Ich bin kein Autonarr, ich bin kein Raser, und ich lege in der Woche mehr Kilometer in der Bahn zurück als die meisten Spitzenpolitiker im Dienstwagen. Ich pendle wie eine Million andere Deutsche täglich Langstrecke. In meinem Fall geht es morgens von Hannover nach Hamburg und abends zurück. Wenn mein Leben wie am Schnürchen läuft, wenn Bus, Straßenbahn und ICE pünktlich sind, dann dauert es von Haustür zu Bürotür eine Stunde und 55 Minuten. Schneller geht es nicht. Das zumindest war das Mantra, mit dem ich mich durch die Welt bewegte.

Dann kam der McLaren 570S Spider in die Redaktion. Und änderte alles.

Ich testete das Auto mit einer sehr rationalen Fragestellung. Kann ich mit ihm vielleicht doch schneller pendeln als mit der Bahn? Am Ende wird ein 4 : 0 stehen, für wen, war mir da längst egal. Denn es ging plötzlich um so viel mehr als um Schnelligkeit. Wer 570 PS im Heck sitzen hat, mit jedem Kilometer mindestens doppelt so viel CO2 in die Luft bläst wie eigentlich gesetzlich zugelassen (für Sportwagenbauer hat die EU eine Ausnahmegenehmigung ins Gesetz geschrieben) und maximal 328 Stundenkilometer schnell werden kann, der sieht die Welt mit anderen Augen.

Vor allem aber wird er mit anderen Augen gesehen.

Bisher war es so: Wenn ich abends nach Hause kam, schlich ich mich durch die Nachbarschaft. Einer von vielen, die morgens aus dem Haus gehen und abends zurückkommen. Wenn ich nun abends den McLaren parke, kleben die Nachbarskinder am 1,50 Meter hohen Metallgartenzaun. Sie sind drauf und dran rüberzuklettern. Selbst nachts gegen halb eins, beim Müll rausbringen, bemerke ich einen Teenager am Auto. "Kann ich helfen?", frage ich. "Nein, ich warte hier nur auf meinen Cousin", sagt der Teenie und schiebt dann hinterher: "Aber Ihr Auto ist cool." Er machte ein Foto.

Am Morgen nachdem ich das Auto an mich genommen habe, wache ich auf – und fühle mich wie zuletzt nach der Geburt meiner ersten Tochter. Ich eile zum Badezimmerfenster und sehe das Curaçao-Blau durch das Strukturglas schimmern. Das Baby ist noch da.

Und die eigenen Kinder können kaum erwarten einzusteigen.

Ich baue den Kindersitz ein und setze meinen dreijährigen Sohn ins Auto. Er juchzt vor Begeisterung, als ich die Flügeltür langsam schließe. So tief sitzt er sonst nur im Fahrradanhänger. Ich rolle durch die Tempo-30-Zone und öffne das Verdeck des Coupés. An diesem Morgen muss meine Frau die anderen beiden Kinder zur Kita bringen, im Auto ist nur Platz für zwei.

Vor der Kinderkrippe tut sich auf, was ich nicht zu hoffen wagte. Eine Parklücke, in die ein Laster passen würde. Sanft gleite ich auf einen Bordstein von der Höhe eines Kaugummis. Kkrrrrrr. Nun weiß ich, warum mir der McLaren-Mann den Fahrzeuglift erklären wollte, der den 570S ein wenig höher stellt. Ein Lackschaden an diesem Auto wäre vermutlich teurer als unser gebrauchter Mercedes Viano in der eigenen Garage, aber in diesem Fall ging es glimpflich aus. Ich parke in zweiter Reihe, dann kommt der Müllwagen. Langsam schiebt er sich an meinem Fahrzeugheck vorbei, dann bleibt er plötzlich stehen. Die Arbeiter holen ihre Smartphones raus und drehen ein Video. Das bin ich mittlerweile gewohnt und bin ganz entspannt. Ich muss nicht hetzen. In diesem Auto gibt den Takt nach Hamburg allein mein rechter Fuß vor. Auch die Kollegen werden meine neue Gelassenheit später sehen. Ich ziehe mir T-Shirts an. Es ist nur ein Gefühl, aber Oberhemd und Karbonfaserchassis, das passt nicht zusammen.

Normalerweise, erklärt mir der McLaren-Sprecher später, müsste ich Millionär sein, um dieses Auto zu fahren. Meist wird es als Drittwagen gekauft, als "erstes Spielzeug", so sagt er.

Mit Brüllen und Fauchen kann nicht beschrieben werden, was an der Autobahnauffahrt passiert. Der Lastwagen neben mir steht, als ich auf der Beschleunigungsspur rechts an ihm mit einem V8-Doppelturbomotor vorbeijage. Von null auf 200 km/h in 9,6 Sekunden. Das Problem ist nur: Mir wird kalt im Nacken, ich habe – Anfängerfehler – vergessen, das Dach zu schließen. Das geht nur bis 40 km/h. Ich fliege auf den nächsten Rastplatz und drücke den entscheidenden Knopf. Die linke Spur ist mein neues Gleis Richtung Hamburg. Nur wenige stellen sich in den Weg. Neun von zehn Autos machen selbst bei Tempo 180 bereitwillig Platz. Kein Mensch kann schneller fahren als ich. Wäre da nicht das Tempolimit bei der Auffahrt zur A 7. Erst 120, dann 100, dann 80, dann Stau.

Im Stau sind alle Menschen gleich

Der Stau ist ein Hort der Egalität. Dort sind alle Menschen gleich. Golf, Fiat 500 und Brummifahrer. Ich reihe mich rechts ein und werde von Lieferwagenfahrern gefilmt.

Abends auf dem Rückweg scheint die Sonne, und die Bahn ist frei. Die Kraft des Motors raubt mir den Verstand. Ich beschleunige auf sagenhafte 262 Stundenkilometer. Der McLaren hätte einfach immer weitergemacht. Aber ich kann nicht mehr.

An einem Rasthof kaufe ich mir Pommes (ohne Ketchup, nicht dass ich noch auf die handgestickten Ledersitze kleckere). Der Imbissbesitzer fragt: "Was kostet das?" 120.000 Portionen Pommes denke ich, sage aber: "240.000 Euro. So viel wie ein Haus." – "Ich nehme das Haus", sagt der Mann an der Tankstelle. Aber kann man nicht beides haben? Vielleicht geht die Kiste ja als Dienstwagen durch.

Gekämpft haben für mich schon andere. Zum Beispiel ein Tierarzt, der sich als Dienstwagen einen Ferrari zulegte, damit er standesgerecht vorfahren konnte. Der Bundesfinanzhof entschied leider relativ humorlos: Ein "ordentlicher und gewissenhafter Unternehmer" würde solch einen Repräsentationsaufwand unter Abwägung der Kosten und Vorteile nicht leisten".

Die Fakten sind ernüchternd. Selbst wenn das Finanzamt in Hannover ein Einsehen hätte und der Zeitverlag (was ich bis Redaktionsschluss allerdings noch nicht vorgeschlagen habe) mir den McLaren finanzieren würde, müsste unsere Familie wohl umziehen. Der monatliche geldwerte Vorteil des Autos (ein Prozent des Listenpreises) ist schon Abschreckung genug. Hinzu kommen aber weitere Fiskusforderungen für jeden Kilometer zur Arbeit. Insgesamt müssten wegen der langen Fahrt 6.538,70 Euro im Monat zusätzlich versteuert werden. So wird die deutsche Steuerpolitik zum Homeoffice-Beschleuniger. Dabei soll es doch eigentlich das Gegenteil tun. Das Auto soll mich zur Arbeit bringen. Und zwar schnell.

An einem Donnerstagmorgen ist Zeit für den ultimativen Test. Mein Glück sind die flexiblen Arbeitszeiten, meine Deadline ist die große Konferenz um 11.45 Uhr. Normalerweise würde ich dafür um 9.03 zu Hause in den Bus steigen und um 11 Uhr in der Redaktion sein. Mein Start mit dem Auto ist um 9.18 Uhr, Ankunft laut Navigation 10.57. Die Wettbewerbsbedingungen sind denkbar ungünstig. Es regnet. Mit 16 km/h fahre ich auf die A 7 in die zehn Kilometer Baustelle, eingeklemmt zwischen Laster und Mini. Um 9.54 Uhr ist der Vorsprung dahin, die neue Ankunftszeit ist 11.22 Uhr. Bis Soltau dauert es eine Stunde. Dann die Erlösung: Das Tempolimit ist aufgehoben. Wenn nur der Regen nicht wäre. Bei 180 Stundenkilometer ist heute Schluss, die Autos weit vor mir verschwimmen in Regenwirbeln.

Wenige Minuten später bremse ich für das nächste Tempolimit auf 100 km/h ab. Aus den Boxen klingt Can’t stop von den Red Hot Chili Peppers. Schön wär’s. Dennoch hole ich Minute um Minute auf. Um 10.57 Uhr erreiche ich die Stadtgrenze von Hamburg, um 11 Uhr parke ich fünf Minuten von der Redaktion entfernt. Geschafft.

Das Auto war wieder knapp schneller, zum vierten Mal schon. Ich spare pro Strecke ungefähr 15 Minuten, aber der größte Vorteil ist die Flexibilität, sich nicht nach dem Takt von Bus und Bahn bewegen zu müssen. Wenn nur das Tanken nicht wäre. In zwei Tagen verbrauche ich fast 99 Liter Super-Plus-Treibstoff. Die Benzinkosten betragen fast 150 Euro. Der Verbrauch lag bei knapp 13 Litern auf 100 Kilometern.

In der großen Konferenz, in der die aktuelle Ausgabe diskutiert wird, sitze ich dann allerdings wie ein Schuljunge, der seine Hausaufgaben nicht gemacht hat. Ich lese üblicherweise in der Bahn die Zeitung. Nun musste ich Auto fahren. Und kann nicht mitreden, wenn es darum geht, welche Artikel gut oder schlecht waren.

Am Nachmittag spüre ich, dass die schnellen Fahrten etwas mit mir angestellt haben. Ich kann mich schwer konzentrieren und fühle mich fahrig. Selbst wenn ich wollte, würde ich dieses Leben keinen Monat durchhalten.

Abends nehme ich wieder den Zug, um ein Haar hätte ich ihn verpasst. Ich setze mich ins Abteil und bin bis Lüneburg allein.

Und dann tue ich etwas, das schon seit zwei Tagen viel zu kurz kam. Zwischen Uelzen und Celle, für 50 Kilometer, schiebe ich meinen Rucksack auf den Tisch des leeren Abteils, darauf lege ich meine Jacke und darauf meinen Kopf. Es gibt Dinge, die kommen im Leben eines Autopendlers einfach viel zu kurz. Ich schlafe wie ein Baby.

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