geschickt, dass bald nicht mehr klar ist, was Flashback ist und was Gegenwart, was Traum und was Festplattenstörung, was freier Wille und was bloß Code. Das treibt Fans in den Wahnsinn, die Internetforen vollschreiben mit ihren Theorien, was hier wohl vorgeht.

Darin ähneln sie dem "Mann in Schwarz", der ein verborgenes Labyrinth sucht und dafür jeden Stein umdreht, jeden Dialogfetzen nach Hinweisen überprüft. Ein Werk, das im Kostüm der Abendunterhaltung das sonst so passive Publikum motiviert, derart angestrengt über das Verhältnis von Fiktion und Realität, über die Konstruktion der Charaktere und die Struktur der Erzählweise selbst nachzudenken, blieb trotz goldenen Zeitalters bisher rar. Mit Westworld hat nun komplexe, mehrdeutige Kunst die Streamingdienste erreicht.

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